Paul Würdig, vielen besser bekannt als Sido, ist in der ARD-Flüchtlingskomödie "Eine Braut kommt selten allein" in einer Hauptrolle zu sehen. Im Interview spricht der Rapper über den Film und seine eigene Sinti-Herkunft.

Es ist eine Weile her, dass er mit Maske, Schimpfwörtern und Provokationen ein Thema für den Jugendschutz war. Heute zeigt sich der einstige Gangsta-Rapper Sido, der inzwischen ein eigenes Label besitzt, deutlich reifer und reflektierter. Auch künstlerisch: Neben Nostalgie-Alben wie "Royal Bunker" produzierte der 37-Jährige nicht nur ein Kinderhörspiel, sondern er bewies auch Talent als Schauspieler.

Nach Komödien wie "Halbe Brüder" spielt Paul Würdig, so sein bürgerlicher Name, in der ARD-Flüchtlingsdramedy "Eine Braut kommt selten allein" (Mittwoch, 6. Dezember, 20.15 Uhr) nun seine bislang ernsteste Rolle. Welchen Ehrgeiz er dabei entwickelte, verrät Sido im Gespräch über Verantwortung, öffentliches Image und seine Sinti-Herkunft.

prisma: "Eine Braut kommt selten allein" ist nicht Ihr erster Film – muss sich ein Sido eigentlich ganz normal casten lassen?

Sido: Nein, der Produzent war der Meinung, dass das meine Rolle ist. Allerdings habe ich dann beim echten Casting mitgecastet, damit es Castingbänder gibt, die man Verleihern zeigen kann. Damit die auch sehen, der kann was. Und der RBB war der Einzige, der sich getraut hat, dieses Thema anzufassen.

prisma: Es geht um Flüchtlinge und Asylpolitik – warum traut man sich das nicht?

Sido: Viele sagten: "Nein, das fassen wir nicht an. Das Thema wird komisch behandelt, und wir wollen nicht, dass darüber Witze gemacht werden, und wenn Flüchtlinge, warum denn die?" Das waren komische Gespräche.

prisma: Dabei ist es ja nicht die erste deutsche Flüchtlingskomödie ...

Sido: Es gibt ja noch "Willkommen bei den Hartmanns", der Film hat gute Zuschauerzahlen gehabt. Krass fand ich aber, dass der Schwarze auf dem Filmplakat zu sehen war, aber sein Name nicht mit draufstand.

prisma: Sie selbst entstammen mütterlicherseits einer Sinti-Familie. Machten Sie daraus früher ebenso ein Geheimnis wie aus Ihrem Geburtsort Ost-Berlin?

Sido: Nee, im Freundeskreis wussten das alle. Die kennen ja auch meine Mutter – die ist sehr dunkelhäutig, und dann kommen die Fragen natürlich auf: Du bist ja kein Deutscher! Da konnte ich keinen Hehl draus machen. In der Öffentlichkeit aber rede ich nicht so viel darüber, weil ich grundsätzlich Ausgrenzung nicht mag. Und wenn man darüber redet, wo man herkommt, grenzt man sich so ab. Da packt man sich und andere in Schubladen. Das mag ich nicht.

prisma: Setzten Sie sich dennoch persönlich viel mit Ihrer Herkunft auseinander?

Sido: Meine Mutter hat immer versucht, mich so zu erziehen, dass es egal ist. Ich kann die Sprache nur in Fetzen verstehen, weil ich meine Mutter und meine Oma immer reden hörte. Das habe ich mir dann autodidaktisch selbst angeeignet – aber meine Mutter hat mir nie Vokabeln beigebracht. Außer, sie wollte mit mir in der U-Bahn über Dinge reden, die andere Menschen nicht mitbekommen sollten – etwa über Geld. Ich weiß also das Wort für "Geld". Solche Begriffe hat sie dann ins Deutsche eingestreut, wie eine Art Geheimsprache. Ganze Sätze kann ich aber nicht bilden.

prisma: Würden Sie das irgendwann aktiv lernen wollen?

