Auf Reisen fällt Clueso das Schreiben von Songs besonders leicht. Nun veröffentlicht der Sänger ein Album mit diesen Liedern. Doch warum heißt es "Handgepäck I"?

Reisen gehört zum Leben eines Musikers zwangsläufig dazu. Manche empfinden das als nötiges Übel, für Clueso allerdings ist es eher ein Segen. Wenn er unterwegs ist, ist er oft besonders kreativ. Im Laufe der Jahre haben sich so einige Songs angesammelt, die auf normale Clueso-Alben irgendwie nicht recht passen wollten. Und so veröffentlicht der 38-Jährige am 24. August mit "Handgepäck I" nun das Reisealbum, von dem er schon lange geträumt und zuletzt in Interviews auch immer wieder erzählt hat. Die Songs entstanden in Hotelzimmern und Restaurants, auf Autofahrten und am Flughafen, auf Inseln und auf Bergen – und klingen dementsprechend reduziert. Im Interview verrät Clueso, warum er so gerne reist, was er tut, wenn er sich dabei mal einsam fühlt und was in seinem Handgepäck nie fehlen darf.

prisma: Clueso, was gehört immer in Ihr Handgepäck?

Clueso: Was nie fehlen darf, ist mein Talisman: ein Gedichtband von Mascha Kaleko namens "Das lyrische Stenogrammheft". Davon habe ich mich schon so oft inspirieren lassen, weil ich wirklich alle ihre Gedichte toll finde. Irgendwann habe ich es dann ausgepackt, weil ich dachte, ich schaue da eh nicht mehr so oft rein – aber es war komisch, ohne das Buch loszufahren. Seitdem habe ich es wieder dabei. Als Glücksbringer, als Talisman.

prisma: Sind Sie abergläubisch?

Clueso: Bin ich tatsächlich, aber eher auf eine spielerische Art. Ich habe zum Beispiel den Aberglauben, dass es kein guter Auftritt wird, wenn ich Geld mit auf die Bühne nehme. Ich bin ja dafür angetreten, in erster Linie Kunst zu machen, deshalb habe ich nie Geld dabei und leere vorher immer meine Taschen. Wenn ich plötzlich mitten im Konzert merke, dass ich einen Fünfer in der Tasche habe, kriege ich ein bisschen Panik. Aber ich kann da drüber lachen, weil es ein lustiger Tick ist. Ich glaube auch, dass Dinge, die man sich wünscht, vielleicht nicht klappen, wenn man sie zu sehr ausspricht. Andererseits ist es manchmal natürlich auch ein Appell an sich selbst, wenn man darüber spricht, was man sich vorgenommen hat.

prisma: Sie sprachen tatsächlich schon sehr lange davon, dass Sie ein Reisealbum machen möchten ...

Clueso: Ich nahm auf meinen Reisen über die vielen Jahre immer wieder Songs auf. Songs, bei denen ich das benutzte, was vor Ort da war. Das gibt natürlich einen gewissen Stil vor, die Lieder sind meist reduzierter. Und jetzt hatte ich genug Stücke für ein vollwertiges Album zusammen. Dass das Album "Handgepäck I" heißt, soll ein Appell an mich sein, irgendwann "Handgepäck II" zu machen.

prisma: Warum schreibt es sich auf Reisen so gut?

Clueso: Vielleicht ist es eine Mischung aus der positiven Ablenkung, die eine Reise mit sich bringt, und der Ruhe. Zum einen hat man all diese Impressionen und Eindrücke, die einen wachrütteln, und zum anderen werde ich nicht abgelenkt. Gerade, wenn ich außerhalb des deutschsprachigen Raumes bin und der Personenkult weg ist, kommt nicht so viel auf mich zu, sondern ich muss auf Dinge zugehen. Dann habe ich ruhige Momente, in denen ich zur Gitarre greifen und gar nicht abgelenkt werden kann. Irgendwie schreibt es sich dann einfach geil – ich kann es nicht anders sagen.

prisma: Wo sind die Songs auf "Handgepäck I" entstanden?

Clueso: Überall. Auf Autofahren, in Restaurants, an Flughäfen, in Hotelzimmern – in jedem Land, in dem ich in den letzten Jahren gewesen bin. Ich war in Singapur, Malaysia, Thailand, Australien, Neuseeland, Amerika, Kanada und in Afrika. Überall ist ein bisschen was entstanden. Selten ist ein Song gleich dort fertig geworden. Manchmal hatte ich Fragmente und Momente, die ich später dann ausgebaut habe. "Morgen ist der Winter" zum Beispiel entstand am Strand. Da gab es nicht viel: ein Mikrofon und Gesang. So wie die Leute früher Musik machten. Bob Marley hat mal gesagt, alles über acht Aufnahmespuren ist Schrott. Heute hat man 140 ...

prisma: Tatsächlich sind die meisten Songs sehr reduziert. Ist das auch ein Gegenentwurf zum ständigen unter Strom Stehen?

