Mit der Bestseller-Verfilmung "Die Mitte der Welt" gelingt dem jungen österreichischen Regisseur Jakob M. Erwa ein schillerndes Werk, das vor filmischer Poesie und scharfsinnigem Humor nur so tanzt.

Ein Auto fährt Rund um Rund um Rund im Kreisverkehr. Mit Großbuchstaben ist darauf B-I-T-S-C-H geschmiert. Darin sitzen: Glass (Sabine Timoteo), eine junge alleinerziehende Frau mit zerzausten Haaren, Hippieklamotten und einem verworrenen Liebesleben. Ihr gilt die Aufschrift. Hinter ihr auf der Rückbank: ihre Kinder, die Zwillinge Phil und Dianne, vielleicht neun Jahre alt, überfordert, beschämt. Die Reifen quietschen, Glass kreischt aus dem Fenster: "Bitch schreibt sich ohne S!" Alle Augen der spießigen Kleinstadt sind auf sie gerichtet. Sie lacht, sie wütet, sie brüllt ihren Kindern zu: "Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert!" Doch die warten nur darauf, dass der Erdboden ihnen endlich den Gefallen täte, seinen Schlund zu öffnen und sie für immer zu verschlucken. Nach dem Erfolg des Romans "Die Mitte der Welt" von Andreas Steinhöfel aus dem Jahr 1998 liebäugelten viele Regisseure mit der literarischen Vorlage, die mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde. Doch was im Buch schon als große Leistung anerkannt wurde, schien im Film kaum umsetzbar – bis Jakob M. Erwa sich der Sache annahm. Nun feiert das junge Drama auf ARTE seine Free-TV-Premiere.

Es gibt zwei Zeitebenen, auf denen sich "Die Mitte der Welt" abspielt. Im Hier und Jetzt sind Dianne (Ada Philine Stappenbeck) und Phil (Louis Hofmann) 17 Jahre alt. Sie gehen zur Schule, befinden sich auf dem Weg zum Erwachsenwerden – es ist ein ewiges Suchen, Finden, Ringen um sich selbst. Immer wieder springt der Film jedoch zurück in die Vergangenheit, als Phil und Dianne noch kleine Kinder waren: wie sie gemeinsam durch die Felder rannten, mit Pfeil und Bogen die Welt eroberten und ihrer Mutter dabei zusahen, wie sie einen Liebhaber nach dem nächsten verscheuchte.

Doch auch die Handlung verfolgt zwei verschiedene Stränge. Einerseits gibt es da die schwierige familiäre Situation: zwischen Glass und Dianne, die die Sprunghaftigkeit, Beziehungsunfähigkeit und Unangepasstheit der Mutter nicht aushält; zwischen Dianne und Phil, deren innige Zwillings-Verbundenheit über die Jahre hinweg mehr und mehr bröckelt; und schließlich zwischen Phil und Glass, die die Abwesenheit des leiblichen Vaters ihres Sohnes permanent überspielt, ausblendet und totschweigt. Andererseits wäre da noch eine weitere Dreiecksbeziehung bestehend aus Phil, seiner besten Freundin Kat (Svenja Jung) und Phils erstem Freund Nicholas (Jannik Schümann). Was anfangs nach einem freundschaftlichen Verbund aussieht, entwickelt sich zum Eifersuchtsbeben.

Mit größter Feinfühligkeit führt Jakob M. Erwa hinein in das Leben eines 17-Jährigen auf der Suche nach der Liebe, nach dem Ursprung seines Seins, nach der Mitte der Welt. Es gelingt dem Regisseur, die dramaturgische Vielschichtigkeit, die in Handlung und Zeit verwurzelt ist, weitestgehend harmonisch zu gestalten. Zeitliche Sprünge visualisiert er mit sanften Schnitten, wodurch Gegenwart und Vergangenheit an mancher Stelle geradezu verschwimmen.

Demgegenüber stehen die dramaturgischen Ebenen mit ihren zwei unterschiedlichen Dreiecks-Beziehungen einander an mancher Stelle losgelöst und fremd gegenüber. Dennoch bildet "Die Mitte der Welt" ein ganz und gar stimmiges Ganzes, in dem ein heranwachsender Junge und seine Familiengeschichte mit all ihren dunkelsten Kapiteln, ihren lustigsten Anekdoten und ihren seltsamsten Eigenheiten porträtiert sind. So ist "Die Mitte der Welt" eine zauberhafte Geschichte, die beglückt und verzückt, betrübt und verstimmt und genauso einzigartig einschlägt wie im Buch.


Quelle: teleschau – der Mediendienst