"Ich hätte nie gedacht, dass eine Stadt so aus dem Ruder laufen kann": Eine eindrucksvolle BR-Doku sucht nach Gründen für die Massenpanik nach dem Anschlag auf das Münchner OEZ im Juli 2016.

An die Tragödie vom Olympia-Einkaufszentrum, sagt der deutschlandweit berühmt gewordene Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins, denken die Münchner noch oft. Anders verhalte es sich mit dem, was sich am 22. Juli 2016 an anderen Orten der Stadt abspielte. An die Panik, die Hysterie, die Falschmeldungen: "Das ist ein Kollektivangsterlebnis einer Stadt gewesen. Was davon übrig geblieben ist? Ich glaube, gar nichts. Wir haben das Tuch des Vergessens darübergelegt."

"München – Stadt in Angst" titelt die bislang ausführlichste filmische Aufarbeitung der zwei Jahre alten Ereignisse in Bayerns Landeshauptstadt gar nicht mal reißerisch. Denn genau so fühlte es sich für die Münchner damals an. Stefan Eberlein ließ für seine BR-Dokumentation, die am Donnerstagabend Welt-Premiere feierte und am Mittwoch, 18. Juli (22.45 Uhr), im BR-Dritten ausgestrahlt wird, den Tathergang genau rekonstruieren. Im Stadtteil Moosach erschoss der 18-jährige Schüler David S. neun Menschen und verletzte fünf. Aufgrund erlebter Erniedrigungen durch Mitschüler, wie die Befürworter der Amoklauf-Theorie sagen. Aus Rassenhass, wie jene argumentieren, die von einem rechtsterroristischen Anschlag ausgehen.

Noch mehr als für die Wahnsinnstat selbst interessiert sich der Filmemacher aber für die Angst-Epidemie, die sich in den Stunden nach den Morden im ganzen Stadtgebiet ausbreitete. Lange Zeit war die Informationslage völlig chaotisch. Der Einzeltäter David S. hatte sich bereits zweieinhalb Stunden nach den Schüssen im OEZ und einer angrenzenden McDonald's-Filialie selbst gerichtet. Jedoch konnten Berichte, mehrere Täter seien flüchtig, erst spät in der Nacht von den Ermittlungsbehörden ausgeräumt werden.

Befeuert durch die Weitergabe von Halb- und Unwahrheiten über Messengerdienste und soziale Medien kam es zu beispiellosen Szenen der Massenhysterie. Unter dem Eindruck der islamistischen Attentate kurz zuvor in Brüssel, Paris und Nizza zogen die Münchner kollektiv falsche Schlüsse. Hochnervöse Streifenpolizisten liefen mit der Waffe im Anschlag durch die Innenstadt und brüllten Passanten an. Spezialeinheiten aus benachbarten Bundesländern und aus Österreich wurden angefordert. Gänzlich grundlos, wie sich erst hinterher herausstellte.

"Wie ein Apokalypse-Film"

Vorgekommen sei ihm das "wie ein Apokalypse-Film", erinnert sich im Film der BR-Journalist Martin Breitkopf, der am 22. Juli von einem Bierfest am Odeonsplatz berichtete und dann als einer der Ersten mit dem Übertragungswagen nach Moosach fuhr: "Ich hätte nie gedacht, dass eine Stadt so aus dem Ruder laufen kann."

Journalisten und ranghohe Polizisten kommen in diesem Film zu Wort. Auch Anwohner, Gastwirte, Ärzte. Sie alle rekonstruieren die dramatischen Stunden aus ihrer Sicht. Wie lauter "Phantom-Tatorte" im Stadtgebiet gemeldet wurden. Wie Massen aus Gaststätten stürmten, weil jemand glaubte, Schüsse gehört zu haben. "Ich hab' gelernt, was Todesangst ist", sagt eine Innenstadtbewohnerin, die in die Massenpanik im Hofbräuhaus geriet. "Es gab keine echte Bedrohung, aber die Angst war ja echt." Insgesamt 32 Menschen wurden im Verlaufe jenes Abends durch kollektive Panik-Reaktionen verletzt.

"Zwischen 17.51 Uhr und 24 Uhr sind beim Polizeipräsidium München 4.310 Notrufe eingegangen", protokolliert der Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer vor der Kamera nüchtern. "Davon waren 310 Mitteilungen über Terroranschläge an 71 verschiedenen Tatorten." Tatorten, die allesamt keine waren.

Welche Schlüsse aus dem bis dato unbekannten Phänomen zu ziehen sind? "Ich weiß nicht, was man daraus lernen kann", zeigte sich BR-Fernsehchef Andreas Bönte bei der Premiere der Doku am Donnerstagabend in München ratlos: "Der Film ist so stark, weil er keine Conclusio hat." Bönte sieht den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in der Pflicht, einzuordnen und zu verifizieren. Rückblickend hätte die im Dauerbrennpunktmodus befindliche ARD mit dem diffusen Wissensstand jener Stunden kaum anders reagieren können.

Ein pessimistisches Resümee zog auch da Gloria Martins bei der an die Vorführung anschließende Podiumsdiskussion im City-Kino nahe des Stachus: "Ein Medium kann nicht schneller sein als eine autorisierte Quelle", übte der Beamte Kritik insbesondere an den Social-Media-Nutzern. Wenn sich Menschen mit ihrer Angst gegenseitig ansteckten bei WhatsApp und Twitter, "werden wir es nicht in den Griff bekommen", glaubt der Münchner Polizei-Pressesprecher. "Zumindest nicht so, wie wir in der Gesellschaft kommunikativ aufgestellt sind."

Das BR-Fernsehen zeigt "München – Stadt in Angst" am Mittwoch, 18. Juli, 22.45 Uhr.


Quelle: teleschau – der Mediendienst