Wer sich mit der heute so beliebten Frage nach dem Sinn des Rundfunkbeitrags beschäftigt, könnte sich beispielsweise auch einmal an den 5. April 1963 erinnern. Damals ging der "Weltspiegel" erstmals auf Sendung: Der 35 Jahre junge Journalist Gerd Ruge meldete sich mit seriöser Miene und jenem sonoren Nuscheln, das zum Markenzeichen werden sollte, aus einem zeitgemäß biederen Fernsehstudio und moderierte eine Schwarzweiß-Sendung an, die auf Anhieb für Furore sorgte und zu einem Inbegriff für Qualität und Bedeutung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens avancierte. Der "Weltspiegel" der ARD hat Generationen von Deutschen den Blick über den Tellerrand ermöglicht und die Welt nähergebracht – was man ohne Übertreibung auch über den Journalisten Gerd Ruge sagen kann, der am 9. August sein 90. Lebensjahr vollendet. Fragt man ihn, was einen guten Auslandskorrespondenten ausmacht, antwortet Ruge kurz und vielsagend: "Er muss zeigen, was los ist in der Welt. Und er muss zeigen, was das für Deutschland bedeuten kann."

In diesem Sinne war es eine Pionierleistung von größter Nachhaltigkeit: In Zeiten, in denen das Nachkriegsdeutschland mit sich selbst, mit Wirtschaftswunder und Kaltem Krieg beschäftigt war, als noch kein Mensch etwas von Begriffen wie Globalisierung, Internet und Vielfliegerei wusste, öffnete das von Gerd Ruge und Klaus Bölling erfundene Auslandsmagazin ein Fenster zur Welt. Korrespondenten berichteten aus Ländern, die für das Gros schlicht unbekannt waren. Und gleich in der ersten Sendung wurden die Zuschauer Zeuge der ersten Live-Schalte nach Washington – damals eine Sensation. Berühmt wurde das Magazin dann aber weniger mit technischen Innovationen. Was den "Weltspiegel" bis heute ausmacht, sind die menschlichen Akzente und Alltagsbeschreibungen aus den verschiedenen Regionen dieser Welt.

Und gerade in dieser Disziplin setzte Ruge mit seinen wachen, empathischen Reportagen Maßstäbe. "Mein Antrieb war es immer, über die Begegnung mit den einfachen Menschen ein etwas anderes, vielleicht überraschendes Bild von einem Land darzustellen", sagte er vor einigen Jahren im Interview mit der Agentur teleschau. "Bedenken Sie, wie viele Vorurteile es auch hierzulande über andere Völker, vor allem über Russland, gab", so der in seiner Wahlheimat München lebende Vollblutjournalist, der vor fünf Jahren seine Erinnerungen in Buchform veröffentlicht hat ("Unterwegs. Politische Erinnerungen." Hanser Verlag, 328 Seiten, 21,90 Euro). "Mir ging es immer darum, eine persönliche, eine möglichst herzliche Ebene herzustellen. Meine Devise ist, den Menschen offen und aufrichtig zu begegnen, ein echtes Interesse zu zeigen, dann geben sie einem das Gleiche zurück."

Gerd Ruge war 16 Jahre alt, als der Krieg zu Ende ging. "Wir hatten ja keinerlei Vorstellung, wie der Rest der Welt aussah. Also beschloss ich, dass ich mir so viel wie möglich selber ansehen möchte", sagte er ehemals im Interview. Die Abenteuerlust und "politische Neugier" hätten ihn in die Welt hinausgetrieben. Zum Journalismus fand er über Umwege. "Ich studierte zunächst Kunstgeschichte, aber irgendwann setzte sich meine Großtante durch, die moserte, dass dies eine brotlose Angelegenheit sei. Ich begann, journalistisch zu arbeiten. Für einen jungen Menschen damals die einzige Möglichkeit, ins Ausland zu kommen." Der Rest? Harte Arbeit – "und etwas Glück", wie Ruge im teleschau-Interview einräumte.

"Ich wurde schon als sehr junger Journalist, der für den Rundfunk wohl schon ein paar recht interessante Berichte gemacht hatte, nach England und in die USA eingeladen. Das war der Anfang", erzählte Gerd Ruge der teleschau. "In London traf ich Leute, die mir ein Visum für Jugoslawien besorgten. So kam es, dass ich bald als erster deutscher Journalist aus Jugoslawien berichtete. 1955 begleitete ich Bundeskanzler Adenauer zum Staatsbesuch nach Moskau, wo ich, vor dem Verhandlungsgebäude wartend, einen russischen Kollegen traf. Das Lustige: Wir wollten beide unbedingt Korrespondent werden – er in Bonn, ich in Moskau -, und wir bekamen das irgendwie hin." Ruge machte viel aus seinem ersten großen Job – trotz Zensur und KGB. Die Freundschaft zum späteren Nobelpreisträger Boris Pasternak öffnete ihm in Moskau Türen.

