Wissen auf unterhaltsame Art vermitteln: Mit "Galileo" perfektionierte ProSieben diese Kunst. Das Magazin mit Aiman Abdallah ist nun seit 20 Jahren auf Sendung.

Die erste Sendung dauerte gerade einmal 17 Minuten. Die Verantwortlichen ahnten es wohl: Als "Galileo" am 30. November 1998 bei ProSieben Premiere feierte, war das vor allem ein Experiment. Schließlich verband man Wissen im Fernsehen bis dahin mit öffentlich-rechtlichen Wissenschaftsformaten à la "Quarks & Co" und "alpha centauri". Eine populäre Unterhaltungswissensshow für die Masse, und dann noch auf einem Privatsender – das war neu und gewagt. Reif war die Zeit am Ende der wilden TV-90er dennoch: 20 Jahre lang läuft "Galileo" seither ohne Pause, inklusive guter Quoten und prämiert mit Auszeichnungen wie dem Grimme-Preis. Wenn die Wissenssendung Ende November ihr Jubiläum begeht, steht fraglos einer im Mittelpunkt: Aiman Abdallah, Moderator der ersten Stunde. Seine Person ist untrennbar mit der Marke verknüpft.

"Wetten, dass ..?" ohne Thomas Gottschalk war zwar Fernsehrealität, ging aber, wie man weiß, einigermaßen schief. Das Gesicht, der Stil, das Format – alles aufeinander zugeschnitten. Ähnlich verhält es sich wohl mit "Galileo" und Aiman Abdallah. Die Wissenssendung und ihr Moderator werden nur in einem Atemzug genannt. Beides "Urgesteine", hätte man früher gesagt. Für ein Format dieser Art ist diese Erkenntnis bemerkenswert. Das weiß auch Abdallah: "Tatsächlich hätte ich mir nicht im Traum ausmalen können, dass ich 20 Jahre lang 'Galileo' moderieren darf", erklärt der 53-Jährige im Gespräch mit der Agentur teleschau.

Ob er sich jemals vorstellen könne auszusteigen? "Ich möchte da gar nicht raus. Es erfüllt mich mit Stolz, dass es so ist", sagt der in Bad Kreuznach geborene Moderator mit ägyptischen Wurzeln. Stolz – noch so ein Wort, das man mit einer Wissenssendung eher weniger verknüpfen würde. Doch es passt: "Wir haben den Begriff 'Wissen' im deutschen Fernsehen neu belebt und geprägt", sagt Abdallah – und hat Recht damit. Man habe "einen Trend ausgelöst". Er sieht sich und "Galileo" als Pionier: "Als wir angefangen haben, gab es im deutschen Fernsehen 'Wissenschaftssendungen'. Uns war es wichtig, uns davon abzusetzen", stellt der Ex-Rugby-Nationalspieler klar. "Wir haben immer unterstrichen das wir eine 'WISSENS-Sendung' sind. Das bietet uns viel mehr Möglichkeiten, uns mit allen Themen des Lebens zu beschäftigen."

So wagte sich "Galileo" immer auch an die aktuellsten technologischen Fortschritte: "Es ist wichtig, dass wir jeden technischen Trend begleiten. Diese Entwicklungen betreffen uns alle, und wir alle möchten verstehen, wie sie funktionieren", drückt es Abdallah aus, der dem Publikum die erste Virtual- und Augmented-Reality-Sendung im deutschen Fernsehen präsentierte. Vielleicht liegt darin ein Geheimnis, das alle dauerhaft präsenten Formate ausmacht: Generationenübegreifend vor allem auch das junge Publikum abzuholen. Der Moderator weiß das: "Das schönste Lob ist, wenn junge Zuschauer, die in einem Alter sind, in dem sie sich für nur wenige Dinge begeistern können, auf mich zukommen und sagen: 'Galileo ist wirklich cool!'"

