Doku bei ARTE

"Berlin 1945": Erschreckende Normalität im Feuersturm

von Andreas Schoettl

Anhand von Tagebucheinträgen, Dokumenten und bislang kaum gesehenen Archivmaterial kehrt eine ARTE-Doku zurück ins Berlin des letzten Kriegsjahres.

ARTE
Berlin 1945
Dokumentation • 05.05.2020 • 20:15 Uhr

"Wieder ins Geschäft. Hier geht dann das Erzählen los, wie besoffen jeder zu Silvester war", schreibt Brigitte Eicke. Der Tagebucheintrag der 17-jährigen kaufmännischen Angestellten aus der damaligen Reichshauptstadt stammt vom 2. Januar 1945. Es scheint, die Berliner haben noch nichts davon geahnt, welcher Sturm über sie in den kommenden Wochen und Monaten hereinbrechen wird. Normalität blendete vielfach die Ahnung dessen aus, was dann kommen sollte. Der Film "Berlin 1945" von Regisseur Volker Heise erzählt das Jahr 1945 in Berlin anhand von Tagebucheinträgen, Dokumenten und bislang kaum gesehenen Archivmaterial.

Brigitte, das junge Mädchen, inzwischen 18 geworden, weiß ihren Freund Kurt im Volkssturm an einer sich ständig verändernden und nähernden Front. Dass es im Krieg nicht zimperlich zugeht, hat sie spätestens am 4. Januar 1945 erfahren. "Fliegeralarm! Es hat mächtig gebumst", schreibt sie in ihr Tagebuch. Trotz zerstörter Häuser um sie herum in einem schrecklich kalten Winter mit Temperaturen bis Minus 20 Grad erscheint sie noch entspannt. Das Mädchen Brigitte geht gerne ins Kino. Als ein Film wegen eines Fliegeralarms unterbrochen wird, ist Eicke etwas traurig. "Als würde man aus einem Traum gerissen", heißt es in einem weiteren Tagebucheintrag.

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In Volker Heises Dokumentation wird eine bewegte wie tödliche und unmenschliche Geschichte deshalb lebendig, da gänzlich auf weiterführende Erklärungen verzichtet wird. Wie in einer aktuellen Reportage stehen nüchterne Aussagen gegen erschreckende Bilder. Joseph Goebbels wird zitiert. Der Nazi-Reichspropagandaminister zeigt sich in einem Eintrag besorgt darüber, dass das Nervenzittern an Adolf Hitlers linker Hand sehr zugenommen hätte. "Was ich mit Entsetzen bemerke", so Goebbels in seinem Tagebuch. Um das deutsche Volk hingegen schien er weniger besorgt. In einer Rede vom 11. Januar forderte er: "Diese Tage und Wochen im Osten verlangen harte Herzen und harte Fäuste."

Junge Menschen wie Dieter Borkowski sollten dies unter Beweis stellen. Der Berliner wurde mit nur 16 Jahren als Luftwaffenhelfer eingeteilt. "Wir stehen nachts, wenn die englischen und amerikanischen Bomber uns besuchen, an den Geschützen", lautet seine Beschreibung. Gleichzeitig ist in Originalaufnahmen zu sehen, wie die Bombenteppiche aus den Fliegern der Alliierten abgeworfen werden.

Unten in Berlin flackern die Einschläge auf. Brandbomben seien in die Wohnung eines Nachbarn geflogen, lässt wiederum Eicke, das Mädchen von 18 Jahren, wissen. Neben den erschütternden Aussagen französischer, polnischer oder russischer Zwangsarbeiter, die über ihr unmenschliches Dasein in Lagern berichten, klingen die Worte des Mädchens geradezu vestörend sachlich, beinahe abgestumpft. Vielleicht war es wirklich so, wie ein anderer Berliner es beschreibt: "Man hat sich an die Angriffe schon so gewöhnt, dass sie zum Tagesprogramm gehören. Wenn sie einmal nicht kommen, fehlt der Berliner Bevölkerung etwas." Der Beitrag ist am Ende jedenfalls auch ein Blick auf eine beeindruckende Mentalität und wohl auch das menschlische Wesen an sich. Denn, trotz Tod und Zerstörung, selbst nach dem Kriegsende ging in Berlin das gesellschaftlich und kulturelle Leben weiter.

Berlin 1945 – Di. 05.05. – ARTE: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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