Ein Tatort, gedreht in einer einzigen Kameraeinstellung, ist ein Wagnis. Dani Levy und Kameramann Filip Zumbrunn haben es gemeistert.

"Es ist eine erbärmliche Geschichte, sowas gibt es nur im Fernsehen – aber ihr, ihr werdet euren Spaß haben", verspricht Franky (Andri Schenardi), Sohn des Milliardärs Walter Loving (Hans Hollmann), dem Zuschauer ins Gesicht. Franky nimmt seine Rolle ernst, als bissiger Kommentator – und als Figur eines makabren Schauspiels. Das dreht sich um einen einzigen Abend, und an dem soll das "Jewish Chamber Orchestra" in Luzern für Loving und für einen guten Zweck spielen. Ein Event, an dem ein erlesenes Publikum etliche tausend Franken für eine einzige Karte hinlegt, und an dem Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) eigentlich ins Stadion will, mit seinem Sohn.

Doch daraus wird nichts, denn noch etwas anderes soll passieren. Etwas, das in Walter Lovings Vergangenheit, irgendwo in den Jahren des Zweiten Weltkriegs liegt, und das seine Familie bedroht. Es liegt eine intrigante Stimmung über dem Abend, private Scharmützel werden ausgetragen, Ehen ausgerufen, Menschen beleidigt, es wird geschrieben. Und: Es gibt die ersten Opfer. Doch nicht Loving selbst ist es, sondern ein Klarinettist, der vergiftet wird. Seine Schwester, eine Pianistin, wird bedroht. Auftritt: Liz Ritschard (Delia Mayer). Die Kollegin von Flückiger hat das Konzert privat besucht und muss nun ermitteln. Und auch Flückiger wird die zweite Halbzeit seines Fußballspiels nicht mehr live erleben. In Trikot und kurzer Hose mischt er sich unter die Gäste.

"Die Zuschauer wechseln die Seiten"

Als wäre die Geschichte an sich schon nicht geistreich genug, haben sich Regisseur Dani Levy und Kameramann Filip Zumbrunn an ein Experiment gewagt. Sie haben "Die Musik stirbt zuletzt" in einer einzigen Kameraeinstellung gedreht. An vier Abenden – ähnlich einer Theateraufführung – wurde dieses "Stück" durchgespielt, während Zumbrunn den Figuren stetig folgte, ohne seine Aufnahmen zu unterbrechen. "Wir haben uns dafür entschieden, den 'Tatort' nicht aus der Perspektive einer Hauptfigur zu erzählen, sondern perspektivisch zu reisen", so Dani Levy. "Die Zuschauer wechseln die Seiten, gleiten von Täter zu Opfer, von Opfer zu Ermittler, von Ermittler zurück zu falschen Tätern."

Grundlage dafür: eine punktgenaue Inszenierung, intensive Proben und eine ausgeklügelte Technik, so Kameramann Zumbrunn: "Die schwierigste Aufgabe aus technischer Sicht war es, eine Kamera-Konstellation zu erfinden, die von der Qualität her ausreichend und von der Größe und dem Gewicht her so klein und leicht wie möglich war. Auch musste ich ein System finden, wie ich am einfachsten und effizientesten die Schärfe selber bedienen konnte. Wir haben während der Proben viel testen und ausprobieren können und kamen schlussendlich zwei Wochen vor Dreh zu einer perfekten Lösung." Doch nicht nur körperlich und technisch war das Projekt anspruchsvoll, auch geistig forderte es Zumbrunn über die vier Tage: "Die größte Herausforderung war es, den kompletten 90-minütigen Film mit allen Dialogen, Bewegungen und Abläufen im Kopf gespeichert zu halten. Somit konnte ich auf alle Unregelmäßigkeiten und Änderungen spontan reagieren, ohne dass es die Zuschauerinnen und Zuschauer merken. Diese Hirnleistung war erstaunlicherweise viel ermüdender als die körperliche Leistung."

Ein schwindelerregendes Erlebnis

Das Ergebnis aber zieht in den Bann. Mit seinem "One take" ist "Die Musik stirbt zuletzt" ein schwindelerregendes Erlebnis, von dem der Zuschauer mitgerissen wird. Mal elegant wie ein Walzer, mal rasant wie eine Flucht entwickelt die Geschichte ihren eigenen Sog. Dazu zeichnet dieser Tatort mit vielen Spitzen und einem erstklassigen Ensemble (Hans Hollmann, Sibylle Canonica, Uygar Tamer und Teresa Harder) ein scharfes Bild der oberen Zehntausend. Und dieses Ensemble braucht es auch, um ein solches Wagnis – einen Krimi beinahe ohne Schnitte – zu bewältigen. Es ist auf eindrucksvolle Weise gelungen, kleinere Logikfehler seien da verziehen.