Sido: Prinzipiell habe ich schon Lust drauf. Aber da wäre wieder das Problem der Ausgrenzung. Im Grunde bin ich damit zufrieden, was ich kann. Alle meine Leute können auch gutes Deutsch (lacht).

prisma: Die Roma-Familie, die in Ihrer neuen Komödie nach Deutschland kommt, gibt sich als syrische Familie aus, damit die Chancen für Asyl steigen. Könnte das manchen Zuschauern nicht sauer aufstoßen?

Sido: Das machen gerade sehr viele Menschen, das passiert ganz real. Wenn einer sagt, das stimmt nicht, dann kennt er sich nicht aus und erzählt Unsinn. Die Leute können ja nicht sagen: "Wieso zeigt ihr die Wahrheit?"

prisma: Aber ein AfD-Wähler etwa könnte sich in seinen Vorurteilen bestätigt sehen ...

Sido: Ja, aber wir sagen ja nicht, was man darüber denken soll. Wir zeigen nur, wie es ist. Wir machen keine Meinung in deinen Kopf, deine Meinung bleibt deine Meinung. Es ist natürlich im Grunde eine Pro-Flüchtlings-Komödie. Aber die Debatte dahinter geht ja viel tiefer.

prisma: Und wie sieht Ihre persönliche Position aus?

Sido: Meine Grundposition ist immer, dass ich auf der Seite der Menschen stehe. Und wenn es einem Menschen schlecht geht, ist es unsere Aufgabe, zu helfen. In welcher Form auch immer. Man kann Hilfe aber auch zu weit treiben.

prisma: Dahingehend polarisiert sich die Debatte in Deutschland ja seit einiger Zeit. Würden Sie sich als Musiker und Schauspieler auf eine Seite der Diskussion schlagen?

Sido: Nein, das ist nicht meine Aufgabe als Künstler und Entertainer. Was ich machen kann, ist, Dinge aufzuzeigen, den Spiegel hinzuhalten. Das mache ich schon immer gerne, und das ist es, was ich politisch tun kann. Das kann ich als mein Engagement bezeichnen. Aber ich würde nie den Zeigefinger erheben, nie eine Meinung aufzwängen. Das mache ich auch privat nicht. Wenn ich sage, diese Cola schmeckt, dann würde ich dir nie sagen, du musst sie trinken. So würde mich auch nicht mit jemandem über Politik streiten – ich würde mir eine andere Meinung anhören, aber es würde mich nicht interessieren.

prisma: Als Rapper haben Sie ja dennoch irgendwann darüber nachgedacht, welche Botschaften Sie den jungen Fans vermitteln wollen ...

Sido: Klar, irgendwann stellte ich fest, dass es sehr viele junge Leute sind, die das erreicht. Was für ein Bild will man da abgeben? Man kann auch ein wenig bewirken in den Köpfen der Kids. Aber nur bei denen, die das wollen. Man kauft keine Sido-CD, wenn man für einen Sido nicht affin ist. Die wollen so sein wie ich – aber ich sage ihnen: Nö, das und das finde ich jetzt nicht so cool. In meiner Musik besitze ich immer zu allem eine Haltung. Kann sein, dass das was bewegt.

prisma: Vor Kurzem sagten Sie, die Kids würden Ihre Musik ohnehin kaum noch hören – daraufhin gab es eine Empörungswelle junger Leute im Netz, die dem widersprachen. Holen die das nach?

Sido: Meist kennen die nur dieses Bild, das von mir in Deutschland herumgetragen wird – und haben sich mit mir überhaupt nicht befasst. Wenn du das nämlich tust, kennst du jeden Schritt von mir, dann weißt du auch, der ist älter geworden. Wenn du aber nur irgendwas von mir hörst, dann ist das: "Arschficksong" und "Mein Block". Frech, besoffen, im Fernsehen immer bekifft, pipapo. Über diese Dinge spricht man in erster Linie, wenn man von Sido spricht, das ist das, was mich bekannt gemacht hat. Nicht zu vergessen: der Rüpelrapper (lacht)!

prisma: Das hat sich ja in den letzten Jahren sehr geändert, Ihre Alben sind reflektierter, Sie machen Filme und sogar ein Kinderhörspiel. Was sagen Sie denjenigen, die sich den alten Sido zurückwünschen?

Sido: Das sind dann so Semi-Fans, die vielleicht ein Album haben. Die hören, dass ich ein Kinderhörspiel mache und finden das dann affig. Dann schreiben sie auf Facebook irgendeinen dummen Kommentar. Deshalb lese ich das alles gar nicht.

prisma: Versuchen Sie dem alten Image des "Rüpelrappers" bewusst entgegenzuwirken?

