Kann ein aktiver Fußballprofi objektiv über die Nationalmannschaft urteilen? Michael Ballack, Vize-Weltmeister von 2002, zweifelt dies in einem Twitter-Eintrag an.

Nein, auch Michael Ballack war so gar nicht zufrieden mit den Auftritten der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft in Russland. Seit der Auftaktpleite gegen Mexiko begleitete der einstige Mannschaftskapitän die Leistungen seiner Nachfolger im DFB-Trikot auffallend kritisch. Nun ging er beim Kurznachrichtendienst Twitter auf den ZDF-Experten Christoph Kramer los.

Nach der Niederlage gegen Südkorea und dem damit verbundenen historischen Vorrunden-Aus hatte Ballack abermals Salz in die Wunden gestreut. Mit einem so guten Team dürfe man nicht so früh ausscheiden, stellte der 41-jährige Ex-Profi in einem Tweet fest, den er mit drei Schlagwörtern schloss: "Führung? Persönlichkeit? Mentalität?" – Offenbar hat es in den Augen des 98-maligen Nationalspielers an all dem gefehlt.

Live im ZDF ging der TV-Experte Christoph Kramer noch am Mittwoch nach dem verhängnisvollen Spiel der deutschen Mannschaft auf Ballacks Kritik ein. "Ich finde nicht, dass er mit seiner Kritik recht hat", konterte der Kramer, der vor vier Jahren in Brasilien Teil des Weltmeisterkaders war. "Es ist nicht gerecht, es auf Charakter, Mentalität und Führungsspieler zu schieben." Nach dem ersten Spieltag habe man von Grüppchenbildung gesprochen, so Kramer, nach dem späten Siegtreffer am zweiten Spieltag habe man die Moral der Mannschaft in den Himmel gelobt. "Und jetzt reden wir wieder darüber, wo die Typen und Charaktere sind. Das geht mir alles zu schnell." Eine gute Mentalität, so der 27-Jährige im Gespräch mit Moderator Jochen Breyer, lasse sich viel einfacher dann zeigen, wenn es sportlich ohnehin rund läuft.

Argumente, die Michael Ballack offenbar nicht gelten lässt. Als Replik auf Kramers Einlass stellte er die Objektivität des ZDF-Experten in Frage. "Wie kann man von einem aktiven Spieler, der zum erweiterten Kreis des DFB-Teams zählt, erwarten, dass er objektiv das DFB-Team kommentiert?", twitterte der frühere Profi von Bayer Leverkusen und Chelsea London.

Einige Twitter-User stellten postwendend die Neutralität von Michael Ballack in Frage. Seit er 2010 als Kapitän abgesetzt und ein Jahr später aus der Nationalmannschaft aussortiert wurde, gilt sein Verhältnis zu Bundestrainer Joachim Löw als belastet. Einen großen internationalen Titel hat der Vize-Weltmeister von 2002 nie errungen.

Christoph Kramer, dessen eloquente Analysen vielerorts gelobt wurden, hat seinerseits keine Gelegenheit mehr, auf Ballacks Spitze zu reagieren. Zumindest nicht als TV-Experte. Am Mittwoch verkündete der Mittelfeldspieler seinen sofortigen Abschied aus dem deutschen WM-Studio in Baden Baden. Bei seinem Verein, Borussia Mönchengladbach, steht der Trainingsauftakt an.


Quelle: teleschau – der Mediendienst