Jannik Schümann im Interview

"Westwall": dunkle Vergangenheit

22.11.2021, 07.12 Uhr
von Sarah Schneidereit
Julia (Emma Bading) und ihr Freund Nick (Jannik Schümann).
Julia (Emma Bading) und ihr Freund Nick (Jannik Schümann).  Fotoquelle: ZDF & Pawe Labe

Jannik Schümann spielt in der ZDF-Serie "Westwall" einen Aussteiger aus der rechten Szene, der mit einer Polizeischülerin zusammenkommt. Wir haben mit dem Schauspieler über das Projekt gesprochen. Außerdem hat er uns verraten, welche Serien er privat gerne schaut.

Was hat dich an "Westwall" so begeistert, dass du Teil des Projekts werden wolltest?

Als ich die Anfrage bekommen habe, habe ich mir erst einmal das Buch zur Serie gekauft, das auch von unserem Drehbuchautor geschrieben worden ist. Ein absoluter Pageturner! Es ist unglaublich spannend, es gibt ständig neue Wendungen und die Charaktere sind alle sehr vielschichtig. Mein Charakter Nick hat zum Beispiel eine sehr dunkle Vergangenheit, steht aber jetzt an einem völlig anderen Punkt.

Dieser Nick – wie würdest du ihn beschreiben?

Er hat ziemlich viel Mist erlebt. Er ist wahnsinnig introvertiert und lässt nicht so leicht Leute an sich heran. In der Kindheit hatte er keinen Halt durch seine Familie und ist in Nazi-Kreise abgedriftet. Da war diese Frau, die ihn zusammen mit anderen verwahrlosten Kindern bei sich aufgenommen und ihn das erste Mal so etwas wie Verbundenheit und Zusammenhalt hat spüren lassen. Er wurde von ihr zu einem Rechtsextremisten ausgebildet, hat aber den Absprung geschafft.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen zu wenig Liebe erfahren und in rechtsextreme Kreise abrutschen?

Ja, total. Ich würde aber nicht sagen, dass das nur auf rechte Gruppen zutrifft, sondern auf alle möglichen politischen Gesinnungen. Wenn man zum ersten Mal zu jemandem aufschaut, nimmt man fast automatisch die Haltung und das Weltbild dieser Person an.

Die Neonazi-Thematik wird im deutschen Fernsehen recht häufig aufgegriffen. Zu oft?

Ich finde es wichtig, dass wir das thematisieren. Die ganzen Landtagswahlen in den vergangenen Jahren und auch die Bundestagswahl haben gezeigt, dass rechte Parteien immer noch gewählt werden. Die Thematik ist leider durchaus aktuell. Ich finde es nur wichtig, dass Geschichten auf eine möglichst neue Art erzählt werden.

Und das macht "Westwall"?

Ja. Ich finde es nicht interessant, jemanden zu spielen, der schwarz/weiß – gut/böse ist. Nick hat so viele Facetten. Man durchlebt als Zuschauer verschiedene Emotionen ihm gegenüber: Mal mag man ihn, mal misstraut man ihm wieder. Ich habe aus dem Grund auch das Drehbuch irrsinnig verschlungen. Hinzukommt, dass Regie und Kamera in der Hand von Isa Prahl und Andreas Köhler sind, die aus dem Arthouse-Bereich kommen. Das merkt man der Serie auch an: klasse Bilder, lange Momente und Nahaufnahmen.

Gute deutsche Serien: Man muss nur wissen, wo man sie findet, oder gibt es Nachholbedarf?

Ich würde mal sagen beides! Es gibt tolle Produktionen wie "Bad Banks", "Der Pakt" oder "Dark", auch wenn mir das irgendwann zu abgedreht wurde. Auch "How To Sell Drugs Online (Fast)" habe ich unglaublich gefeiert. Die Deutschen gehen da gerade in eine großartige Richtung. Auch die neue "Sisi"-Serie, an der ich gerade für TVNOW (mittlerweile RTL+, Anm. d. Red.) arbeite, hat einen richtig tollen Look. Aber in Sachen Diversität sehe ich noch großen Nachholbedarf. Das sage ich nicht nur, weil es mich privat betrifft. Es gibt zu wenige queere Rollen. Und wenn, dann gehen diese immer in Klischees auf. Das Leben von queeren Personen besteht nicht nur aus Partynächten und Dating-Apps.

Welche Serien schaust du privat gerade?

Die Frage müsste eher lauten: Worauf freust du dich gerade? Ich bin in den kommenden zwei Wochen im Urlaub und habe mir vorgenommen, kein Fernsehen zu schauen. Dabei kommt in dem Zeitraum so gut wie alles heraus, worauf ich gerade warte... Staffel 3 von "Pose", Staffel 2 von "The Morning Show"... Generell bin ich ein großer Fan von Reese Witherspoon. Sie hat ein Händchen für fantastische Serien.

Denkst du beim Gucken daran, wie es wäre, mal mit ihr zu arbeiten?

Nicht direkt an eine Zusammenarbeit, sondern einfach daran, wie es wäre, Teil einer solchen Produktion zu sein, der ein so detailliert ausgearbeitetes Drehbuch zugrunde liegt, das den Schauspielerinnen und Schauspielern viel Raum lässt. Ich kann Filme und Serien aber auch einfach nur als Zuschauer genießen.

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