Josefine Preuß über den ZDF-Zweiteiler "Das Sacher", die Frage, warum sie nicht als Vorbild taugt, und ihre Liebe zum klassischen Fernsehen.

Schon im großen ZDF-Zweiteiler "Das Adlon" hatte Josefine Preuß eine Hauptrolle. Jetzt spielt sie in "Das Sacher" die junge Fürstin Konstanze von Traunstein, die mit der Berliner Verlegerin Martha Aderhold (Julia Koschitz) Freundschaft schließt. Der aufwändig produzierte und prominent besetzte historische Zweiteiler spannt einen Bogen über knapp drei Jahrzehnte, die den Glanz und Untergang der Donaumonarchie spiegeln.

Frau Preuß: Das Sacher in einem Satz – wie würde der lauten?

Das Sacher: der Ort, an dem sich europäische Geschichte und großartige Charaktere zum Torte essen treffen.

Sie spielen in dem Zweiteiler eine Adlige, die gegen ihren Willen verheiratet wird, aber versucht, trotzdem ihren eigenen Weg zu gehen.

Gegen ihren Willen nur bedingt, Frauen hatten damals in diesen Kreisen einfach kein Entscheidungsrecht.

Ist das denn eine Rolle, aus der wir auch heute noch etwas lernen können?

Heute reden wir von Emanzipation, aber die gibt es schon so lange! Das Schöne ist, dass wir die Emanzipationsgeschichte dreier Frauen aus unterschiedlichen Schichten und Ständen erzählen, die es in einer männerdominierten Welt geschafft haben, ihr Ding zu machen. Sei es Anna Sacher, die ihr eigenes Hotel geleitet hat, Martha Aderhold als Verlegerin oder eben meine Rolle, Konstanze von Traunstein, die sich aus den konventionellen Zwängen in ein zweites Leben als Schriftstellerin flüchtet. Und genau das macht "Das Sacher" so schön.

Die Erzählweise des Films wird als multiperspektivisch beschrieben. Was genau bedeutet das?

Dieses Hotel ist ein Ort, an dem sich Menschen begegnen, die sich sonst vielleicht nie begegnet wären, und ein Ort, an dem damals viel Politik gemacht wurde. Insofern meint das, dass wir viele kleine Geschichten und Episoden über die zwei Teile hinweg immer weiter zu einem großen Ganzen zusammenfügen.

Sie haben auch schon in dem Dreiteiler "Das Adlon" eine Hauptrolle gespielt. Gibt es etwas, das diese beiden Filme verbindet – außer dem Thema Hotel?

Nein, eigentlich nicht. "Das Sacher" spielt in einer ganz anderen Zeit und erzählt eine ganz andere Geschichte. Insofern ist es eigentlich nur die Umgebung des Hotels, die beide Filme verbindet.

Regisseur Robert Dornheim hat für "Das Sacher" rund ein Dutzend hochkarätiger Schauspieler verpflichtet. Birgt das vielleicht auch die Gefahr, dass man sich gegenseitig die Show stiehlt?

Überhaupt nicht! Film ist Ensemble-Arbeit, das ist immer so. Und ich unterscheide beispielsweise auch nie zwischen Haupt- und Nebenrollen und selbst Statisten, die ein Bild doch erst lebendig und groß wirken lassen. Bei unseren Dreharbeiten haben alle so toll mitgemacht, alle waren so begeisterungsfähig. Da hat man an der Stimmung aller Kollegen gemerkt, dass sie unbedingt mitmachen wollten. Und wenn das ein Drehbuch schafft, ist das schon die halbe Miete.

Wir haben ja nun wirklich alles und jeden dabei und es war großartig, mit solchen Kollegen arbeiten zu dürfen. Mir stand wirklich jeden Morgen im Kostümwagen der Mund offen. Alleine, dass Peter Simonischek meinen Schwiegervater Josef von Traunstein spielt, ist eine Riesenehre! Ich will ja noch etwas lernen, beispielsweise von seiner Ruhe und Professionalität. Zu solchen Kollegen kann man nur aufblicken.

Um 1900 war Wien eine der wichtigsten Metropolen der Welt – und ihre Filmfigur kommt immer wieder hierher. In welche Stadt zieht es Sie immer wieder?

