Neda Rahmanian hat sich mit der Rolle der kroatischen Kommissarin ein festes Standbein im TV aufgebaut. Im Interview spricht sie unter anderem darüber, warum ihre iranischen Wurzeln immer wieder ein Thema bei Rollenangeboten sind.

Neda Rahmanian ist ein Kind zweier Welten – und das nicht nur, weil die 40-Jährige in Teheran geboren, aber in Hamburg aufgewachsen ist. Denn Rahmanian, die seit drei Jahren die Rolle der kroatischen Kommissarin Branka Maric im "Kroatien-Krimi" der ARD spielt (zwei neue Episoden am Donnerstag, 14. und 21. März, jeweils 20.15 Uhr), begann ihre schauspielerische Karriere im Theater. Seit einigen Jahren hat sie nun endlich auch im Fernsehen Fuß gefasst. Vielschichtige Charaktere haben es ihr angetan, Figuren mit Reibungsfläche, Fehlern und Problemen. Das Glattpolierte, den Hochglanz und die Stereotype umschifft sie gekonnt. Doch egal, wie sehr sie sich als Deutsche und als Iranerin sieht – auf den TV-Bildschirmen der Bundesrepublik ist ihre Herkunft immer noch ein Thema. Zwar nie in Klischeerollen, doch die latente Reduktion auf das eigene Aussehen und die ethnische Herkunft identifiziert Rahmanian als großes, wenn nicht gar strukturelles Problem der hiesigen Unterhaltungsbranche. Aber sie bleibt zuversichtlich: Es ist eine Entwicklung in Gang, und die lasse sich nicht aufhalten.

prisma: Demnächst starten der fünfte und sechste "Kroatien-Krimi". Wie war die bisherige Resonanz auf die ersten vier Folgen?

Neda Rahmanian: Die war soweit sehr positiv, sonst hätten wir auch gar nicht weitermachen können. Das Team wurde gut angenommen, auch Branka als ermittelnde Hauptfigur kam sehr gut an. Die Einschaltquoten waren ebenfalls überzeugend.

prisma: Wie hat sich Ihre Figur mittlerweile weiterentwickelt?

Rahmanian: Branka ist in ihrem Amt sicherer und gefestigter geworden und kann viel mehr auf ihre eigenen Impulse zurückgreifen. Und auch auf ihre Art zu ermitteln, die nicht immer korrekt ist. Sie geht selten die geradlinige amtliche Spur.

prisma: Haben Sie viel Recherche im Bezug auf den Balkankrieg und die Mentalität der Region betrieben?

Rahmanian: Ja, ich habe mich mit der Geschichte des Balkans beschäftigt und damit, was der Krieg mit dieser Region angerichtet hat. Auch mit welcher Generation das zu tun hatte, welcher Generation Branka angehört, und was von diesem Konflikt in der heutigen Gesellschaft noch spürbar ist. Wo tauchen die Spuren dieses Krieges auf?Was macht dieses Ereignis mit einer Gesellschaft, die mittlerweile in der Gegenwart angekommen ist und diesen Krieg als nationale Geschichte in sich trägt? Das war zunächst die geografische und historische Auseinandersetzung mit dem Thema. Dann gab's aber auch noch die Auseinandersetzung mit meiner Figur.

prisma: Was waren hierbei Ihre Leitfragen?

Rahmanian: So etwas wie: Was heißt es, in Kroatien eine Kommissarin zu sein? Es stellte sich mir die Frage: Wie setzt sich eine Frau in dieser eher von Männern dominierten Gesellschaft oder in diesem sehr von Männern geprägten Berufsfeld durch? Vor den ersten Folgen hatte ich Kontakt zu einer kroatischen Kommissarin, die mir aus ihrem Alltag und von ihrem Werdegang erzählte. Und die mir dadurch viel Futter für meine Rolle geben konnte. Ich denke da auch an Aspekte äußerlicher Art. Hierzulande würde man Brankas Stil fast als "märchenhaft" bezeichnen: Eine Kommissarin in High Heels und Lederrock, die aufgepimpt durch die Gegend rennt. Das mag märchenhafte Züge haben, aber diese Kommissarin, die ich dort kennengelernt habe, war ganz ähnlicher Natur. Sie hat ihre Weiblichkeit bewusst eingesetzt. Neben ihrer beruflichen Kompetenz war das der Hauptgrund dafür, dass sie sich in dieser Männerdomäne behaupten konnte.

prisma: Sie kommen eigentlich vom Theater. Wie kam es dazu, dass sie nun mehr fürs Fernsehen arbeiten?

