In dem intensiven ARD-Drama "Der Sohn" erlebt eben dieser ein pubertäres Hormonchaos – und stalkt Frauen. Seine verzweifelte Mutter, gespielt von Mina Tander, hofft, dass er diese nicht auch tötet.

Klar: Leicht ist es nie, ein pubertierendes Kind im Haus zu haben. Und doch gibt es wesentlich angenehmere Spielarten der adoleszenten Ausrasterei als jene, die "Der Sohn" im ARD-Spielfilm selbigen Titels an den Tag legt. Eine alleinerziehende Mutter verzweifelt in der Kleinstadt am aufkeimenden sexuellen Begehren ihres 16-jährigen Sprösslings, der zu allem Überfluss noch an schwerem Asthma leidet. Was nach einer netten US-Indie-Dramedy klingt, entpuppt sich in der zur Primetime ausgestrahlten NDR-Produktion als erschütternder Coming-Of-Age-Thriller. Denn der Sohnemann beschränkt sich nicht aufs heimatliche Onanieren, sondern streift nachts umher, um Frauen zu beobachten und zu erschrecken. Als auch noch zwei weibliche Leichen gefunden werden, nimmt das intensiv gespielte Drama seinen Lauf.

Eine fantastische Mina Tander

Stefan ist 16 und denkt viel an Sex. Soweit nichts Überraschendes. Doch der von Nachwuchsschauspieler Nino Böhlau wunderbar pubertierend-patzig verkörperte Teenie ist anders als seine Altersgenossen. Nicht nur, weil er seit seiner Geburt an schwerem Asthma erkrankt ist und sich als kleines Kind laufend in Lebensgefahr befand. Sondern auch, weil sein körperliches Begehren bisweilen seltsame Blüten treibt: Nachts schleicht er sich raus, ist unterwegs auf den Straßen, um Prostituierte zu stalken, Paaren beim Sex zuzuschauen, Frauen zu verfolgen und zu erschrecken.

Zu leiden hat darunter vor allem seine alleinerziehende Mutter Katharina: Deren Verzweiflung, fast unerträglich real von einer fantastischen Mina Tander gespielt, wächst mit jeder Abweisung, mit jeder aggressiven Geste ihres Sohnes. Der kleine Junge, den sie einst vor der Welt beschützen musste, den sie deshalb fest in ihrem Griff hielt, löst sich als Jugendlicher immer mehr aus dieser Abhängigkeit. Mutter und Sohn entfremden sich, Katharina scheint ihren Stefan kaum mehr zu erkennen. Sie weiß nicht, was er nachts in der Stadt treibt; ahnt jedoch nach einiger Zeit, dass er wohl keinesfalls nur spazieren geht.

Veritabler Krimi-Thriller

Parallel zum aufkeimenden Mutter-Sohn-Konflikt, den Regisseur Urs Eggers als düsteres Coming-Of-Age mit freud'schem Impetus inszeniert, entwickelt sich die "Der Sohn" zum veritablen Krimi-Thriller. Eine junge Frau wird in der Nachbarschaft tot aufgefunden; ein rätselhafter Mord, der zunächst nichts mit Mutter und Sohn zu tun hat. Doch je tiefer sich Katharina im unverständlichen Verhalten ihres Sohnes verliert, desto mehr erhärtet sich ihr Verdacht, Stefan könne etwas mit dem Mord zu tun haben. Als eine zweite weibliche Leiche auftaucht, erblickt sie in ihm den Täter.

Aus der Ungewissheit für die Mutter-Figur und den Zuschauer, ob der junge Mann in seiner pubertierenden Unsicherheit die Taten wirklich vollbracht haben kann, zieht "Der Sohn" seinen Reiz. Ebenso wie aus den herausragend agierenden Hauptdarstellern: Sie treiben den Konflikt zwischen Mutter und Sohn, zwischen Vertrauen und Misstrauen, zwischen Schutzbedürftigkeit und Abstoßung mit jeder Minute höher, bis das klassische Drama seinen tragischen Gipfel erreicht.


Quelle: teleschau – der Mediendienst