Nach Prag. Da durfte ich in den letzten Jahren viel drehen, "Die Hebamme" zum Beispiel oder "Die Pilgerin". Insofern habe ich hier einige Monate verbracht, habe mich mit Leuten angefreundet und die Stadt lieben gelernt. Hier kann ich anonym sein und von zu Hause bin ich in nur drei Stunden da. Ich habe aber vor allem das Gefühl, die Stadt hat mir etwas zu erzählen. In Prag, genauso wie in Wien, gibt es noch diese Kaffeehaus-Kultur, hier kann man sich in Ruhe hinsetzen, Leute beobachten. In Berlin sehe ich nur noch Leute mit Coffee-to-go-Becher.

Das Sacher steht neben der weltberühmten Torte auch für Luxus. Ist Ihnen selbst so etwas auch wichtig?

Nein, gar nicht. Ich bin ja auch sehr viel unterwegs, und da werde ich gerade in Hotels oft gefragt: "Was willst Du? Was brauchst Du?" Und ich sage immer: "Gar nichts." Für mich kann es auch die kleine, familiengeführte Pension sein.

Und worauf legen Sie stattdessen Wert?

Mir ist Sauberkeit sehr wichtig, da habe ich einen kleinen Spleen. Ich gucke als erstes immer unter das Bett, ob gesaugt worden ist. Und Fernbedienungen schaue ich mir an, daran sieht man auch sehr gut, wie sauber ein Haus ist. Aber ich brauche kein Spa, keinen Luxus. Eine gute Matratze und ein Club-Sandwich, das reicht mir.

Und wenn es mal nicht sauber ist? Beschweren Sie sich dann?

Hier macht der Ton die Musik. Insofern sage ich freundlich Bescheid, dass ich mich freuen würde, wenn noch mal jemand nach dem Rechten schaut. Aber wenn alles nichts hilft, bin ich eher der Typ, der selbst nach dem Staubsauger fragt.

2012 haben Sie in einem Interview gesagt, Sie taugten nicht als Vorbild: "Ich rauche, ich trinke, ich feiere, hab meine Leichen im Keller." Hat sich daran etwas geändert?

Nein. Ich rauche immer noch, ich trinke ab und zu, auch wenn ich nicht mehr so viel feiern gehe. Vor einem Monat habe ich gemerkt: Das ist nichts mehr für mich, danach bin ich zwei Tage außer Gefecht. Aber ich habe immer noch Leichen im Keller, die haben sich nicht aufgelöst. Ich habe halt Ecken und Kanten, wie jeder Mensch.

Als öffentliche Person wird man so schnell auf einen Sockel gestellt, das gehört dazu, aber eigentlich will ich nur spielen! Jetzt gerade beispielsweise sitze ich zu Hause auf der Couch, mit einer Kippe, einem Tee und in meiner Jogginghose. Ein ganz normaler Mittwochvormittag, an dem ich mit wildfremden Menschen telefoniere. (lacht) Ich will aber auch nach wie vor kein Vorbild sein, auch weil die Menschen ja gar nicht unterscheiden können, ob sie eine Rolle toll finden oder mich als Mensch, den sie ja aber gar nicht kennen.

Von Teenie-Komödien über Fantasie- Filme, Serien und jetzt Historienstoffe haben Sie schon in etlichen Genres mitgespielt. Gibt es einen Favoriten? Oder ein Genre, das Sie inzwischen leid sind?

Nein, ich will mich austoben und ausprobieren. Gerade nach so langen Serien wie "Schloss Einstein" oder "Türkisch für Anfänger", die erste große Schritte für mich waren, sehen einen die Leute jahrelang in derselben Rolle, beispielsweise als Lena. Dann muss man ausbrechen und etwas anderes machen. Auch "Das Adlon" war deshalb ein weiterer großer Schritt, da dachte ich: "Wow! Dass man mir das zutraut!" So etwas macht mich dankbar und demütig.

Jetzt habe ich wieder historisch gedreht, was ich liebe, weil das Set hier ein großer Abenteuerspielplatz ist mit den Masken und Kostümen. Wir fahren in Kutschen statt in Autos, Handys gibt es nicht. Aber nach drei Monaten wäre jetzt auch eine Rolle mit bunten Fingernägeln und Lipgloss mal wieder schön. Bis jetzt hatte ich immer einen guten Draht zum Universum: Immer, wenn ich mir etwas dieser Art gewünscht habe, wurde es auch wahr. Ich muss nur schauen, dass ich das nicht überstrapaziere. (lacht)

Begegnung im Hotel Sacher: Verlegerin Martha Aderhold (Julia Koschitz) und Konstanze von Traunstein (Josefine Preuß). Foto: ZDF/Petro Domenigg.

Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie auch auf der Bühne gestanden. Haben Sie manchmal Sehnsucht nach dieser Welt?

Sie fehlt mir nicht, nein. Zwar habe ich immer wieder mal den Anflug, etwas in diese Richtung zu machen, aber als Fernsehschauspielerin ist es irgendwann auch gar nicht mehr so leicht, da reinzukommen.

Dabei gab es immer wieder mal Angebote. Aber auch hier mache ich meine Entscheidung vom Buch abhängig, da reicht manchmal ein Satz, um mich zu überzeugen. Faszinierend am Theater finde ich, dass man eine Rolle von Anfang bis Ende, jeden Abend, begleitet. Und natürlich kann einen die Reaktion des Publikums auch sehr beflügeln. Ich fühle mich aber vor der Kamera sehr wohl, und am Ende geht es mir darum, zu unterhalten – egal wo.

Etliche Ihrer Kollegen haben in den letzten Jahren ja auch international Karriere gemacht. Ist das ein Thema für Sie?

Ich stelle fest, dass immer mehr internationale Produktionen zu uns nach Deutschland kommen, da gibt es tolle Projekte. Außerdem glaube ich nicht, dass wir in zehn oder 15 Jahren noch für klassische Sender arbeiten, auch hier wird das Internet immer wichtiger werden. Immer mehr Anbieter wie Netflix oder Amazon produzieren tolle Sachen. In Deutschland reden wir immer nur über neue Zielgruppen, aber jetzt passiert auch endlich mal was. Die Menschen wollen heute doch entscheiden, wann und wo sie etwas sehen. Ich glaube, da werden viele Produzenten in den nächsten Jahren mutiger werden. Vor allem spielt es dann keine Rolle mehr, aus welchem Land die Produktion kommt, alles wird dann international sein.

Schauen Sie noch klassisches Fernsehen?

Doch, schon. Die Tagesschau beispielsweise ist schon täglich dabei. Und ich bin ein typischer Sonntagabend-Tatort-Gucker, das liegt in der Familie, das ist wie in Ritual. Außerdem gibt es in Berlin auch Kneipen, in denen man den Tatort gucken kann. Aber natürlich schaue ich auch normale Fernsehproduktionen, ich muss ja auf dem Laufenden bleiben. Da ist das ZDF, mein Haus- und Hofsender, nach wie vor ganz vorne, finde ich. Die haben es verstanden, auch die jungen Leute wiederzukriegen.

Und haben Sie so eine Lieblingsserie?

Das sind immer noch "Breaking Bad" und "House of Cards". Jetzt gerade schaue ich "Stranger Things" und komme langsam rein, und auch "Making a Murderer" finde ich fantastisch.

Diese neuen Produktionen haben ja durchaus den Druck auf die etablierte Branche erhöht ...

Die Nachfrage macht das Angebot. Und für mich als Schauspielerin ist das toll. Wir wollen ja, dass unsere Produktionen gesehen werden. Da darf man sich nicht ständig nur über die Quote unterhalten, sondern muss auch etwas dafür tun. Portale wie Netflix oder Amazon werden nicht das Letzte gewesen sein, da wird es wieder neue Entwicklungen geben. Oder wir kehren zurück zum Traditionellen und treffen uns wieder im Schattentheater. (lacht)

Wird es denn nach dem Adlon und dem Sacher noch einen dritten Hotel-Film geben?

Wenn ja, hoffe ich, dass ich wieder dabei bin. Ich habe mit der Autorin Rodica Döhnert, die auch schon das Buch für "Das Adlon" geschrieben hat, auch schon rumgeflachst, dass wir als nächstes "Das Waldorf-Astoria" machen, damit wir in New York drehen können. Aber vielleicht wird es auch nur "Motel One". (lacht) Aber im Ernst: Ich bin für jede Hotelgeschichte zu haben. Das sind so spannende Orte! Wo sonst treffen so unterschiedliche Menschen aufeinander, wo passieren so tolle Sachen? Was da hinter den Türen geschieht, kann sich die beste Autorin nicht ausmalen. Die Realität ist immer noch krasser.

Florian Blaschke führte das Interview.