Es beginnt wie in einem Horrorfilm: Ein Sondereinsatzkommando der Polizei führt eine Razzia bei einem Mafioso durch – schon auf dem Weg zu dessen Wohnung müssen sie eine riesige Blutlache durchschreiten. Als sie die Tür öffnen, bietet sich ihnen ein entsetzlicher Anblick: Sowohl der Gangster als auch der ganze Raum sind über und über mit dem roten Lebenssaft bedeckt – doch es gibt keine Anzeichen von Tod und Gewalt.

Die Ursache ist eine Madonnenstatue, die unaufhörlich Blut weint – neun Liter pro Stunde! Daraufhin wird sie vom Geheimdienst im Schwimmbad eines beschlagnahmten Gebäudes untergebracht. Als sich der Premierminister dort einfindet, um die Plastik zu begutachten, ist er zunächst skeptisch. Doch bald muss er feststellen, dass es sich wohl tatsächlich um "Ein Wunder" handelt, das die Menschheit in ihren Grundfesten erschüttern könnte. ARTE hat die italienische Serie ab 10. Januar im Programm und zeigt alle acht Episoden an drei aufeinanderfolgenden Donnerstagen.

Die weinende Madonna ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte und wirkt sich auf die Leben der unterschiedlichsten Personen aus. Da wären beispielsweise der Premierminister Fabrizio Pietromarchi (Guido Caprino, "Die Medici – Herrscher von Florenz") und seine Frau Sole (Elena Lietti), die mit Alkoholproblemen zu kämpfen hat und Ehebruch begeht. Oder die Wissenschaftlerin Sandra (Alba Rohrwacher, "Glück"), die für die Analyse des Blutes zuständig ist und zu Hause ihre im Wachkoma dahinsiechende Mutter pflegt. Am faszinierendsten ist sicherlich der innerlich zerrissene Priester Marcello (Tommaso Ragno), der ebenfalls als Experte herangezogen wird. Der schwerkranke Gottesmann entpuppt sich als Heuchler, der Enthaltsamkeit predigt und privat bei Glücksspielen, Pornos und Prostituierten dem Hedonismus frönt.

"Ein Wunder" ist eigenwillig, mutig und sicherlich nichts für zarte Gemüter. Das Format verhandelt durchaus aktuelle wie zeitlose politische, religiöse und gesellschaftliche Themen – nicht umsonst steht das Serien-Italien kurz vor dem Austritt aus der EU. So entsteht durchaus auch eine Bestandsaufnahme der innerlich zerrissenen italienischen Republik. Dekadenz und Doppelmoral, Korruption und Kriminalität bestimmen die Handlung – vermengt mit christlicher Symbolik. Man mag die sehenswerte Produktion, an der unter anderem Sky Italia und ARTE France beteiligt waren, an einigen Stellen für allzu schwer und bedeutungsschwanger erachten. Doch man kann sich der Faszination des so cleveren wie düsteren Konzepts kaum entziehen.

In kreativer Hinsicht zeichnet übrigens der Romanautor Niccolò Ammaniti für die Realisation der Serie verantwortlich. Als Drehbuchautor tat er sich schon bei der meisterlichen Adaption seines eigenen Coming-of-Age-Krimis "Ich habe keine Angst" (2003) hervor. "Ein Wunder" markiert sein TV-Debüt, für das er neben seiner Tätigkeit als Showrunner und Autor auch auf dem Regiestuhl Platz nahm.


Quelle: teleschau – der Mediendienst