Aber leicht sei es in der Pionierzeit des bundesdeutschen Auslandsjournalismus nie gewesen – im Osten wie im Westen. "Als Deutscher schlug einem schon Misstrauen entgegen", erinnerte sich Ruge im teleschau-Gespräch. "In New York nahmen mich Freunde zu einer Cocktail-Party mit eigentlich sehr intelligenten und politisch eher linken Leuten mit. Da kam auf einmal eine Dame auf mich zu, schüttelte mir die Hand und sagte: 'Ach, ist das toll. Ich hätte nie geglaubt, dass ich einmal einem lebenden Nazi die Hand schüttele."

Fraglos bestand die Aufgabe der Korrespondenten seinerzeit nicht nur darin, den Deutschen die Welt zu erklären, sondern es ging wohl auch ein bisschen darum, der Welt die Deutschen näherzubringen. Die Jahrzehnte nach dem Krieg müssen eine spannende Zeit gewesen sein – zumal hierzulande enormer Nachholbedarf bestand, was die objektive Information aus fernen Ländern angeht. "Früher war das alles fremd, manchmal exotisch", sagt Gerd Ruge. "Die Neugier auf andere Völker war viel ausgeprägter. Heute haben alle das Gefühl, sie wüssten über die Länder schon Bescheid, weil sie schon mal dort waren." Entsprechend habe sich die Berichterstattung verändert. "In den 70-ern begann allmählich die Zeit der Human-Interest-Storys, der 'menschelnden' Berichterstattung. In den letzten Jahren kamen noch die Experten hinzu, die sich ungefiltert zu allen möglichen Themen äußern." Nach Ruges Einschätzung werde es deshalb "nicht leichter für den Zuschauer, der Wahrheit auf den Grund zu kommen".

Vielleicht ist es also doch nur ein Irrglaube unserer Zeit, dass die große, weite Welt nur einen Mausklick entfernt und der Blick über den Tellerrand mittels Fernbedienung ein Kinderspiel ist. "Einer hat bestimmt die richtige Sichtweise, aber kein Mensch weiß, wer das ist", lacht Ruge, der einerseits betont, dass er früher auch gerne bessere Kommunikationstechniken zur Verfügung gehabt hätte, andererseits aber sagt, dass die Arbeit heute keineswegs leichter geworden ist. "Wenn man heute jemandem mit der Kamera kommt, dann weiß er doch sofort, was los ist, jedenfalls in den meisten Ländern. Die Kamera als Beobachter, die Leute aufnimmt, die in dem Moment gar nicht so genau wissen, was das soll und was aus dieser Aufzeichnung wird, das gibt es nur noch selten. Diese gewisse Unschuld war sicher ein Vorteil früher."

Ruge, der auf langjährige Einsätze in den USA und in China zurückblickt, als Berichterstatter an Kriegsschauplätzen in aller Welt tätig war und auch im Alter mit lebendigen Reisereportagen aus den entlegensten Winkeln aufwartete, kennt ihn natürlich auch, den "Kampf" der Korrespondenten mit den Redaktionen um Sendeplatz und Recherchezeit. "Weil sie so leicht erreichbar sind, werden die Korrespondenten immer wieder von den Redaktionen aufgefordert, sich sofort zu aktuellen Themen zu äußern. Das fördert die Oberflächlichkeit", sagte er der teleschau.

Als der "Weltspiegel" im März dieses Jahres sein 50-Jahre-Jubiläum feierte, wurde für den in Würde ergrauten Initiator und Moderator der ersten Stunde eigens die Schwarzweiß-Studiokulisse von 1963 nachgebaut. Da saß der Ehrengast Gerd Ruge also wie ehedem hinter einem klobigen braunen Arbeitstisch, auf dem ein Namensschild, ein graues Schnurtelefon und ein Mikrofon standen, und wirkte vielleicht ein wenig verloren als Teil dieser Regie-Idee. Aber es war auch ein starkes Bild, weil es den Zuschauer gemahnte, wie lange er im Ersten schon mit exklusiven Informationen aus aller Welt versorgt wird und dass es auch mal eine "analoge" Zeit gab, in der den Auslandsjournalismus nicht zu Unrecht der Hauch von Abenteuer umwehte.

Anlässlich des 90. Geburtstages von Gerd Ruge sendet das WDR Fernsehen am 9. August ab 23.25 Uhr bis in die frühen Morgenstunden des 10. August unter dem Titel "Gerd Ruge wird 90 – Lange Nacht im WDR Fernsehen" sieben Reportagen und Dokumentationen des langjährigen Auslandskorrespondenten. Den Auftakt macht ein Porträt: Der Film "Auf den Spuren von Gerd Ruge" entstand anlässlich seines 75. Geburtstags im Jahr 2003.


Quelle: teleschau – der Mediendienst