"Unbelievable", unglaublich, ist in der neuen Netflix-Miniserie vor allem die Art und Weise, wie Behörden mit einem jugendlichen Vergewaltigungsopfer umgegangen sind. Und dass eine junge Frau das wirklich durchmachen musste.

Es ist immer ein gesundes Maß an Skepsis angebracht, wenn von Filmen, Serien oder Büchern behauptet wird, dass sie auf wahren Ereignissen basieren. Gern werden Figuren hinzuerfunden, Entwicklungen zur Steigerung der Spannung zugespitzt, es wird schlicht vor einem realen historischen Hintergrund völlig frei erzählt. Doch liest man die Reportage, die Susannah Grant ("Der Solist") als Vorlage zu "Unbelievable" (Start: 13.9.) diente, läuft es einem schnell eiskalt den Rücken runter. Geändert haben die Showrunnerin und ihre beiden Co-Autoren, Pulitzerpreisträger Michael Chabon und Ex-Pflichtverteidigerin Ayelet Waldman, lediglich Namen und ein, zwei vernachlässigbare Details. Doch die schockierenden Ereignisse und Vorgänge, denen die Netflix-Miniserie "Unbelievable" (auf Deutsch: unglaublich) ihren Titel verdankt, sind zwischen 2008 und 2011 in den USA tatsächlich so vorgefallen – und nur schwer zu verdauen.

Verstört sieht das junge Mädchen aus, das eingewickelt in eine Decke auf dem Sofa ihrer kleinen Wohnung im Wohnheim für benachteiligte Jugendliche sitzt. Dennoch beschreibt Marie (Kaitlyn Dever) dem Polizisten tapfer, was sie in den letzten Stunden erdulden musste: Sie sei mitten in der Nacht wach geworden, weil sich ein Mann auf sie gelegt und mit einem Messer aus ihrer Küche bedroht habe. Anschließend habe er sie geknebelt, mit ihren eigenen Schnürsenkeln und einer Augenbinde gefesselt und sie vergewaltigt. Das sagt sie auch dem nächsten Ermittler, der sie dazu befragt. Und dem nächsten. Und der Schwester im Krankenhaus, die ihren ganzen Körper Zentimeter für Zentimeter untersucht. Wieder und wieder muss sie sich die Bilder vor Augen rufen, die sie am liebsten vergessen würde

Eigentlich macht Marie also genau das, was ein Vergewaltigungsopfer im Idealfall tun sollte: Sofort die Polizei rufen, aussagen, sich untersuchen lassen. Nur in einem Punkt handelt die Teenagerin nicht vorbildlich, zumindest in den Augen ihres Umfelds: Sie verhält sich nicht so, wie sich ein Opfer doch bitteschön verhalten sollte.

Kann es sein, dass sie sich das alles nur ausgedacht hat, wundert sich bald ihre einstige Pflegemutter im Gespräch mit den zuständigen Ermittlern? Denen kommt dieser neue Blickwinkel nicht ganz ungelegen, immerhin hinterließ der Täter am Tatort keinerlei Spuren und irgendwann wich Marie bei einer ihrer vielen Befragungen in Details von ihren früheren Aussagen ab. Konfrontiert mit diesen Anschuldigungen – und mit effektiven Einschüchterungsversuchen der Beamten – widerruft Marie schließlich ihre Aussage.

Man wäre als Zuschauer vielleicht sogar fast geneigt, sich den Zweifeln der Ermittler und des Umfelds anzuschließen, wäre man nicht Zeuge, wie Detective Karen Duvall (Merritt Wever, "Godless") in einem anderen Teil des Landes von einer jungen Studentin einen sehr, sehr ähnlichen Tathergang ihrer Vergewaltigung geschildert bekommt. Zufällig erfährt die Polizistin, dass der Fall wiederum einem anderen ähnelt, den eine andere Ermittlerin auf einem anderen Revier seit einigen Wochen bearbeitet. Karen Duvall sucht die Kollegin auf – und hat mit Detective Grace Rasmussen (Toni Collette) bald eine starke Verbündete auf der Suche nach einem extrem vorsichtigen Serientäter.

Nur fünf Prozent aller Sexualstraftaten werden angeblich angezeigt

Am Beispiel von Duvall und Rasmussen wird gezeigt, wie Ermittlungsarbeit in Vergewaltigungsfällen auch ablaufen kann: Die beiden Detectives sind bestens geschult und wissen, dass es nicht förderlich ist, wenn ein Opfer von Ansprechpartner zu Ansprechpartner weitergereicht wird. Dass Details in Vergessenheit geraten können. Und dass jedes Opfer anders reagiert. Vor allem merkt man, dass diese beiden Polizistinnen den Täter wirklich fassen wollen, so schwer er es ihnen mit seiner sorgfältigen Planung auch macht.

Anders als in anderen Krimis spielt das Privatleben der beiden Ermittlerinnen in "Unbelievable" kaum eine Rolle. Man erfährt, was man über Duvall und Rasmussen erfahren muss, bekommt aber dennoch einen guten Eindruck von ihnen. Doch private Konflikte und persönliche Dramen haben hier keinen Platz. Denn es wäre unangemessen, damit von dem abzulenken, was die Vergewaltigungsopfer durchmachen müssen. Allen voran Marie, die nicht nur mit ihrem Trauma völlig alleingelassen, sondern komplett isoliert wird.

Wer sich je die Frage gestellt hat, warum viele Vergewaltigungsopfer vor einer Anzeige zurückschrecken, findet hier die Antwort. Terre des Femmes zufolge, werden hierzulande nur fünf Prozent aller Sexualstraftaten angezeigt. In nur 13 Prozent der Fälle kommt es am Ende zu einer Verurteilung. Die Quote der Falschanschuldigungen liegt übrigens bei drei Prozent.


Quelle: teleschau – der Mediendienst