Rentner Horst Claasen (Dieter Schaad) erstickt seine schwer demenzkranke Frau mit einem Kissen. Danach will er sich mit Tabletten selbst umbringen, ruft aber noch die Polizei an: "Können Sie bitte im Lauf des Tages vorbeikommen, um uns aus der Wohnung zu holen? Erste Etage, wir haben hier keinen Aufzug. Das sollten Sie wissen – wegen der Särge." Claasen überlebt den Suizidversuch, die Kommissare Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) ermitteln. Auch wenn der Mörder geständig ist – bei ihren Nachforschungen versinken die Ermittler im tristen, korrupten und überaus ungerechten System der häuslichen Pflege. Die "Tatort"-Episode "Im toten Winkel" erzählt einen leisen Fall, der die Überforderung und Not pflegender Angehöriger in den Mittelpunkt rückt. Dabei sieht man großes Schauspiel.

Rund 2,8 Millionen Menschen, das sind drei Viertel aller Pflegefälle in Deutschland, werden daheim von ihren Angehörigen versorgt. Laut einer Studie von Infratest fühlen sich 42 Prozent der Pflegenden "schwer belastet", 41 Prozent gar "extrem belastet". Zur psychischen Überforderung kommt oft finanzielle Not. Drehbuchautorin Katrin Bühlig (Grimmepreis 2014 für ihre Dokumentation "Restrisiko" über Insassen einer forensischen Psychiatrie) recherchierte intensiv in der häuslichen "Pflegeszene" Deutschlands. Für die Autorin tut sich dort eine große Gerechtigkeitslücke auf: "Die Leistungen für Pflegebedürftige zu Hause reichen von 125 Euro bis maximal 901 Euro monatlich. Bei stationärer Pflege beginnt die Unterstützung auch bei 125 Euro, steigert sich aber bis 2005 Euro. Die Pflegekasse zahlt also für stationäre Pflege viel mehr als für häusliche Pflege, teilweise mehr als das Doppelte."

Die Hölle auf Erden

Da die meisten Patienten zu Hause gepflegt werden, so Bühlig, bereichere sich der Staat auf Kosten der pflegenden Angehörigen. Diese müssten oft ihre Jobs aufgeben, um daheim für das Familienmitglied da zu sein. Das Resultat: ein Teufelskreis aus Überforderung, Armut und Verzweiflung. Jenen "toten Winkel" unseres Sozialsystems beleuchtet dieser "Tatort" mit mehreren Szenerien: Weil während der Tat von Rentner Claasen Pflegegutachter Carsten Kühne (Peter Heinrich Brix) erfolglos an der Haustür klingelte, überprüfen die Kommissare auch andere Kunden des Pflegefachmannes. Der junge Vater Oliver Lessmann (Jan Krauter) kümmert sich um seine Frau, die nach einem Unfall daheim im Wachkoma liegt, damit der kleine Sohn "seine Mama um sich hat". Und Akke Jansen (Dörte Lyssewski)? Die erlebt mit ihrer schwer demenzkranken Mutter (Hiltrud Hauschke) in den eigenen vier Wänden nichts weniger als die Hölle auf Erden. Pflegedienstleiterin Darja Pavlowa (Jana Lissovskaia), die alle Fälle betreut, versichert hingegen, in ihrem Laden laufe alles höchst professionell und korrekt.

Auch wenn sich in der Mitte der diesmal erstaunlich ruhigen, ernsthaften Bremer Episode noch ein "richtiger" Kriminalfall auftut, dieser "Tatort" ist vor allem Denkmal und Hommage für pflegende Angehörige, deren schwieriger Alltag über 90 Primetime-Minuten mit schmerzhaft langen, intensiven Szenen gewürdigt wird. Vor allem die renommierte Theaterschauspielerin Dörte Lyssewski – privat übrigens die Partnerin Ernst Stötzners – und Hiltrud Hauschke als Demenzkranke liefern als verflixte Mutter-Tochter-Seilschaft eine preiswürdig intensive Vorstellung.

Der 1982 geborene Regisseur Philip Koch stand bisher eher für spektakulär anzusehendes Kino und Fernsehen. Sein Gangsterdrama "Picco" (2010) gewann viele Preise, zuletzt inszenierte der gebürtige Münchener in seiner Heimatstadt die "Tatort"-Episoden "Der Tod ist unser ganzes Leben" sowie "Hardcore". Bei seinem Bremen-Ausflug bleibt Koch nun leise im Hintergrund und gibt stattdessen seinen Schauspielern viel Raum. Für einen "Tatort", der wenig Spaß bereitet, aber einer der thematisch wichtigsten im Fernsehjahr 2018 sein dürfte.


Quelle: teleschau – der Mediendienst