Neben den daueraktuellen "Themen, die unmittelbar unser Leben betreffen", widmete sich "Galileo" laut Abdallah zuletzt vermehrt Komplexen, die der derzeitigen Weltlage Rechnung tragen: "Wir sind aber in den letzten Jahren noch aktueller geworden, da es ein wachsendes politisches Interesse bei den jungen Zuschauern gibt. Und auch eine wachsende Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsgehalt in der Berichterstattung." Bereits 2010 erhielt "Galileo" den Grimme-Preis für das Spezial "Karawane der Hoffnung", das den Kampf gegen die Beschneidung junger Mädchen thematisierte. Ernsthafte Aufklärung dieser Art neben leichter Wissensvermittlung durch Heliumluftballons und Hühnereier – genau darin lag und liegt der Reiz von "Galileo".

Immer wieder gibt es Kritik

So sammelte Moderator Stefan Gödde, der 2009 zu "Galileo" stieß, einerseits eine Million Facebook-Likes, um anschließend im Darth-Vader-Kostüm zu moderieren. Andererseits reiste er als einer von wenigen Journalisten nach Nordkorea, um für "Galileo" aus der Diktatur zu berichten. Kollegin Funda Vanroy, dabei seit 2012, brütete als menschliches Huhn Eier auf ihrem Bauch aus, rief anlässlich der Wahl 2015 die Zuschauer aber auch zur ersten interaktiven "Mitmach-Doku" auf. Politik und Alltag, Banales und Weltbewegendes – die Redaktion von "Galileo" muss diesen Spagat täglich meistern. Man sehe sich, so Abdallah, "in der Pflicht": Zum einen, "unsere Zuschauer aufzuklären und zu informieren – mit Fragestellungen und einer Form, die sich von den klassischen Nachrichten unterscheidet". Zum anderen "unsere Zuschauer dazu zu ermuntern, Dinge zu hinterfragen und nach der Wahrheit zu suchen".

Ach ja, die Wahrheit. Der Kritik, wie man diesen Anspruch überhaupt mit Privatsender-Unterhaltung vereinen könne, musste sich "Galileo" in den letzten 20 Jahren immer wieder stellen. Da gab es jene, die es für manipulativ hielten, den Eindruck echter Wissenschaft in populärer Form zu erwecken; die Experimente würden wissenschaftlichen Standards nicht genügen. Andere störten sich an wissenschaftlich falschen Aussagen. Herhalten mussten dafür immer wieder in der Tat peinliche Fehler wie die Erklärung des Erdmagnetfeldes durch hohe Eisenvorkommen am Nordpol. Schwerer wogen indes die Vorwürfe der Schleichwerbung und der manipulativen Grafiken in Bezug auf die Sicherheit von Atomreaktoren.

Den seit 20 Jahren kolportierten Vorwurf, "Galileo" sei kein echtes Wissensmagazin, sondern betreibe Infotainment, sieht Abdallah "gelassen", wie er sagt. Man wolle "informieren und unterhalten", müsse "eine gute Mischung finden – damit der Zuschauer auch Lust hat einzuschalten". Den Anspruch seiner Sendung formuliert er mit Klischeesätzen: "Galileo" solle den Zuschauern "nie mit erhobenem Zeigefinger begegnen und immer auf Augenhöhe mit ihnen sein". Das Konzept, es funktioniert: Der Deutsche Fernsehpreis für das "Beste Infotainment" 2017 machte aus der Kritik kurzerhand ein Lob.

Abdallah, man merkt es, meint seine Leidenschaft für die Sendung wirklich so. Für ihn, den ehemalgien Sportreporter und Informatikstudenten, der mit 33 Jahren erstmals für die Sendung vor der Kamera stand, ist "Galileo", "was meine Arbeit angeht, mein Leben. Die Menschen verbinden mich mit 'Galileo' und ProSieben – egal, wo ich bin." Solange er das nicht ändern will, steht weiteren zwei Dekaden wohl kaum etwas im Weg.

Die Jubiläumssendung (Freitag, 30. November) begeht das erste tägliche Wissensmagazin Deutschlands standesgemäß nicht mit einer Rückschau, sondern mit einem Blick in die Zukunft. Zumindest im übertragenen Sinne: Am 20. Jahrestag steht ab 19.05 Uhr die "Generation 'Galileo'" im Mittelpunkt. Jene jungen Menschen also, die heute auch um die 20 Jahre alt sind und wie selbstverständlich in der digitalen Welt leben. Das Internet, Social Media und Smartphones sind ihnen zur zweiten Natur geworden. "Galileo" fragt: Wie tickt diese Generation?


Quelle: teleschau – der Mediendienst