"Tatort"-Macher im Interview

"Seit Corona kommt mir ganz Deutschland vor wie diese Wohngruppe"

von Eric Leimann

Stuhlkreis-Verhöre und Verdächtigungen per Aura-Erspüren: So wie im alternativen Wohnprojekt "Oase Ostfildern" haben die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) noch nie ermittelt. Autor und Regisseur Dietrich Brüggemann erklärt, was er mit diesem besonderen "Tatort"-Krimi wollte.

Dietrich Brüggemann, 44, gilt als einer der interessantesten Filmemacher im Land. Mit Folgen wie dem Grimmepreis-nominierten "Tatort"-Krimi "Stau" (ebenfalls Stuttgart) oder der Ulrich Tukur-Zeitschleife "Murot und das Murmeltier" inszenierte er auch einige der besten und tragikomischsten "Tatorte" der letzten Jahre. Im Interview zu "Das ist unser Haus" erklärt er, warum Verfolgungsjagden mit dem Fahrrad Sinn ergeben, warum der Abschluss-Dialog eigentlich tröstlich war und weshalb ihn Corona-Deutschland an die Häuslebauer der "Oase Ostfildern" erinnert. Wer "Das ist unser Haus" – ein "Tatort", der einen Song von Ton Steine Scherben zitiert – nicht gesehen hat, verpasste die vielleicht klügste und witzigste Tragikomödie des ARD-Jahres.

Worum geht es? Gerade mal vier Wochen ist es her, dass die alternative Baugemeinschaft "Oase Ostfildern" in ihren Neubau mit Gemeinschaftsbereich eingezogen ist. Schon muss wegen eines Abdichtungsproblems das Fundament wieder aufgebaggert werden. Zum Vorschein kommt eine Leiche im oder besser am Keller. Die Gerichtsmedizin identifiziert sie als Frau, viel mehr weiß man zunächst nicht. Die Kommissare Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) erhalten Hinweise darauf, dass es sich bei der Toten um eine ehemalige Bewerberin beim Wohnprojekt handeln könnte. Im Laufe der 90 Minuten wurden die Kommissare regelmäßige Gäste bei Stuhlkreis-Runden, treffen Bewohner mit Aura-Verdächtigungen und philosophieren mit der "Stubenältesten" Ulrike (Musikerin Christiane Rösinger, früher "Lassie Singers") über Vor- und Nachteile des klassischen Familienmodells gegenüber einer Erwachsenen-WG.

prisma: War das Drehbuch eigentlich auf Schwäbisch?

Dietrich Brüggemann: Nein. Manche Leute mögen ja auch bestimmte Dialekte nicht, zum Beispiel Schwäbisch oder Sächsisch. Kann ich gar nicht verstehen, denn ich liebe alle deutschen Mundarten, auch das österreichische und das Schweizer Idiom. Man kann im Dialekt ganz anders zur Sache kommen als in der sogenannten Hochsprache. Und im Film geht doch darum, Menschen aufs Maul zu schauen und sie zu verstehen. Andererseits wollte ich auch keinen reinen Mundartfilm machen. Deutschland ist ja mittlerweile sehr durchmischt, da wäre eine reine Schwabentruppe seltsam gewesen. Das Drehbuch war in normalem Hochdeutsch verfasst, anders als bei "Stau"- da hatte ich die Kindergärtnerin am Anfang schon auf Schwäbisch geschrieben.

prisma: Sind Sie von der schwäbischen Wesensart traumatisiert, weil Sie dort aufgewachsen sind?

Brüggemann: Ich würde eher sagen "imprägniert", vielleicht sogar inspiriert. Es gibt überall schreckliche und tolle Leute. Ich fand das insgesamt sehr bereichernd, an verschiedenen Orten groß geworden zu sein. Und die Schwaben-Connection hat mich immer begleitet. Einer meiner liebsten Produzenten sitzt hier, der SWR hat meine ersten Kinofilme koproduziert, und beim Dreh für "Kreuzweg" entstand wiederum die Inspiration für "Stau". Ich verspüre hier, auch durch die Kontinuität in der Arbeit, inzwischen sogar ein gewisses Heimatgefühl.

prisma: Woher stammt die Idee zu "Das ist unser Haus"?

Brüggemann: Von meinem Co-Autor Daniel Bickermann, der selbst in einem solchen Wohngruppen-Kollektiv lebt. Er hat immer so interessante Geschichten mitgebracht, was dort alles abgeht. Und nach der fünften interessanten Geschichte habe ich zu ihm gesagt: "Das ist doch eigentlich ein Tatort!"

prisma: Machen Sie sich ein bisschen über die schwäbischen Häuslebauer lustig?

Brüggemann: Nein. Häuslebau ist zwar ein sehr schwäbisches Thema, aber auch ein Thema unserer Zeit. Wohnen ist unglaublich teuer geworden, es gibt einen völlig entfesselten Mietenmarkt, auch Kaufen ist zumindest in den Ballungszentren fast unerschwinglich geworden. Für mich handelt der Film von einer Gruppe unter Druck. Die Gruppe ist durchaus vergleichbar mit Deutschland, das eben auch Probleme diskutiert und sich auf einen äußeren Feind einigt. Seit Corona kommt mir ganz Deutschland vor wie diese Wohngruppe, die sich auf einen Feind eingeschossen hat, zu ihm hinfährt und ihm eins aufs Maul geben will.

prisma: Wie sind Sie auf die Idee der Verfolgungsjagd mit dem Fahrrad gekommen?

Brüggemann: Die Idee mit dem Fahrrad stand nicht im Drehbuch, sie entstand ganz spät während der Vorbereitung der Dreharbeiten. Es gab eigentlich eine andere Showdown-Szene am Ende, die ich nie so richtig überzeugend fand, und auf einmal ergab sich diese Idee. Verfolgungsjagden gehören zu den Filmformeln – so wie die Schlägerei oder die Liebesszene. Doch Formeln haben die Tendenz langweilig zu werden, wenn ihnen zu sehr folgt. Hier passt das Fahrrad auch zum Topos der WG, den wir erzählen. Und dass man mit einem Fahrrad bei Verfolgungsjagden eben auch Autos austricksen kann, ist doch mal eine schöne Erkenntnis.

prisma: Am Ende steht folgender Dialog zwischen Kommissar Lannert und einer Bewohnerin: "Menschen an sich sind halt schwierig, nervtötend und fehlerhaft. Aber die finden einen wenigstens, wenn man tot ist." Ist dies das Fazit des Wohnprojekts – und des Films?

Brüggemann: Das wäre natürlich ein tristes Fazit des Lebens: Es ist schrecklich, aber wenn man tot rumliegt, wird man wenigstens von der Gruppe gefunden. Am Ende unseres Lebens haben wir ein paar wenige Möglichkeiten. Entweder man sieht uns beim Sterben zu oder wir sterben allein. Und dann gibt es noch die Möglichkeit, irgendjemand findet unsere Leiche oder wir werden nie gefunden. Diese drei Möglichkeiten existieren – und das ist ganz schön niederschmetternd. Gleichzeitig ist die Abschlussszene sehr tröstlich, denn Richy Müller und Christiane Rösinger, deren allein lebende Figuren im ganzen Krimi schon so eine besondere Ebene haben, sind in dieser Szene eben nicht allein, sondern beieinander! Um sich auszutauschen und auch ein bisschen, um sich beizustehen.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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