Johann von Bülow über sein neues ZDF-Krimiformat "Herr und Frau Bulle", Fremdscham im deutschen Fernsehen und Experimente im "Tatort".

Er sei sich nicht sicher, ob er jemals einen Ermittler spielen wolle, verriet Johann von Bülow vor nicht allzu langer Zeit. Ein verblüffendes Geständnis ausgerechnet von dem Schauspieler, der dem deutschen Publikum aus unzähligen "Tatort"- und sonstigen Krimis bekannt ist. Zum Glück kokettierte er nur ein wenig – und fand eine Ermittlerrolle, die ihm passte: Im neuen Krimikomödien-Format "Herr und Frau Bulle" (Samstag, 17. November, 20.15 Uhr), das im ZDF als Reihe angelegt ist, gibt der 46-Jährige an der Seite von Alice Dwyer einen Fallanalytiker der etwas anderen, eher peinlichen Art. Den humoresken Krimi kennt der Wahlberliner schon aus dem ARD-Schmunzelhit "Mord mit Aussicht". Was das neue Format von der Kultserie unterscheidet, warum Fremdscham im deutschen Fernsehen mehr Raum bekommen sollte, erklärt Johann von Bülow im Gespräch.

prisma: Sind Sie zufrieden damit, dass "Herr und Frau Bulle" mehr Komödie als Krimi geworden ist?

Johann von Bülow: Es steht absolut im Vordergrund, dass das witzig ist. Gerade auch auf meine Figur bezogen: Ich finde, dem Peinlichsein wird im deutschen Humor zu wenig Raum gegeben. Die Amerikaner und Engländer sind in der Frage des Fremdschämens und inwieweit man sich darüber amüsieren kann, schon sehr viel weiter. Ich dachte die ganze Zeit: Das wird mein Inspektor Clouseau!

prisma: War das ein Vorbild für Ihren Charakter?

von Bülow: Im Film wird gesagt, dass meine Figur der faszinierendste Profiler Berlins ist. Aber nach einer Weile fragt man sich: Worüber weiß der eigentlich so wahnsinnig gut Bescheid? Clouseau wurde ebenso nachgesagt, dass er der tollste Ermittler der Welt ist. Und dann stolperte der immer und hatte seine Probleme. Dieses Potenzial habe ich für mich entdeckt. Auch wenn ich beim Lesen des Skripts noch dachte: Boah, das kann auch total peinlich werden.

prisma: Was bewog Sie, dennoch mitzumachen?

von Bülow: Genau dieses Risiko einzugehen, dort, wo etwas Anderes und Neues passiert, das vielleicht nicht so gängig ist. Unterhaltsam und wirklich lustig wird es doch erst, wenn man dieses Risiko eingeht. Auch jenes, zum Amüsement aller auf der Bananenschale auszurutschen.

prisma: Ist das auch eine Möglichkeit, der sogenannten "Schublade" zu entfliehen?

von Bülow: Die meisten Schauspieler sind ungeheuer stark auf der Suche danach, aus derlei Schubladen rauszutreten. Ich weiß aber nicht, ob das so sehr an uns selbst liegt, das zu bewerkstelligen. Es hat mit unserer Ausstrahlung zu tun, wie wir auf Leute wirken. Ich bin glücklich, jetzt vermehrt zeigen zu dürfen, dass ich an Komödie großen Spaß habe. Was früher im Halbschatten stattfand, spiele ich jetzt auf dem Marktplatz bei vollem Sonnenschein vor aller Augen (lacht). Man musste mir aber nicht gut zureden, ich spielte ja etwa schon mit Annette Frier und Cordula Stratmann einen italienisch radebrechenden Kellner. Und bei "Mord mit Aussicht" funktionierten Krimi und Humor auch hervorragend.

prisma: Was haben das neue und das alte Krimi-Komödien-Format gemeinsam?

von Bülow: Der Krimi ist bei beiden die Folie, auf der etwas stattfinden kann, was viel mehr mit dem Zusammenspiel der Figuren zu tun hat. Auch bei den Skurrilitäten ähneln sich die beiden Formate sehr. Dennoch ist der Humor sicher verschieden. Ich hoffe, "Herr und Frau Bulle" hat dasselbe Potenzial zur Kult-Reihe.

prisma: Sie sagten einmal, dass Sie sich eine Rolle als Ermittler nur schwer vorstellen könnten. Nun sind Sie einer. War das komödiantische Format dafür Voraussetzung?

von Bülow: Ich meinte das so: Wenn ich mal einen spiele, dann muss es einer sein, den ich unbedingt spielen will. Häufig sind es ja die Ermittler, die den langweiligeren Part haben im Vergleich zu den Episodenfiguren. Das ist schauspielerisch oft wenig interessant. Bei "Herr und Frau Bulle" ist der Ermittler hingegen ja ein Charakterdarsteller, der die Hauptrolle übernehmen durfte.

