Martin Manz (Albrecht Schuch) leitet die Polizeidienststelle einer kleinen Gemeinde in der bayerischen Provinz. Dass er nachts aus Versehen die halbwüchsige Tochter seines besten Freundes Frank (Johannes Altmayer) überfahren hat, die seitdem im Koma liegt, hat er niemandem erzählt. Die grandios erzählte und gespielte Provinz- und Schuldstudie "Der Polizist und das Mädchen" ist ein Krimi, wie man ihn leider nur selten im deutschen Fernsehen zu sehen bekommt.

Über 90 Minuten versucht der bodenständige und im Dorf beliebte Frank, der mit seiner zweiten Frau Anja (Aylin Tezel) ein Baby erwartet, seine Tat zu vertuschen. Immer tiefer verstrickt er sich dabei in seine Verfehlung und riskante Folgeentscheidungen. Der vielleicht beste TV-Krimi des Jahres 2018 erinnert an Claude Chabrol und andere hochpräzise, abgründige Psychostudien des europäischen Kinos früherer Jahrzehnte. Ein Meisterwerk deutscher TV-Kunst.

Dem 32-jährigen Drehbuchautor Frédéric Hambalek, der mit "Der Polizist und das Mädchen" sein Langfilmdebüt schrieb, gelang etwas Seltenes. Zusammen mit dem klugen, ungleich erfahreneren Regisseur Rainer Kaufmann ("Operation Zucker") schuf er einen meisterhaften, ästhetisch mutigen Krimi für die ZDF-Primetime, montags, um 20.15 Uhr.

Wo sonst Ermittler(innen) von der Stange Fälle lösen, die an Kreuzworträtsel erinnern, generieren Hambalek, Kaufmann und vor allem ihr beängstigend gut aufspielender Hauptdarsteller Albrecht Schuch eine dichte Atmosphäre, von der selbst gehobene Fernsehwerke nur träumen können: Wie sich der introvertierte, etwas steif aber nie klischeehafte wirkende Protagonist ungewollt immer weiter in den Fallstricken seiner Tat verfängt – das erzeugt einen Spannungsbogen unter Hochdruck, der über 90 Minuten trägt.

In den 70ern und 80ern gab es den Begriff "Psychokrimi" für derlei Filmkunst, aus dem Französischen kamen dazu einige Klassiker. Später dann, als plötzlich alle Krimis psychologisch sein wollten, füllte man Handlungen und Innenwelten von Figuren mit Klischees an, was jedoch nicht dazu führte, dass die Filme feiner, sondern nur lauter wurden. Hambalek und Albrecht Schuch, der zwei Tage später auch die Hauptrolle in der ARD-Literaturverfilmung "Kruso" (Mittwoch, 26.09., 20.15 Uhr) spielt, zeigen im Prinzip, in welche Richtung sich Erzählformen verschieben müssten, damit Krimis wieder interessanter werden.

Hier passiert nichts, das nicht auch in der Realität so geschehen könnte, die Zeichnung der ländlichen Figuren und ihrer Verstrickungen ist präzise, und die starke Fokussierung auf den gequälten Täter, der die Zuschauer zu Mittwissern und Mitflüchtigen macht, ist ein ebenso genialer wie konsequenter Zug.

Unterstützt von einem starken Ensemble, zu dem auch Günther Maria Halmer und Friedrich von Thun zählen, liefert Albrecht Schuch eine feinsinnige, nie übertreibende Galavorstellung ab. Ohnehin darf man den 33-Jährigen nach Arbeiten wie dem NSU-Drama "Die Täter – Heute ist nicht alle Tage" (als Terrorist Uwe Mundlos) oder diesem Film zu einem der prägenden deutschen Schauspieler seiner Generation ernennen. Lesen Sie hier ein Interview mit Albrecht Schuch.

Bleibt zu hoffen, dass subtile Krimis wie dieser im Fernsehen Schule machen. Dann nämlich würde sich niemand mehr über zu viele Kommissare und Morde im TV beschweren.


Quelle: teleschau – der Mediendienst