Clueso: Mein Vater arbeitet gerne im Garten, das ist sein Ausgleich. Er ist jetzt Rentner und buddelt einfach gerne mit den Händen in der Erde, um irgendetwas einzupflanzen. Für mich ist Musikmachen, also das Schreiben von solchen ruhigen Songs, der Ausgleich zu meinem hektischen Alltag. Die Momente, in denen man eigentlich gar keinen Song schreiben will, sind oft die, wo einer passiert – oder vielmehr wo Handgepäck-Songs passieren. Die vertragen es nicht, wenn man sie aufpumpt. Die rutschen einfach so raus und sind, wie sie sind.

prisma: Sie sind im Osten aufgewachsen. Die ersten Jahre Ihres Lebens war da nicht viel mit Reisen, oder?

Clueso: Nein, da gab es nicht viel zu reisen, außer Ungarn. Ich glaube aber nicht, dass das der Grund ist, warum ich heute gerne reise. Ich war damals viel zu jung. Als Kind stören dich diese Grenzen nicht. Da freust du dich schon, wenn du mal weiter als bis zu deinem Spielplatz darfst. Die ersten Reisen machte ich, als ich schon Musiker war. Ich wurde da durch das Goethe-Institut rangeführt, die mich im Ausland auf Tour geschickt haben. An diese Reisen habe ich dann oft hinten etwas drangehängt.

prisma: Welche Reise hat Sie besonders beeindruckt?

Clueso: Es ist schwierig, Sachen rauszustellen. Landschaftlich finde ich Australien und Neuseeland sehr beeindruckend. Äthiopien ist auch ein unglaublich tolles Reiseland – da war ich mit Viva con Agua. Die Äthiopier haben die Italiener damals rausgejagt, worauf sie sehr stolz sind. Dadurch haben sie nicht so einen Hass auf Weiße. Man kann sich dort sehr frei bewegen, die Sprache ist sehr sanft.

prisma: Generell: Was gibt Ihnen das Reisen?

Clueso: Reisen ist für mich nicht Urlaub machen. Reisen bedeutet zu entdecken, auch mal an Grenzen zu gehen. Aber natürlich bedeutet es auch, rauszukommen. Thomas zu sein, und nicht Clueso. Und zu erkennen, dass man in unserer Gesellschaft, in der viele vor Dringlichkeit hyperventilierten, auch mal zurückschrauben und sagen kann: Das ist jetzt nicht so wichtig. In der Musikbranche ist alles immer super dringend. Am besten bis morgen. Es tut gut, sich davon mal frei zu machen.

prisma: Auf Ihrem Album scheint aber auch durch, dass das Reisen – und Touren – manchmal ganz schön einsam sein kann. Was machen Sie in solchen Momenten?

Clueso: Dann habe ich zum Glück meine Gitarre. Ich empfinde diese Einsamkeit nicht als negativ. Ich spüre sie, und ich verspüre sie manchmal auch als Melancholie, aber ich weiß, dass darin auch etwas für mich schlummert. Diese Mischung aus Langeweile, Melancholie und Einsamkeit ist einer der kreativsten Nährböden für meinen Beruf. Davon abgesehen – man erlebt oft auch ganz andere Dinge, wenn man alleine reist. Die Leute kommen anders auf einen zu.

prisma: Haben Sie ein Beispiel?

Clueso: In Thailand bin ich mal auf einen Felsen geklettert, und als ich oben ankam, saßen da plötzlich vier Leute, die meditierten und signalisierten, ich solle mich dazu setzen. Die ersten zehn Minuten fragst du dich noch, wie du da rauskommst, aber nach 30 Minuten merkst du, dass das irgendwie auch geil ist. Du sitzt da und teilst diesen Moment mit völlig fremden Menschen. Danach umarmten wir uns alle und gingen weiter. Sowas passiert dir vor allem, wenn du alleine bist.

prisma: Jetzt haben wie so viel über das Reisen gesprochen – wo ist für Sie Zuhause?

Clueso: Mein Zuhause ist definitiv in Erfurt. Aber obendrauf fühle ich mich manchmal auch in Ländern daheim, wo ich gar nicht so oft bin, aber in denen ich Menschen kennengelernt habe. Ich würde zum Beispiel gerne noch mal für eine längere Auszeit nach Los Angeles. Dort habe ich auf meiner letzten Reise einige Leute kennengelernt, und ich weiß, es würde sich wie ein Zuhause anfühlen, wenn ich dorthin zurückkomme.


Quelle: teleschau – der Mediendienst