prisma: Sie spielten schon in unzähligen Krimis mit. Können Sie mit der Kritik an der Krimi-Überproduktion etwas anfangen?

von Bülow: Ja, schon. Aber es ist ja auch so: Wenn ein Krimi läuft, gegen was auch immer, gewinnt am Ende der Krimi. Bis auf Fußball vielleicht. Es ist eine Reaktion auf das, was die Leute offensichtlich gerne mögen. Lassen Sie es mich so ausdrücken: Krimi ist das Vehikel, mit dem man den Zuschauern heute Geschichten am besten nahebringen kann. Ich hätte nichts dagegen, ein anderes Vehikel zu benutzen (lacht). Aber: Wenn man dem Publikum unter diesem Vehikel ab und zu eine interessante Geschichte unterjubeln kann, dann sollte es das wert sein. Manch schräge "Tatort"-Geschichte hätte man ohne Krimihandlung gar nicht erzählen können.

prisma: Obwohl dieses Experimentieren ja tatsächlich wieder begrenzt wurde ...

von Bülow: Ja, aber wer bestimmt das? Zum Glück haben wir keine öffentliche Zensurstelle, die sagt: "Das auf keinen Fall!" Vielleicht muss man sich manchmal mehr Mühe geben, das Experimentelle nicht ganz so offensichtlich zu machen – und es darf nicht dilettantisch werden. Wenn jemand eine gute Geschichte erzählt, dann bekommt er die schon noch unter. Die Kreativbranche steht jetzt nicht Gewehr bei Fuß und sagt: Jawohl, Herr General, nie wieder Experimente!

prisma: Vielen galt das dennoch als Spiegelbild für den Umgang des deutschen Fernsehens mit außergewöhnlichen Formaten.

von Bülow: Ich nehme wahr, dass wir in Deutschland immer noch eine große Zahl von spannenden und inhaltlich raffinierten Inhalten haben. Das wird angesichts der Masse an Produktionen nur nicht wahrgenommen. Bei den US-Serien ist es genauso: Die sind in den seltensten Fällen massentaugliche Formate. Ich finde, das deutsche Fernsehen wird zu oft verteufelt. Wenn man die negativen Seiten hervorkehrt, lässt man die spannenden Produktionen weg, die in diesem System entstehen können.

prisma: Sie erwähnten das Schielen nach dem Publikumswillen. Wird dem Zuschauer da nicht etwas unterstellt?

von Bülow: Da ist sicher etwas dran. Wenn man das Essen so vorgekaut wie möglich vorsetzen will, damit es dem Konsumenten leichter runtergeht, dann ist das sicher der falsche Weg. Dagegen ist doch "Herr und Frau Bulle" ein gutes Beispiel: Innerhalb des Traditionsformats Samstagabend-Krimi bekommen wir Gelegenheit, so etwas wie Albernheiten und Fremdschamhumor einzubauen.

prisma: War es für Sie als Berliner eigentlich angenehmer, in der Hauptstadt zu drehen?

von Bülow: Ja, natürlich. Unser Beruf bringt es mit sich, viel unterwegs zu sein. Das kann auch schön sein. Aber ein besonderes Erlebnis ist es auch, abends nach der Arbeit wieder zuhause zu sein.

prisma: Sie zeigen in der Serie ja auch ein besonderes Berlin.

von Bülow: Ja, es ist nicht das Postkarten-Berlin oder das, was in jedem Lonely Planet zu sehen ist. Der Fernsehturm wird sehr selten gezeigt (lacht). Es ist ein Berlin der Randständigen und Ausgestoßenen. Ein wenig Milieu-Potenzial hat die Reihe sicher; es werden noch eine Menge Abseitigkeiten zu erwarten sein.

prisma: Werden Sie in Berlin auf der Straße oft erkannt?

von Bülow: Das passiert schon ziemlich oft. Man wird nicht jedes Mal angesprochen. Lustig ist immer, wenn Leute über mich tuscheln und ich denke: Ich kann euch hören! (lacht) Aber warum sollte man diesen Beruf machen, wenn nicht auch dafür, erkannt zu werden! Vor ein paar Jahren nach der Ausstrahlung des "Adlon" war es sogar ein wenig wie in den 80er-Jahren: Plötzlich hat einen jeder auf diese Sache angesprochen!

prisma: Das gefällt nicht allen Kollegen.

von Bülow: Ich halte das für eine tolle Belohnung für unsere Arbeit. Das erlebte ich noch nie als übergriffig oder unangenehm. Kaum ein Schauspieler wäre glücklich, wenn ihn plötzlich niemand erkennt. Wir brauchen die Öffentlichkeit für unseren Beruf.


Quelle: teleschau – der Mediendienst