Eine Mutter und ihr Sohn leben in einem Zelt im Wald. Sie sind obdachlos geworden. Auf der Suche nach einem neuen Job spielt die gelernte Flugbegleiterin immer wieder ein Versteckspiel.

Es ist wie ein Traum, ein großes Abenteuer. "Ich und meine Mutter, wir wohnen auf einem Baum, ganz oben auf der Spitze. Wir haben uns ein cooles Haus gebaut", sagt der neunjährige Ben zu seinem neuen Schulfreund Max, bei dem er ausnahmsweise schlafen darf. In Wahrheit lebt Ben mit seiner Mutter in einem einsamen Zelt im Wald. Sie haben es dort aufgeschlagen, weil sie obdachlos geworden sind. Im Obdachlosenheim, neben Pennern und Drogensüchtigen wollte die Mutter nicht leben. Zu Beginn des Films "Sterne über uns" sieht man sie, wie sie durchs Gestrüpp aus dem Unterholz einem Bahndamm entgegenstreben – sie im akkuraten blauen Kostüm mit weißer Bluse. Als sie hinfällt, sagt der Junge: "Du hast einen Arschfleck und eine Naht ist auf."

Glücklicherweise hat er nur Spaß gemacht, denn Melli ist bei einer Fluggesellschaft als Flugbegleiterin in Probezeit, gerade wird sie übernommen. Ein ganz anderes Abenteuer beginnt da für die Mutter. Immerzu wird sie ihre Wohnungslosigkeit verschweigen, auch weil das Jugendamt sonst den Jungen nimmt. Melli – Franziska Hartmann spielt sie mit großer Natürlichkeit – wird sich verstellen müssen, heimlich umziehen, den Sohn zur Schule bringen und die Frau vom Jugendamt abwehren und immer wieder vertrösten müssen.

Freundinnen, die sie um eine vorübergehende Bleibe bittet, wehren ab. Melli wird gejagt, aber sie zeigt Stärke. Sie kann das, auch wenn sie trickst. Auch wenn sie Geld beschaffen muss, verliert sie nicht die Würde.

Alles das hat sie offensichtlich auch an ihren Sohn Ben (Claudio Magno) weitergegeben. Sie ist, schon klar, eine gute Mutter, die weiß wie man ein Kind erzieht, wie man es zu Selbstbewusstsein und Stärke führt. Beide halten zusammen, sie gehen gemeinsam durch dick und dünn. Das Leben im Zelt ist toll, auch wenn sich mal Nacktschnecken hinein verlaufen oder womöglich Frösche darin hüpfen.

Ben wünscht sich, dass sie zusammen einen "Wall gegen die Wildschweine" bauen – vielleicht doch einen Wall gegen die Welt? Gegen die Pfadfinderromantik hat die Regisseurin Christina Ebelt in ihrem Erstlingsfilm die Akkuratesse des Flugbegleiterlebens in Uniform und hochhackigen Schuhen gestellt – zwei Welten prallen aufeinander. Doch es bleibt nicht etwa bei aufgesetzter Symbolik. Im Gegenteil: Im Einzelnen sind die Szenen sehr genau und wirklichkeitsnah inszeniert, sei es bei der Verweigerung eines Bankkredits oder der Freundschaft mit Bens Lehrer, die eher der Not gehorcht. Die Kamera ist immer nah, die Schauspieler sind großartig bis zum melodramatischen Ende, wenn Melli bei der Trennung einen so herzzerreißenden Schrei ausstößt wie Anita Valli in Michelangelo Antonionis Nachkriegsfilm "Der Schrei".

Dass der Film erst kürzlich ins Kino kam (14. November), dürfte eher fördertechnischen Gründen geschuldet sein, ermöglicht hat ihn vor allem die ZDF-Redaktion des "kleinen Fernsehspiels", zusammen mit ARTE, das ihn jetzt als Erstsendung zeigt.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH