Eva Löbau feiert im neuen Schwarzwald-Tatort "Goldbach" ihre Premiere als Kommissarin und bekommt endlich die Aufmerksamkeit, die sie verdient hat. Wie sie das finden soll, weiß die 45-Jährige allerdings nicht so recht.

Lange Zeit war ihr Name von dem Harald Schmidts überdeckt. Im neuen "Schwarzwald-Tatort", über den schon lange vor Drehbeginn gesprochen wurde, sollte der bekannte Entertainer den Vorgesetzten der Kommissare spielen. Aufgrund der Personalie dachten viele, es handele sich um einen weiteren humoristischen Krimi. Weit gefehlt! Auch ohne Schmidts kurzfristige Absage wäre "Tatort: Goldbach" (Sonntag, 1. Oktober, 20.15 Uhr, ARD), der neue Krimi aus Deutschlands Südwestzipfel, ein dunkler, ernster Film geworden. Einer, bei dem Polizeiarbeit und menschliches Drama im Vordergrund stehen. Den beiden Hauptdarstellern, Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner, gefällt dieser Ansatz sehr gut. Auch deshalb, weil die beiden mit Polizei und TV-Krimikultur bisher eher fremdelten.

Theoretisch haben in Deutschland Schauspieler – von den echten Cops abgesehen – am meisten Ahnung vom Polizeiberuf. Vom Ausbildungsstand her müssten gut gebuchte Mimen eigentlich gleich hinter den Beamten selbst kommen. Jedenfalls dann, wenn man die Häufigkeit betrachtet, mit der etablierte Schauspieler in Deutschland Polizisten verkörpern. Kurioserweise ging es ausgerechnet jener Frau, die nun die Premiumrolle deutscher Krimikunst ergattere, anders. "Ich habe mich bisher halb bewusst aus diesem Geschäft rausgehalten", sagt Eva Löbau. "Einfach weil ich dachte, es gibt schon so viele Krimis, da muss ich nicht auch noch einen drehen."

Maren Ade hat Löbau zum "Tatort" geraten

Der scheinbar achtlos hingeworfene Satz der 45-Jährigen ist fast sprichwörtlich für eine Karriere, die bislang vor allem von künstlerischen Entscheidungen geprägt war. 1972 wurde Löbau in Waiblingen geboren. In Plochingen wuchs sie auf. Das klingt nicht nur schwäbisch, sondern ist es auch. Den Dialekt sprach sie dennoch nie, was auf den Umstand zurückzuführen ist, dass ihre Eltern Österreicher sind. Bis heute besitzt Eva Löbau keinen deutschen Pass. "Natürlich habe ich in meiner Kindheit viel Schwäbisch gehört, aber es nicht gesprochen. Das sollte ich zum ersten Mal in Maren Ades 'Der Wald vor lauter Bäumen' tun. Damals brauchte ich einen Sprachtrainer, weil ich eine schwäbische Sprechhemmung hatte."

Eva Löbau lacht in der Erinnerung an das Spielfilmdebüt Maren Ades, der gefeierten "Toni Erdmann"-Regisseurin. In "Der Wald vor lauter Bäumen" spielte Löbau 2003 eine junge schwäbische Lehrerin, die ins badische Karlsruhe kommt. Der intensive Film, den man sich aufgrund des Realismus von Löbaus Spiel vor lauter Fremdschämen kaum anschauen kann, erzählt vom Scheitern einer selbstunsicheren, jungen Frau, die keiner so recht mag, obwohl sie alles dafür tut.

Maren Ade ist seit dem gemeinsamen künstlerischen Beginn zur Freundin und Beraterin Eva Löbaus geworden. Ade habe ihr dazu geraten, die "Tatort"-Rolle anzunehmen, deren Angebot Löbau erst mal ziemlich überraschte. Bislang war die 45-Jährige eher Schauspiel-Experten ein Begriff. Man sah die Wahlberlinerin im Theater oder bei künstlerisch anspruchsvollen Performances. Manchmal tauchte ihr Gesicht in pointierten Nebenrollen ("Die Mütter-Mafia") oder ambitionierten Nischenproduktionen ("Lerchenberg") des Fernsehens auf.

