Zwischen Proberaum und Sterbebett: "Young@Heart" ist eine anrührende und würdevolle Dokumentation über den vermutlich ältesten Punkrock-Chor der Welt.

"Werden sie's mögen?", fragt Dokumentarfilmer Stephen Walker verdutzt Chorleiter Bob Cilman. Der hat als neuen Song für sein Greisenensemble Young@Heart das Feedback-geladene Sonic-Youth-Stück "Schizophrenia" ausgewählt. "Nein", entgegnet der lachend, seine Schützlinge werden es vermutlich hassen. Durch müssen sie trotzdem. Sehr schnell wird so ersichtlich, wie der Gegenstand der Musikdokumentation "Young@Heart" beschaffen ist. Hier geht es nicht darum, einen Mythos über unverwüstliche Punkveteranen zu schreiben. Und genauso wenig darum, ein behagliches Beschäftigungsprojekt für Senioren vorzustellen. Bei "Young@Heart" fließen Schweiß und Tränen, die Tonart ist bisweilen ruppig, doch jeder Einzelne weiß, dass die Mühe lohnt. Beim BR gibt es diese bemerkenswerte Dokumentation nun zu sehen (22.45 Uhr).

75 Jahre zählt das jüngste Chormitglied, 93 Jahre das älteste. Im Roadmovie-Stil stellt Regisseur Walker seine verstreut im ländlichen Massachusetts lebenden Protagonisten vor: ihre kleinen Zipperlein und ernsthaften Gebrechen, vor allem aber ihren profunden schwarzen Humor. Den haben die singenden Rentner jedoch auch dringend nötig. Denn im Proberaum mit ihrem erfrischend respektlosen Schleifer Bob wird so lange eisern geübt, bis Songs wie "Life During Wartime" der Talking Heads oder der Ramones-Klassiker "I Wanna Be Sedated" wundersam mit neuer Bedeutung aufgeladen sind.

Alles andere als eine dröge Benefiz-Veranstaltung, hat sich Young@Heart in den USA zu einem erstaunlichen Erfolgsmodell entwickelt, was ausverkaufte Konzerte in unterschiedlichen Städten belegen. Beim Auftritt vor Gefängnisinsassen kommt sogar ein wenig "Folsom Prison"-Feeling auf. Doch anstatt die Raubeine aufzustacheln, wie weiland Johnny Cash, rühren die Alten sie mit einer Abschiedshymne an ihren kurz zuvor verstorbenen Kollegen Bob Salvini fast zu Tränen.

Bei all dem widersteht Regisseur Walker der Versuchung leider nicht, sich selbst bisweilen unnötig ins Geschehen zu drängen. Dabei gewinnen die Ereignisse vor seiner Kamera ganz von selbst eine menschliche, anrührende Tiefe. Nur vier Tage nach Salvini verstarb mit Joe Benoit ein weiteres Chormitglied während der Dreharbeiten. So fängt Walker die eindrücklichste Szene seiner tragisch-süffisanten, gleichsam zwischen Proberaum und Sterbebett pendelnden Dokumentation mit ironischer Distanz ein: Vor seiner starren Linse parkt ausgerechnet ein knallgelber Schulbus, in dem der greise Chor vom Tod seines Freundes Bob Salvini erfährt. Danach geht die muntere Reise auf der "Road To Nowhere" weiter. Die war schon für die Talking Heads weiß Gott kein Anlass zum Verzagen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst