Netflix-Eigenproduktion

Zehn Gründe, warum "Das Damengambit" die beste Serie des Jahres ist

von Frank Rauscher

Ein Serienhit, der von der Seite kommt – oder besser aus der "Schachecke", wie man sie früher in den Tageszeitungen fand: "Das Damengambit" ist nicht weniger als eine Sensation. Was auch mit Schach, aber noch viel mehr mit der umwerfenden Hauptdarstellerin zu tun hat – und mit (mindestens) neun weiteren guten Argumenten!

So eigenartig es scheint: Bei Netflix hat es beinahe Tradition, dass gerade die internationalen Produktionen, die hierzulande kaum beworben werden, zu Welthits avancieren. Der durchgeknallte "Tiger King", der im deutschsprachigen Raum unter dem Titel "Großkatzen und ihre Raubtiere" mit einiger Verspätung Furore machte, oder die furiosen Western-Ladys aus "Godless" lassen grüßen. Ein aktuelles Beispiel für dieses Kuriosum ist die Serie "Das Damengambit", die mit sieben Folgen am 23. Oktober mehr oder weniger geräuschlos auf Netflix debütierte – gleichzeitig zum Varus-Schlachtengemälde "Barbaren", das als deutsche Produktion mit entsprechendem Getöse angekündigt worden war.

Aber dass sich Qualität durchsetzt, ist dann eben doch mehr als eine Binsenweisheit: Nach und nach sprach sich herum, was für ein feinsinniges, tiefgründiges, herausragend besetztes Stück Fiktion da beim Streamingdienst auf sein Publikum wartet. Es dauerte eine Weile, dann sprangen auch die Kritiker auf – sie sparen nicht mit Lobeshymnen auf die wohl beste Fernsehserie des Jahres. Warum der ganze Hype? – Wir zeigen die besten Bilder und nennen zehn gute Gründe, sich die Zeit für einen gepflegten Binge-Marathon mit "Das Damengambit" zu nehmen.

Die Story

"Das Schachbrett ist die Welt" ... – Das Zitat des Wissenschaftlers und Schriftsteller Thomas Henry Huxley (1825 – 1895) fällt in der Serie tatsächlich einmal. Weil es einfach zu gut passt: Schach ist alles – jedenfalls im Kosmos von Elizabeth Harmon (Anya Taylor-Joy), einer fiktiven amerikanischen Schach-Ikone der 60er-Jahre, deren erstaunliche Geschichte hier erzählt wird. Als Kind lernt sie vom Hausmeister des Waisenhauses, in dem sie aufwächst, die Regeln und entdeckt ihre Leidenschaft für das, was man das "Spiel der Könige" nennt und sie zur Königin in einem eigenen Reich werden lässt.

Als Teenager tastet sich Beth an die Welt der Turniere heran, als junge Frau an den Erfolg, auch an die Liebe und das schöne Leben – was Beth, die das Schachspiel mehr zu lieben scheint als sich selbst, alles andere als leicht fällt ... Eine Serie über eine Schachspielerin – das ist "Das Damengambit" fürwahr, und doch würde diese Beschreibung der mitreißenden Produktion, die am Ende gar den damals verbissen geführten Wettkampf der Systeme von USA und UdSSR spiegelt, keinesfalls gerecht werden.

Die Heldin

Was für eine schillernde, ganz und gar außergewöhnliche Figur: Beth Harmon gilt als eines der größten Schachgenies ihrer Zeit, für das der Terminus "hochbegabt" noch untertrieben wäre. Offensichtlich autistisch veranlagt, fokussiert sie sich von klein auf auf das Spiel und ihren Werdegang: Sie will Großmeisterin werden. – Den Rest der Welt und auch sich selbst scheint sie hingegen nur oberflächlich wahrzunehmen. Beth gewinnt Turnier um Turnier, das brave Mädchen mit dem weit auseinanderliegenden Katzenaugen und dem roten Bob wächst zu einer beeindruckenden Schönheit heran, avanciert gar zur Mode-Ikone, bricht Rekorde und Herzen, ziert die Titelseiten ... Nur die Suche nach der eigenen Identität scheint dieses Genie auf zwei Beinen zu überfordern. Denn im Grunde liebt Beth nur ihr Spiel – und beinahe genauso wie den Platz am Spieltisch braucht sie Alkohol und Medikamente, um mit der Welt klarzukommen. Abstürze bleiben nicht aus. Irgendwie schafft sie den atemberaubenden Weg dennoch: vom chancenlosen Kind aus einem Waisenhaus in Kentucky zum Weltstar. Es ist das pure Vergnügen, ihr dabei zuzusehen – auch wenn man manchmal weinen muss.

Die Hauptdarstellerin

Ihr sagt man schon länger eine glänzende Karriere voraus, doch spätestens seit dem furiosen Auftritt in dieser Netflix-Serie wird Anya Taylor-Joy (24) als kommender Weltstar gehandelt. Die aus Miami stammende Schauspielerin muss in "Das Damengambit" ganz ohne Theatralik auskommen, selten darf Beth lachen, noch seltener muss sie weinen. Sie wirkt über weite Strecken seltsam unbeteiligt, denn vieles für das Funktionieren der Story Entscheidende spielt sich in Beths Innerem ab. Das Wunder: Anya Taylor-Joy macht aus einer Rolle, die leicht spröde und unzugänglich hätte geraten können, eine Figur, die keinen kalt lässt. Beth Harmon, die graue, stille Maus, die zu einer der coolsten Ikonen ihrer Zeit aufsteigt, ist eine Heldin, wie sie nur in ganz großen Büchern steht: Man fiebert, leidet, ja, spielt sogar im Geiste mit ihr – selbst wenn man vom Schachspiel keinen Schimmer hat.

Sie sei "wie ein freigelegter, roher Nerv", schwärmt der Regisseur M. Night Shyamalan, der das ehemalige Model für "Split" und "Glass" verpflichtete. Ihr großer Durchbruch gelang Anya Taylor-Joy spätestens in diesem Jahr als hinreißende Titelheldin in der Jane-Austen-Verfilmung "Emma" von Regisseurin Autumn de Wilde. Im Schachmärchen von Netflix erinnert sie nun in ihrer ganzen modischen Ikonenhaftigkeit manchmal an eine andere Leinwandheldin, die mit ihren großen Augen weltberühmt wurde: an Audrey Hepburn als Holly Golightly in "Frühstück bei Tiffany".

Das Sujet

Es geht um Schach – ein Feld, um das jeder vernünftige deutsche Fernsehredakteur einen weiten Bogen machen würde. Weil: zu kompliziert, zu trocken, zu langweilig, zu sperrig. Jedenfalls für alle, die mit der Welt von 64 schwarz-weißen Vierecken auf einem Spielbrett nichts anfangen können. Bei Netflix, wo man schon mit Raubkatzenzoobesitzern Welterfolge feierte, ist man womöglich nicht so vernünftig, jedenfalls hält man sich weniger mit Bedenken dieser Art auf und lässt die Macher einfach mal machen.

Abgeliefert wurde eine Erzählung, die zwar ohne Frage auch eingefleischte Schachprofis mitnimmt, aber im Grunde auf so vielen anderen Ebenen funktioniert, dass das Thema Schach nicht weiter stört – zumal das hier durchaus omnipräsente Spiel selbst sehr kunstfertig und mit faszinierenden Bildern in die Handlung integriert wurde. Einer Handlung, die vom Erwachsenwerden und Frausein im Amerika der 60er-Jahre erzählt, die Suchtprobleme und andere Exzesse nicht ausklammert, die sogar vor dem Kalten Krieg nicht haltmacht. "Das Damengambit" ist das faszinierende Porträt einer außergewöhnlichen jungen Persönlichkeit, die das Publikum vom ersten Augenblick an in den Bann zieht. Dass die Serie einen neuen Schach-Boom auslöst, ist trotzdem nicht auszuschließen.

Die Nebenrollen

"Das Damengambit" lebt von seinen Charakteren und deren Interaktion: Dass die Serie als verkapptes Ensemblestück angelegt ist, in der diverse Nebenrollen über weite Strecken neben der Hauptfigur glänzen dürfen, sorgt für eine Verdichtung, die den Zuschauer selbst im Binge-Marathon bei der Stange hält. Es menschelnd enorm rund um die kühle Beth Harmon ... Das Besondere ist, dass die Rollen fast ausnahmslos mit unverbrauchten Gesichtern besetzt wurden.