Tatort "Goldbach": Ein menschliches Drama

Nun also der "Tatort" – besetzt mit zwei eher unbekannten Charakterdarstellern, die aus Baden-Württemberg stammen und zum Polizistenberuf ein eher distanziertes Verhältnis pflegen. "Goldbach", das "Tatort"-Debüt von Löbau und Hans-Jochen Wagner, erzählt von zwei Ermittlern, die selbstverständlich Waffen tragen. Auch Im Fall selbst geht es um die Verbreitung von Schussschaffen im Alltag. Macher und Schauspieler des neuen SWR-"Tatorts" verbrachten Zeit bei der Schutzpolizei, wo man Bedienung und Regeln des gefährlichen Dienstgeräts lernte. Auch bei der Freiburger Kripo ließen sich die neuen TV-Kommissare intensiv einweisen. Dort wurde zudem das Drehbuch – sehr wohlwollend – in Hinsicht auf den Realismus der dargestellten Polizeiarbeit geprüft.

"Goldbach" beginnt damit, dass ein elfjähriges Mädchen von einem Schießeisen schwäbischer Herstellung getötet wird, das einem geheimen Waffenlager im Wald entstammt. Über die folgenden knapp anderthalb Stunden sieht der Zuschauer den Kommissaren dabei zu, wie diese ernsthaft ihrer Arbeit nachgehen und angefasst, aber auch erfreulich zurückhaltend, ein menschliches Drama begleiten. "Gerade weil ich niemals im Leben darüber nachdachte, Polizistin oder Ermittlerin zu werden, fand ich es wichtig, mich intensiv mit diesem Beruf, in dem man so viel Leid sieht, zu beschäftigen", sagt Löbau.

Zur Vorbereitung habe sie sich sehr viel von der britischen Krimiserie "Scott & Bailey" angeschaut, sagt sie, in der intensiver als in anderen Formaten Polizeivorgänge und Arbeitsweisen dargestellt würden. "Wenn man schon Krimi macht, wollte ich wissen, wie sich Polizisten in Situationen, in die wir laut Drehbuch geraten, wirklich verhalten. Es gibt sehr strenge Regeln: Wie man seine Waffe zu welchem Zeitpunkt anfassen darf. Wie man sich einem Verdächtigen gegenüber verhalten muss." Beim Film vergäße man oft, so Löbau, wie entscheidend das Verhalten der Polizei für den Ausgang eines Prozesses ist. "Wenn sich die Polizei nicht korrekt verhält, beeinträchtigt dies den Ausgang des Prozesses. Dann kann jemand, der eine Straftat begangen hat, freigesprochen werden. Solche Dinge, über die in Krimis selten gesprochen wird, interessieren mich".

Löbaus Spiel wirkt berührbar und verletzlich

Fast könnte man sagen, Eva Löbau bleibt auch nach ihrem Aufstieg in den Krimi-Olymp des "Tatort" jener Schauspiel-Nerd, der sie schon immer gewesen ist. Eine Frau mit besonderer Ausstrahlung. Eine, die man nicht so recht einordnen kann, weil ihre Kunst eine fast unscheinbare, aber intensive Natürlichkeit aufweist. Löbaus Spiel wirkt berührbar und verletzlich. Es erzeugt Nähe, ob man sie will oder nicht.

Ein wenig besorgt gesteht Eva Löbau, im Freundes- und Bekanntenkreis habe man ihr zum Abend des 1. Oktober das Ende ihrer Privatsphäre prophezeit. Darüber lacht sie ein bisschen verunsichert zum Ende des Interviews, das im gerade unbesetzten Büro eines Hamburger Programmkinos stattfindet.

"Ich glaube nicht wirklich, dass es so kommt", sagt die wegen ihres Lebensgefährten zwischen Karlsruhe und Berlin pendelnde Schauspielerin. "Es gibt doch schon so viele "Tatort"-Kommissare, dass es fast egal ist, wenn jetzt noch ein weiterer kommt." Wenn sie sich da mal nicht täuscht. Eva Löbau und Hans-Jochen Wagners Debüt "Goldbach" ist einer der besten Filme der Krimi-Reihe, die es in diesem Jahr zu sehen gibt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst