01.01.2016 Serie im ZDF

50. Folge "Wilsberg": Das Wunder von Münster

von Detlef Hartlap
Wilsberg (Leonard Lansink) ermittelt im Supermarkt.
Wilsberg (Leonard Lansink) ermittelt im Supermarkt.  Fotoquelle: ZDF/Bernd Spauke

Wenn sich Comic, Komödie und Krimi verbinden, handelt es sich um einen "Wilsberg". Am 2. Januar strahlt das ZDF die 50. Folge aus.

Wilsberg, die Serie, wird 50. Nein, nicht 50 Jahre alt, obwohl es manchmal so wirkt. Am 2. Januar wird die 50. Folge einer Serie ausgestrahlt, von der es seit Jahren heißt, ihre Qualität ließe kontinuierlich nach. Dagegen (oder dafür?) spricht, dass sich zuverlässig mehr als sechs Millionen Zuschauer einschalten, an Spitzentagen auch deutlich über sieben Millionen.

Das ist eine Hausnummer. Deutlich mehr als beim Traumschiff. Deutlich mehr als damals bei den Jauch-Talkshows, die den Vorteil hatten, eine Menge Publikum aus dem Tatort zu sich rüberziehen zu dürfen.

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Kreis der schwer bestimmbaren Fernsehzwitter

Wilsberg gehört zum Kreis der schwer bestimmbaren Fernsehzwitter – halb Krimi, halb Schwank. Die Grundkonstante lautet: Quatsch muss sein, wenn's ein bisschen mehr ist, umso besser. Dieses Strickmuster hat Wilsberg mit einem anderen recht populären Krimiverschnitt gemein, der ebenfalls in Münster spielt, dessen Titel uns nur gerade entfallen ist.

Das Publikum weiß, es wird bei Wilsberg nicht überfordert. Das Personal ist seit ewigen Zeiten vertraut wie die netten alten Leute im Haus gegenüber. Georg Wilsberg (Leonard Lansink) gibt den Antiquar, der in jeder dritten Folge kurz in einem Buch blättert. Außerdem gibt er den Privatdetektiv, der schwer zu Fuß ist und sich seine Fortbewegungsmittel schnorren muss. Wilsberg darf als perfekt entschleunigter Ermittler gelten. Dass er trotzdem meist schneller als die Polizei ist, liegt an der Polizei. Lansink ist Tegtmeiers Enkel, ein Minimum an Mienenspiel, unklare Aussprache und doch irgendwie nicht unsympathisch.

Ihm zur Seite steht Ekki (Oliver Korittke), dessen immer neue Verliebtheiten in immer neuen Enttäuschungen enden. Gut so. Denn erst als zurückgewiesener Troubadix entdeckt Ekki (mit Nachnamen heißt er Talkötter) den Spürhund in sich und wird ein Ermittler, der mit dem Ausweis eines Steuerbeamten wedelt.   

Dass man aus dieser Konstellation Folge um Folge schöpfen kann, gleicht einem Wunder. Das Wunder von Münster. Es funktioniert wie ein Comic-Strip. Dieselben Helden, dieselben Verhaltensweisen, dieselben Sprüche, leicht variierte Fälle.

Auch wenn es zum Wesen eines Privatdetektivs gehört, sich über rechtliche Vorschriften hinwegzusetzen, wissen Wilsberg und Ekki das Recht stets an ihrer Seite. Ina Paule Klink spielt Alex, die ehemalige Jura-Studentin, die als einziges Mitglied des Wilsberg-Ensembles eine berufliche Karriere hinlegen durfte. Sie ist inzwischen zur Rechtsanwältin aufgestiegen, doch bleibt ihr Anteil am Geschehen (sofern sie nicht selbst in die Bredouille gerät) gering.