Da ist unter anderem Beths Freundin aus Waisenhaustagen, die ausgerechnet dann wieder in ihrem Leben auftaucht, als die Heldin aus den Tiefen der Drogensucht nicht mehr herauszukommen scheint. Gespielt wird die taffe Farbige, die alles andere als ein Klischee ist, von der noch unbekannten Schauspielerin Moses Ingram. Da ist Harry Beltik, der sich, obwohl am Schachbrett wie so viele andere von ihr gedemütigt, hoffnungslos in Beth verliebt und ihr stets ein treuer Freund zu bleiben versucht. Er wird gespielt von dem Engländer Harry Melling, der in den "Harry Potter"-Filmen als Harrys Cousin Dudley Dursley "groß" wurde. Da ist auch die Schauspielerin Marielle Heller, die aus der Rolle von Beth Harmons Ziehmutter Alma eine ikonenhafte Figur ihrer Zeit macht: die alkoholsüchtige Vorstadt-Hausfrau, die ihre eigenen Bedürfnisse lange unterdrückt.

Und da ist vor allem Thomas Brodie-Sangster, der Benny Watts spielt, einen Jungen mit Cowboy-Attitüde, der neben Beth Harmon das zweite Super-Kid des US-Schachs jener Zeit ist. Auch wenn Benny ihrem Genius – genau wie alle anderen Protagonisten, die ihren Weg kreuzen – am Ende nicht gewachsen ist, entwickelt er Gefühle für Beth. Vorübergehend werden die beiden Außenseiter zu einem der außergewöhnlichsten Paare, die man je gesehen hat. Bekannt wurde Brodie-Sangster in seinem denkwürdigen Part als kindlich verliebter Junge in "Tatsächlich ... Liebe", es folgten immer größere Rollen, etwa in den "Maze Runner"-Filmen oder auch in "Star Wars: Das Erwachen der Macht". Auch der heute 30-Jährige kam aber, genau wie Anya Taylor-Joy in einer Netflix-Serie zu einem seiner bislang brillantesten Auftritte. Wobei: Schon in der Western-Serie "Godless" (2017) spielte er einen der liebenswertesten Revolverhelden, die je auf der Leinwand oder einem Bildschirm um sich ballerten.

Die Macher

"Godless" ist – obwohl ein völlig anderes Sujet verhandelt wird – eine hervorragende Referenz. Schließlich rückte auch diese ganz und gar außergewöhnliche Westernstory markante Frauen in den Fokus, Heldinnen, die man über eine ganze Staffel hinweg nicht aus den Augen lassen mochte. Alles kein Zufall: Der Macher ist derselbe. Kurz nachdem er mit der Arbeit an "Godless" fertig war, kam Scott Frank die Idee, "Das Damengambit", das so viele gerne vor ihm verfilmt hätten, in eine Miniserie zu verwandeln. "Netflix hat sich in die Idee verliebt und das O.K. gegeben", ließ sich der Filmemacher, der den Stoff gemeinsam mit seinem Kumpel Allan Scott adaptierte, zitieren. Scott bringt es in einem Interview auf den Punkt: "Es geht um ein Kind, das aufwächst und diese brillanten Talente hat. Es ist sehr schwierig, ein normales Leben zu führen, wenn man in fast jedem Bereich über eine besondere Fähigkeit verfügt. In dieser Geschichte geht es also viel mehr um ihre Dämonen als um ihre Besessenheit vom Schach, und so kann man die Serie genießen, ohne dass man etwa über Schach wissen muss."

Die Geschichte hinter der Geschichte

Ursprünglich sollte "The Queen's Gambit" ein Film werden. Allan Scott erwarb vor 30 Jahren die Rechte an dem 1983 erschienenen Roman von Walter Tevis. Zu den Regisseuren, die sich daran versuchen wollten, gehörte schließlich auch Heath Ledger, der jedoch mitten in den Vorbereitungen der Dreharbeiten für den Film starb.

Sogar eine "reale" Beth Harmon gibt es – wenngleich Roman und Film keinerlei authentische Vorlage haben. Die Chinesin Xie Jun erreichte 1991 mit kaum 20 Jahren das Finale der Weltmeisterschaft. "Ich weiß, wie beliebt die Netflix-Show 'The Queen's Gambit' ist, und es ist großartig, eine Serie über Schach zu sehen, insbesondere über weibliche Spieler. Ich habe mir einige Folgen angesehen, und ich denke, die Figur der Beth Harmon ist klug, und sie ist eine intelligente Spielerin. Sie ist charmant anzusehen, wenn sie am Brett sitzt und spielt", sagt die Großmeisterin laut "chessbase.com".

