Seit fast 50 Jahren steht Mick Box mit Uriah Heep auf der Bühne, und es lief nicht immer alles glatt. Im Interview blickt der Kopf der Band dennoch gelassen zurück. "Wir haben alles erlebt, was man als Band erleben kann", sagt er.

Seit fast fünf Jahrzehnten sind Uriah Heep eine feste Größe in der Rockmusiklandschaft. Sie haben über 40 Millionen Tonträger verkauft und leben nach all den Jahren immer noch ihren Traum. Ihr 25. Studioalbum hat die britische Gruppe deshalb "Living The Dream" genannt. Classic Rock trifft auf Prog-Rock und Balladen. Im Interview spricht Bandchef Mick Box, inzwischen 71 Jahre alt, über seine Leidenschaft zur Musik und seine erste Gitarre. Außerdem verrät er, was Fans winkt, die über die Musik-Plattform "Pledge" ein Fan-Paket erwerben ...

prisma: Das neue Album Ihrer Band trägt den Titel "Living The Dream". Leben Sie nach einem halben Jahrhundert im Musikgeschäft wirklich immer noch "den Traum"?

Mick Box: Natürlich tun wir das, ohne Zweifel! Den Satz "Living The Dream" schrieb ich schon vor etwa einem Jahr in mein Notizbuch. Wir sprechen nach unseren Shows oft mit Fans, und die sagen uns immer wieder, dass unser Leben doch ein Traum sein müsse. Sie haben Recht. Wir tun etwas, das wir lieben, reisen um die Welt und spielen unsere Musik. Besser geht es nicht. Also passt der Titel wirklich perfekt.

prisma: Wann haben Sie erkannt, dass Musik Ihr Traum ist?

Box: Als ich 14 Jahre alt war, wusste ich, dass ich Musiker werden will. Ich ahnte natürlich nicht, dass ich einen Großteil dieses Lebens mit Uriah Heep spielen würde (lacht). Meine Mutter hat mir damals eine Gitarre gekauft, allerdings auf Raten. Ich traf mit ihr die Vereinbarung, dass ich für ein Jahr einen Job annehme, um die Gitarre abzubezahlen, danach aber sofort kündige und Musiker werde. Sie war einverstanden, und genau so lief es dann auch.

prisma: Sie haben Ihre erste Gitarre als Teenager ein Jahr lang abbezahlt? Das zeugt tatsächlich von großer Hingabe!

Box: Ja, ich war absolut fokussiert. Nichts auf der Welt hätte mich davon abhalten können. Ich war voller Leidenschaft und Antrieb. Und zum Glück ist es ja gutgegangen.

prisma: Was passiert, wenn Sie die Gitarre in die Hand nehmen?

Box: Jedes Mal ist wie das erste Mal – der Geruch, das Gefühl, der Anblick. Es ist ein so großer Teil von mir. Das war früher schon so, aber heute noch viel mehr. Ich hänge mir nicht bloß eine Weile eine Gitarre um, um damit zu spielen, vielmehr wird sie ein Teil von mir.

prisma: Ist Musik für Sie ein Mittel um auszubrechen?

Box: Musik ist oft Eskapismus, und ich denke, das ist in den heutigen Zeiten etwas Gutes. Wenn wir Konzerte geben, kommen viele im Publikum, um für eine Weile ihrem mondänen Leben zu entfliehen, oder um etwas, das gerade nicht so gut läuft, zu vergessen. Und wir zaubern für eineinhalb Stunden ein Lächeln auf ihre Gesichter.

prisma: Nur wenige Bands haben so lange durchgehalten wie Sie. Was ist Ihr Geheimnis, und was treibt Sie noch an?

Box: Leidenschaft. Ich will das Wort nicht überstrapazieren, aber genau das ist es. Sie gibt einem die Energie weiterzumachen. Dazu kommt: Viele Bands trennen sich, weil es interne Streitereien gibt.

prisma: Auch in Ihrer Bandgeschichte gab es Streitereien, Besetzungswechsel und Drogengeschichten ...

Box: Wir haben alles erlebt, was man als Band erleben kann. Aber ich bin ein sehr positiver Mensch. Alles andere ist verschwendete, negative Energie. Das bringt einen nirgendwo hin. Deswegen habe ich in den 80-ern beschlossen, nie wieder mit jemandem zu arbeiten – egal, ob es ein Musiker, ein Agent, Manager oder Techniker ist -, mit dem ich nicht auch ein Bier trinken gehen, lachen und das Leben genießen kann. Die Musik von Uriah Heep lebt nicht von irgendeiner Spannung innerhalb der Band, sondern davon, dass wir uns als Freunde gut verstehen. Zwischen uns herrscht eine gute Kameradschaft. Es gibt also keinen Grund, an ein Ende der Band zu denken. Wenn man uns live sieht oder mit uns rumhängt, spürt man diese Energie.

prisma: Wie kam Ihr neues, mittlerweile 25. Album zustande?

Box: Ich schreibe fast jeden Tag – ob es ein Song ist, ein Text, ein Blogbeitrag, eine Geschichte, ein Riff oder eine Melodie. Das ist in meiner DNA. Wenn es also Zeit für ein neues Album ist, gehe ich meinen Stapel an Ideen durch und suche die heraus, die zu Uriah Heep passen. Dann treffe ich mich mit unserem Keyboarder Phil, der genau das Gleiche tut, und wir basteln daraus Songs. Dieses Mal haben wir einige Songs atmen lassen, statt sie in ein Format zu zwängen. "Rocks In The Road" zum Beispiel. Trotzdem müssen die Songs natürlich unter dem Uriah-Heep-Banner laufen und in die Schablone passen, die wir in den 60er-Jahren gefertigt haben: mit der Hammond-Orgel, den Wah-Wah-Gitarren und dem fünfstimmigen Gesang.

prisma: Wann klopft bei Ihnen die Inspiration an?

Box: Jederzeit. Auf Tour, im Flugzeug, im Bus, zu Hause, backstage. Das Wichtige ist, etwas in der Nähe zu haben, um die Ideen zu dokumentieren. Ich habe einen Prozess, den ich "doodeln" nenne. Ich nehme eine meiner Gitarren, spiele einfach drauf los, und mit Glück kommt etwas dabei heraus.

prisma: Das klingt unangestrengt.

Box: Nun ja, ich bin kein gelernter Musiker, ich setze mich nicht hin und arbeite mit Tonleitern. Das würde mich verrückt machen. Ich doodel herum, und nach zehn oder 20 Minuten kommt meistens eine Idee.

prisma: Zu "Living The Dream" haben Sie auf der Musik-Plattform "Pledge" eine Crowdsourcing-Kampagne gestartet – die Fans können dort verschiedene Fan-Pakete erwerben ...

Box: Wir haben die Kampagne kurz nach den Albumaufnahmen gestartet, und am beliebtesten ist bei den Fans das Paket, das ihnen erlaubt, mit uns auf die Bühne zu kommen, um zu singen oder Gitarre zu spielen. Erst machen wir den Soundcheck vor ihnen, dann spielen sie einen Song mit uns. Davon gibt's hinterher dann auch ein Video als Erinnerung. Wir haben schon wahnsinnig viele Briefe von Leuten bekommen, die uns schrieben, wie bereichernd dieser Moment für sie war.

prisma: Gibt es eine Begegnung, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Box: Ein Typ aus Florida kam im Rollstuhl auf die Bühne. Das war fantastisch – und er hat richtig gut gesungen. Erst sah es so aus, als würde er vielleicht nicht kommen können, weil er in der Nacht zuvor noch ins Krankenhaus musste. Als er dann auf die Bühne kam, war er unglaublich dankbar. Ich glaube ja fest daran, dass Musik heilt. Vielleicht haben wir einen kleinen Teil dazu beigetragen, dass es ihm besser ging.

prisma: 40 Millionen verkaufte Platten, Konzerte in 61 Ländern – welche Ziele oder "Träume" haben Sie mit Uriah Heep noch?

Box: Wir haben vielleicht 40 Millionen Alben verkauft, wurden aber nie dafür bezahlt (lacht). Eine Menge Bands wurden in den 70-ern über den Tisch gezogen, und wir waren eine davon. Aber ernsthaft: Wir lieben, was wir tun, Geld ist keine Motivation. Ich würde gerne mal in China spielen, da waren wir noch nie. Davon abgesehen versucht man als Musiker natürlich immer, einen noch besseren Song zu schreiben.

prisma: Während die Band bald ihr Jubiläum anlässlich des 50-jährigen Bestehens feiert, haben Sie inzwischen die 70 überschritten. Fragen Sie sich manchmal, wo die Zeit geblieben ist?

Box: Das tun wir doch alle, oder nicht? Wenn ich zurückblicke, denke ich schon manchmal: "Wow, das habe ich wirklich alles gemacht?" – Es ist ein unglaubliches Abenteuer. Ich habe mal versucht, eine Biografie zu schreiben, aber es gibt so viele Aspekte, dass ich eine ganze Bücherei füllen könnte (lacht). Ich bin einfach froh, dass ich noch hier bin und das alles noch machen kann. Dass ich noch die Kraft habe. Viele Leute in meinem Alter haben das Leben schon aufgegeben. Und wir haben gerade ein neues Album veröffentlicht, gehen bald auf Tour und denken schon wieder an die nächste Platte. Ich habe noch viele aufregende Dinge vor mir. Ich glaube ja: Musik hält jung. Ohne Musik wäre die Welt ein schrecklicher Ort.


Quelle: teleschau – der Mediendienst