In der 28. Folge der ZDF-Reihe "Unter Verdacht" bekommt es Senta Berger als Kriminalrätin Prohocek mit den Folgen der Flüchtlingskrise in Bayern zu tun. Ein forscher Panoramaschwenk zwischen Zwangsarbeit und Alltagsrassismus. 

Herr Mersander, der Nachbar von gegenüber, hat alles auf einem USB-Stick protokolliert. Wie die Jungs aus der Flüchtlingsunterkunft bei Nacht und Nebel die Einrichtung verlassen, in einen Miet-Transporter steigen und Stunden später mit vollen Einkaufstaschen zurückkehren. Hehlerware? "Ich muss mich für die Qualität der Fotos entschuldigen, ich kann ja nachts nicht mit dem Blitz arbeiten", geifert dieser schrecklich besorgte Bürger. Es gehört zu den Qualitäten der "Unter Verdacht"-Reihe, dass es auch mal ein Unsympath mit Überwachungstick sein kann, der die Ermittlungen entscheidend voranbringt.

"Die Guten und die Bösen", wie es im Untertitel der Folge heißt: So einfach ist das natürlich nicht. Tatsächlich ist wieder alles hochgradig komplex und ambivalent, da es Senta Berger in ihrem voraussichtlich drittletzten Einsatz als Kriminalrätin Eva Prohacek mit den Folgen der sogenannten Flüchtlingskrise in Bayern zu tun bekommt. Und ausnehmend tragisch ist es auch.

Sprung in den Tod

Nachdem zwei Streifenpolizisten den 13-jährigen Walid aufgreifen und in seine Unterkunft zurückbringen, geschieht Unfassbares: Offenbar schwer verängstigt reißt sich der Junge los, flieht aufs Hausdach und springt in den Tod. Wovor hatte er solche Angst? Vor dem ruppigen Polizeimeister, der es bald mit den internen Ermittlern Prohacek und Langner (Rudolf Krause) zu tun bekommt? Nein, da ist noch mehr im Busch! Der Nachbar mit der Fotokamera liegt zwar nicht richtig, aber auch nicht ganz falsch: Um sich ein paar Euro hinzuzuverdienen, haben sich einige Jungen im Heim tatsächlich mit Kriminellen eingelassen.

Für das organisierte Verbrechen ist die von wenig empathischen Gemütern gern als "Schwemme" apostrophierte humanitäre Katastrophe ein geschäftlicher Glücksfall. Menschenhandel, illegale Arbeit, Zwangsprostitution: Die elternlosen Tropfe, die traumatisiert hier aufschlagen, sind allzu oft leichte Beute. "In Deutschland sind 9000 nicht begleitete Kinder und Jugendliche verschwunden", doziert Bibiana Beglau als resolut-esoterische Heimleiterin einen Satz, der so auch in der Zeitung stehen könnte.

"Rechts von rechts beginnt der Abgrund"

Überhaupt scheint sich Drehbuchautor Michael Gantenberg umfangreich eingelesen zu haben ins Reizthema, das hier und da eine Spur zu empört durchdekliniert wird (Regie: Johannes Grieser): Flüchtlingskriminalität, überforderte Polizeibeamte, Kungelei, Berhördenschlamperei, Alltagsrassismen, blauäugiges Ehrenamt und, natürlich, politisches Kalkül.

Dass die "Unter Verdacht"-Fälle (ARTE sendet wie immer die Vorpremiere) Kreise bis in die bayerische Staatskanzlei ziehen, hat gute Tradition bei diesem Krimiformat für Sozialpessimisten. Diesmal nötigt Staatssekretär Lindengruber (Tim Seyfi) den ewigen Karrieristen Dr. Reiter (Gerd Anthoff), ein Exempel an der Flüchtlingsunterkunft zu statuieren, auf dass die Rechten vor den Wahlen nicht noch mehr Zulauf bekommen. "Rechts von rechts beginnt der Abgrund", schnurrt der aalglatte Konservative, und man ahnt: Der rechte Abgrund schaut frei nach Nietzsche schon längst in ihn zurück.


Quelle: teleschau – der Mediendienst