Die Resonanz in der Schachwelt

Vielleicht ist genau das die größte Stärke dieser Serie: dass sie ihr Sujet angemessen ernst nimmt. Weltstars, Schachfreunde, Schulschach-AGler werden diese Geschichte lieben. Das Bemühen um Authentizität, was das Spiel angeht, ist jederzeit zu spüren. "Das Damengambit", benannt nach eine häufig gespielten Schacheröffnung, wird, wie zu vernehmen ist, auch in Fachkreisen gefeiert. Was gewiss auch damit zu tun hat, dass der New Yorker Schachexperte Bruce Pandolfini und der Großmeister Garri Kasparov als Berater ihre Expertise einbrachten. Die Schlüsselpartien entsprechen real gespielten Turnierpartien, heißt es. Schachmagazine auf der ganzen Welt schrieben inzwischen vielseitige Storys über die Serie.

Der Style

Die deutsche "Vogue" hatte die Geschichte schon, weil sie in der Tat für jedes modeaffine Magazin oder Portal ein Pflichtstück ist: "Das steckt hinter den Outfits von Hauptdarstellerin Anya Taylor-Joy", war sie in großen Lettern überschrieben und ließ die deutsche Kostümbildnerin Gabriele Binder zu Wort kommen, die die von Folge zu Folge spektakulärer werden Looks erklärte. Die Designerin, die schon mit Angelina Jolie arbeitete, hatte offenbar großen Gefallen darin gefunden, ihre Hauptdarstellerin mit einer Unmenge an zeitlos schönen Sixties-Röcken, -Kleidern, -Cardigans, engen Hosen und allerlei Accessoires auszustaffieren. Dass Anya Taylor-Joy Erfahrungen als Model hat, konnte dabei keineswegs schaden. Sie wirkt als junge Frau in jedem Outfit elegant, wie aus dem Vintage-Modekatalog gepellt. Ganz zum Schluss sieht man Beth Harmon graziös durch ein winterkaltes Moskau schlendern – ganz in Weiß. Da ist es des Guten fast schon zu viel. "Am Ende trägt Beth den weißen Mantel mit weißer Hose und Mütze. Die Idee ist natürlich, dass sie jetzt die Königin auf dem Schachbrett ist und das Schachbrett selbst die Welt", gibt Gabriele Binder der "Vogue" preis.

Selbstredend sieht man tolle Autos und viele stylische Hotels, Bars und Restaurants in dieser Serie, die in Sachen Ausstattung mit einschlägigen High-End-Produktionen wie "Mad Men" mithält ... Und auch ein wenig deutscher Glamour ist dabei. Nicht nur die Kostümbildnerin weist auf einen Bezug zu Deutschland hin. Tatsächlich wurde "Das Damengambit" zum Teil in Berlin gedreht. Die Hauptstadt dient als Kulisse für das Moskau am Ende der 1960er-Jahre. Laut "taz" wurde unter anderem im Rosengarten an der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain gedreht. Noch eine deutsche Note gefällig? Die Leiterin des Waisenhauses wird von Christiane Seidel (38) gespielt, die auch schon in "Boardwalk Empire" mitmischte.

Die Fernsehrevolution

Irgendwann wird es vermutlich so in den Geschichtsbüchern stehen: Die Streamingdienste, und ganz besonders Netflix, haben in kaum einem halben Jahrzehnt das Frauenbild in fiktionalen TV-Produktionen revolutioniert. "Unbelievable", "Godless", "Fleabag", "Russian Doll", "Killing Eve", "Jett", "Ozark", "The Marvelous Mrs. Maisel", "Queen of the South", "The Handmaid's Tale", "Scandal", "Homecoming", "Little Fires Everywhere", "I May Destroy You" ... All diese Serien werden auf ganz verschiedene Art von Protagonistinnen geprägt, wie man sie zuvor kaum zu Gesicht bekommen hat – und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, völlig unverkrampft. Selbst in den klischeehaftesten Settings sind die Rollenbilder inzwischen radikal aufgebrochen. Man führe sich nur die von Katheryn Winnick verkörperte Wikingerkönigin Lagherta im Epos "Vikings" vor Augen, um ein Beispiel zu nennen, das diese Entwicklung auf fast groteske Art versinnbildlicht.

Diese Flut an bahnbrechenden Produktionen mit all den außergewöhnlichen, tragenden weiblichen Haupt- und Nebenrollen hat nachhaltig etwas verändert – auch in den Produktionen des linearen Fernsehens werden die Heldinnen origineller. Eine Figur wie Beth Harmon, dieser Lagherta der von männlichen Nerds dominierten Schachwelt der 60er-Jahre, Herrscherin über ein Königreich aus Bauern, Springern, Türmen, würde man aber vermutlich nach wie vor keinem hiesigen Fernsehmacher schmackhaft machen können. Wer will so was schon sehen?!


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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