Sido: Nein, ich mach einfach das, worauf ich Lust habe. Egal, was die Leute sagen. Obwohl, wir wollen ja mal ehrlich sein: Ich habe zu Hause so ein Reißbrett, und überlege, welches Bild ich von mir gern als nächstes hätte (lacht). Nee, Image existiert bei mir gar nicht. Was die Leute in der Presse und so weiter dazu sagen, beeinflusst mein Tun nicht.

prisma: Apropos Tun: Als Schauspieler sind Sie in "Eine Braut kommt selten allein" erstmals in einer auch klassisch dramatischen Rolle zu sehen.

Sido: Es ist tatsächlich meine ernsteste Rolle bislang. Ernst nehme ich ja alles, was ich tue, – aber gerade dieser Film nahm mich echt mit. Vor allem weil ich diesen Typen spiele, der voll down ist, sehr unglücklich, nichts mit sich anzufangen weiß. Da war ich sehr tief drin. Nach dem Film sagte ich, ich drehe nie wieder einen, das fickt mich. Aber mittlerweile ist das schon wieder anders, wenn das richtige Drehbuch kommt. Ich glaube, ich habe das echt gut gemacht; mich auch sehr gesteigert im Vergleich zu davor.

prisma: Entwickeln Sie in der Schauspielerei einen gewissen Ehrgeiz?

Sido: Ja, das fordert mich sehr. Es ist wie in den ersten zehn Jahren, in denen ich Musik gemacht habe. Da tobte ein Krieg in mir, mit mir: Ich musste das hinkriegen, das musste klappen. Wie funktioniert das, die Mathematik hinter dem Texteschreiben? Das brachte ich mir alles selbst bei. Das war ein richtiger Kopffick. Das erlebe ich nun mit der Schauspielerei wieder, das reizt mich irgendwie. Bei der Musik ist der Kampf nicht mehr da, Musik kann ich. Das Schauspielerding kitzelt noch mal etwas heraus aus mir.

prisma: War es eigentlich einfacher für Sie, einen Plattenbaubewohner in Hellersdorf zu spielen, weil Sie selbst im Märkischen Viertel aufwuchsen?

Sido: Klar, ich kam in diese Wohnung und wusste, wie das ist. Daran musste ich mich nicht gewöhnen, ich hatte gleich ein Gefühl für die Wohnung, weil ich das im Original kannte. Die Küche, das Klappern, wie die Türen klingen. Für mich war es auch kein Problem, auf so einer Matratze zu liegen, das kannte ich. Das machte es schon leichter.

prisma: Verhielt sich das mit der Roma-Familie im Film genauso – kannten Sie das aus Ihrem Alltag auch?

Sido: Die Familie, die im Film spielte, informierten sich vorher über mich – und wollten mir weismachen, ich sei Roma. Mein Leben lang lernte ich, dass ich Sinti bin. Doch die Darsteller forschten nach meiner Familie, kannten die Namen und so weiter – und schlussfolgerten, ich sei Ostblock-Roma! Da fragte ich bei meiner Mutter nach, die nur sagte: "Ach ist doch egal" (lacht)! Aber in meiner Familie habe ich nur noch mit meiner Mutter und Schwester zu tun; der Rest ist auch über Deutschland verteilt, aber mit denen verstehen wir uns einfach nicht mehr. Meine Mutter hat sich mit denen gestritten – und da bin ich zu ihr loyal. Allerdings kann ich aus dem Grund auch nicht mehr so viel erfahren.

prisma: Finden Sie das schade?

Sido: Bei meiner Mutter ist es zum Beispiel fast das einzige Thema, das sie in ihrer Freizeit interessiert – und auch viele in meinem Alter können die Sprache und leben diesen Film komplett. Eigentlich wollte ich das ja nie. Doch ich werde immer älter, und vielleicht würde ich gern meinen Kindern davon mal erzählen wollen. Kann ich aber nicht. Das ist schon ein wenig traurig. Aber dann kann ich ihnen wenigstens beibringen, dass das eigentlich scheißegal ist.


Quelle: teleschau – der Mediendienst