Die 50. Folge heißt Tod im Supermarkt. Ein Fall für Overbeck (Roland Jankowsky). Er hat sich zum Profiler weitergebildet und verdrängt seine Chefin spielend aus ihrer Position. Das könnte, wenn nicht in früheren Wilsberg-Folgen schon einige Male vorexerziert, richtig komisch sein, aber zum Comic gehört nun mal, dass sich die Dinge wiederholen, bis man ihrer leid wird.

Die eigentliche Kultfigur der Serie

Overbeck hat sich mit der Zeit zur eigentlichen Kultfigur der Serie gemausert. Wenn er die Sonnenbrille aufsetzt, die Knarre im Clint-Eastwood-Stil zückt, dann johlt besonders das junge Publikum. Overbeck ist ein Kinderstar. Man kann in ihm den Donald Duck des Krimispaßes sehen, ein ewig ambitionierter, ewig auf die Schnauze fallender Pechvogel. Er erinnert an den Detektiv "Sledge Hammer", falls sich an den noch jemand erinnert. Allerdings kann Overbeck, anders als Donald Duck, auch ein richtiger Stinkstiefel sein.

Als es losging mit Wilsberg, Februar 1995, war weder von Overbeck die Rede noch von einem Antiquariat. Joachim Król, der erste Wilsberg, betrieb einen kleinen Münz- und Briefmarkenladen. Auch Ekki war noch nicht bei der Steuerbehörde, stattdessen stand der städtische Beamte Mani Höch (Heinrich Schafmeister), dem schon damals allein überforderten Wilsberg zur Seite.

Mani Höch blieb dem Geschehen auch noch lange erhalten, stellte Wilsberg widerstrebend seinen roten Dienstwagen zur Verfügung und spielte ihm verbotenerweise Akten zu. Die Serie musste sich erst zu einer solchen entwickeln, 1998 (!) kam die zweite Folge. Zu Beginn des neuen Jahrtausends wurden erst zwei, dann drei, dann vier Folgen pro Jahr gesendet. Die Häufigkeit tat der Originalität der Kriminalfälle nicht gut, machte die Serie aber zur einer festen Einrichtung, der sich das Publikum in blindem Vertrauen (und weil samstagsabends nichts Besseres gezeigt wird) hingibt.

Lansink und Schafmeister sind auch heute noch gemeinsam unterwegs. Im Theater spielen sie "Ein seltsames Paar" von Neil Simon, einst eine Paraderolle für Jack Lemmon und Walter Matthau.

Im Wilsberg sind Paargeschichten, sieht man von Ekkis Romanzen ab, eher tabu. Wilsberg huscht schon mal ein geschmeicheltes Lächeln übers Gesicht, wenn er sich als Mann wahrgenommen sieht, was indes selten der Fall ist.

Anfälle von Autoritätsgehabe

Im Grunde steht er in Treue fest zu Anna, der Kommissarin, die von Rita Russek dargestellt wird. Anna hat in ihrem Job als Kripo-Chefin von Münster die Stufe ihrer Überforderung erreicht und überschritten, was sie mit gelegentlichen Anfällen von Autoritätsgehabe wettzumachen versucht, doch fühlt sie sich, wenn sie sich an Wilsbergs Schulter ausweinen darf, spürbar wohler.

Als malende Gattin des Stuttgarter Tatort-Kommissars Bienzle wirkte Rita Russek, die auf Elba lebt, selbstbewusster denn als Kripo-Chefin. Ihre Behörde ist ein Witz; nur deshalb kann Wilsberg überleben.

"Comical book characters never grow old", sang Elton John vor Jahrzehnten auf seinem großen Album "Yellow Brick Road". Den Wilsberg-Charakteren kann man sehr wohl beim äußerlichen Altwerden zusehen (bleibt ja nicht aus), doch im Herzen und in ihren Sprüchen haben sie sich in annähernd 20 Jahren nicht verändert.

Kann da überhaupt noch was passieren? Ja, Anna und Georg heiraten. Möglicherweise. In Folge 75. Und das wird's war's dann gewesen sein.

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