ARD-Krimi

"Die Toten am Meer": Machtspielchen und Ritualmorde

von Julian Weinberger

Eine junge Kommissarin wird mit der Suche nach einem Ritualmörder betraut. Schnell gerät sie an ihre Grenzen. Ihre einzige Hoffnung: die Hilfe der schroffen Ex-Polizistin Elisabeth Haller. Gut inszenierter Krimi mit einem starken Frauenduo.

ARD
Die Toten am Meer
Kriminalfilm • 25.04.2020 • 20:15 Uhr

Schokolade kann gleichermaßen Fluch und Segen sein. Um dies zu wissen, muss man kein Philosoph sein. Ein Stück Nervennahrung nach einem anstrengenden Arbeitstag hat noch niemandem geschadet, wenngleich zu viel der süßen Versuchung sich rasch in zusätzlichen Pfunden manifestiert. Eine Gewichtszunahme muss Ria Larsen (Karoline Schuch) nicht fürchten. Zwar futtert die junge Kommissarin in unkontrollierten Fressattacken ohne Maß und Ziel Schokoriegel in sich hinein, aber nur, um sie gleich im Anschluss wieder auszukotzen. Glücklicherweise begeht der ARD-Krimi "Die Toten am Meer" aber nicht den Fehler, sich ins Schicksal seiner Hauptfigur zu verbeißen.

Stattdessen lässt Regisseur Johannes Grieser vieles im Ungewissen. Es bleibt das Rätsel, warum Ria offenbar an Essstörungen leidet. Oder weshalb ihr Verhältnis zu den Eltern schwierig zu sein scheint. Auch die Frage danach, woher die Bindungsängste der jungen Frau rühren, bleibt unbeantwortet im Raum stehen. Keine Binsenweisheiten, keine Küchenpsychologie und keine verlorenen Blicke in die Ferne werden bedeutungsschwanger inszeniert. Drehbuchautorin Heike Voßler konzentriert sich lieber auf den Kriminalfall, der Ria vor eine harte Prüfung stellt.

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Denn die Jagd nach dem Drahtzieher hinter mehreren Ritualmorden fordert die Nachwuchskommissarin nicht nur kriminalistisch heraus. Die Entscheidung ihres Chefs Bergmann (Max Herbrechter), Ria mit der Leitung des Falls zu betrauen, stößt besonders bei ihrem erfahrenen Kollegen Mattern (Ronald Kukulies) auf Unverständnis. Dabei hat der Polizeichef gute Gründe: Die Herangehensweise des Täters entspricht in vielen Details dem Vorgehen des Serienmörders Eberhard Wernicke (großartig: Martin Wuttke). Ein schneller Ermittlungserfolg also? Mitnichten, denn der Psychopath wurde schon vor Jahren überführt und eingesperrt – von Bergmann und Mattern.

Rias ungetrübter Blick soll es also richten. Doch Spuren sind im 90-Minüter lange Mangelware. Stattdessen reißt die Kommissarin alte Wunden auf, indem sie die ehemalige Polizistin Elisabeth Haller (Charlotte Schwab) aufsucht, die nach der Verhaftung Wernickes den Dienst quittierte. Die denkt anfangs gar nicht daran, Ria zu helfen und fristet stattdessen ein von Frust geprägtes und abgeschottetes Einsiedlerdasein. Doch die Nachwuchspolizistin bleibt hartnäckig, denn sie weiß: Nur mit der Hilfe Hallers kann sie die Mordserie stoppen.

Ein Irrer, der in bester Hannibal-Lecter-Manier aus der Psychiatrie die Fäden zieht oder ein wahnsinniger Nachahmer? "Die Toten am Meer" ist ein klassischer Whodunit-Krimi, bei dem die Polizisten lange im Trüben fischen. Schade ist dabei, dass der sehr präsente Martin Wuttke mit seiner einnehmenden und bitterbösen Darstellung nicht mehr Bildschirmzeit eingeräumt bekommt. Dagegen geben Karoline Schuch bei ihrer ersten Rolle als Kommissarin und die schroff auftretende Charlotte Schwab eine kraftvolle Darbietung ab. Von diesem starken Frauenduo können sich so manch andere Ermittlerteams eine Scheibe abschneiden.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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