Ein Vater kehrt plötzlich zurück aus dem Exil. Keiner seiner drei Kinder will den alten Mann bei sich aufnehmen. Was sich nach klischeebeladener Klamotte anhört, ist in Wahrheit ein kluger, warmherziger Film über die Kraft des Familienlebens.

Mit Andenmütze und Zahnbürste in der Jacke seiner abgewetzten Sakkos kehrt der etwa 80-jährige Xaver (toll: der österreichische Burgschauspieler Branko Samarowski) nach Jahrzehnten in Südamerika nach Deutschland zurück. Seine drei Kinder, die sich kaum noch oder gar nicht an ihn erinnern können, sind mittlerweile um die 50. Die taffe Businessfrau Mareike (Andrea Sawatzki), der gestresste Autohändler und Familienvater Dietrich (Simon Schwarz) und Lehrerin Felicitas (Jule Böwe). Das Sozialamt bestimmt, dass sich die Geschwister um ihren alten, mittellosen Vater zu kümmern haben – obwohl sie von ihm bislang nie etwas gehört oder bekommen haben. "Nimm du ihn" – der Titel des Films weist natürlich darauf hin, was nun folgen wird.

Niemand hat Lust auf den clochardhaften Senior, der sich jedoch mit zunehmendem Einleben als erstaunlich fit erweist. Da angeblich eine Suizidgefährdung vorliegt, darf Xaver nicht ins Heim abgeschoben werden. Also wechselt er hin und her zwischen den Haushalten seiner Kinder, die ihrerseits so manches Problem offenbaren: Der Teenagersohn von Felicitas (Anselm Haderer) spricht nicht mehr mit seiner Mutter. Autohändler Dietrich ist genervt vom Job, zudem hält ihn seine Frau für einen Waschlappen. Und Mareike? Ist der Typ "bindungsscheue Managerin", die sich mit einer Fülle von Terminen und Luxus umgibt, aber nicht weiß, ob sie die lose Beziehung mit ihrem etwas jüngeren, netten Kollegen Frank (Andreas Pietschmann) intensivieren soll.

Selbst wenn es erwartbar scheint, dass der Senior aus der Fremde all die Dysfunktionalitäten im Leben seiner Sprösslinge enttarnt und therapiert, mit welcher Liebe, erzählerischer Sorgfalt und angenehm hochwertigem Schauspiel dies passiert, ist schon erstaunlich. Die warmherzige Familienkomödie ist nämlich trotz ihres klamottigen Titels ein echtes Kleinod unter den Fernsehfilmen und deshalb zu Recht auf dem Mittwochs-Sendeplatz für die gemeinhin eher anspruchsvollen ARD-Fernsehfilmproduktionen platziert. Dass hier zwar mit Klischees gespielt, sie aber nicht bedient werden, liegt an den Machern des Programms.

Regisseur und Co-Drehbuchautor Michael Hofmann, Jahrgang 1961, drehte im Laufe seiner Karriere nur wenige Filme, die aber fast allesamt mit Preisen ausgezeichnet wurden: "Der Strand von Trouville", "Sopiiiie!" oder "Seit du da bist" sind Werke, die sich große Liebe zu ihren Figuren, eine melancholische Grundhaltung zum Leben und feinsinnigen Humanismus auszeichnen. In "Nimm du ihn" werden selbst kurz angerissene Nebenfiguren (unter anderem verkörpert von Katharina Schüttler und Martin Brambach) stets interessant erzählt und nie mit stanzenhaften Drehbuch-Füllseln abgekanzelt.

Dass mit Co-Drehbuchautor Bert Koß ("Zuckersand") noch ein Grimmepreisträger mit an Bord war, hat dem Projekt einer Familien-Dramedy mit extra viel Wärme und angenehmem Tiefgang sicher nicht geschadet. Wenn schon Familienfilme, liebes altmodisches öffentlich-rechtliches Fernsehen, dann bitte mehr von dieser Qualität!


Quelle: teleschau – der Mediendienst