Rahmanian: Das Theater ist mein Zuhause, mein Stall! Sagen wir's mal so: Es hat sich einerseits so ergeben. Andererseits war es für mich klar, dass ich, wenn ich überhaupt ins Medium Film oder Fernsehen einsteigen möchte, etwas finden muss, worauf ich wirklich Lust habe. Ich hatte Geduld, habe rund 15 Jahre lang Theater gemacht und mir immer selbst gesagt: Wenn mich dieses andere Medium will, dann werden die richtigen Sachen schon kommen. Klar, meine TV-Karriere startete nicht von Anfang an mit einer großen Rolle wie der von Branka Maric. Es baute sich sukzessive auf, von einigen wenigen Drehtagen bis hin zu meinem ersten Spielfilm, dem ARD-Historienfilm "Leberkäseland", in dem ich die Hauptrolle spielte. So ergab sich das nach und nach. Es ging mir aber immer um die Projekte. Sowohl auf der Bühne als auch im TV ist für mich die Auseinandersetzung mit der Rolle ausschlaggebend. Das Angebot mit dem "Kroatien-Krimi" kam einfach zum richtigen Zeitpunkt, da hat dann alles gestimmt.

prisma: Sie wurden 1978 in Teheran geboren, 1984 sind Sie dann mit ihrer Familie zuerst nach Aschaffenburg und im Anschluss nach Hamburg gezogen. Wie kam's dazu?

Rahmanian: Die Überschrift dazu wäre: Das ist der längste Urlaub meines Lebens! Wir waren tatsächlich im Urlaub bei Verwandten in Deutschland, die dort schon seit einigen Jahrzehnten lebten. Und genau zu diesem Zeitpunkt gab es Krieg zwischen dem Iran und dem Irak – mein Bruder hätte eingezogen werden sollen. Um ihn davor zu schützen, entschlossen sich meine Eltern dazu, hier in Deutschland zu bleiben. Wir hatten das Glück, dass wir schon in Deutschland waren und nicht extra flüchten mussten. Und so nahm meine Vita ihre Kurve aus Asien nach Europa, und ich bin dann hier in Deutschland aufgewachsen.

prisma: Wann stand Ihr Entschluss fest, dass es für Sie karrieretechnisch in Richtung Schauspielerei gehen würde?

Rahmanian: Schon mit zwölf Jahren. Bedingt durch den ersten Kontakt, den ich mit diesem Bereich hatte: im Schultheater. Da merkte ich, dass sich mir auf der Bühne eine andere Welt eröffnet, in der vieles mehr möglich ist als in der Realität. Vielleicht hat das auch mit den beiden Kulturen zu tun, die ich in mir trage, wofür ich auch sehr dankbar bin, weil ich das als echte Bereicherung empfinde. Es muss natürlich nicht jeder, der zwei Kulturen in sich trägt, gleich Schauspieler werden. Aber vielleicht hat es tatsächlich etwas damit zu tun, dass sich dadurch eine dritte, eine neutrale Ebene öffnet, die sagt: Okay, hier kannst du aussuchen, wer du bist, was du bist, wie du es machst, was du machst, wann du es machst, in welcher Form und in welcher Gestalt. Das war für mich schon mit zwölf klar.

prisma: Sie sind eine deutsche Schauspielerin mit iranischen Wurzeln und spielen in der ARD-Reihe eine Kommissarin aus Kroatien. Eine eher verrückte Kombination, oder etwa nicht?

Rahmanian: Durchaus, aber das kann man auf vielen Wegen erklären. Erstens mal: Es ist eine deutsche Produktion, die mit überwiegend deutschen Schauspielern in Kroatien gedreht wurde. Da ist es legitim, dass man eine Darstellerin castet, die einer Kommissarin aus diesem Land zumindest in optischer Hinsicht ein Stück weit entspricht. Letztendlich geschieht das mit anderen Rollen und Figuren auch, wenn die entsprechenden Charaktere einer anderen Nationalität angehören. Man schaut immer: Wer passt da drauf?

prisma: Wie denken Sie als Darstellerin darüber?

Rahmanian: Als Schauspielerin denke ich: Ich spiele eine Kommissarin. Und im Grunde genommen würde ich auch eine ähnlich konzipierte deutsche Kommissarin nicht zwangsläufig anders spielen, sofern sie eine ähnliche Vita wie Branka hätte. Ich spreche Deutsch, alle anderen auch, niemand im Film spricht Kroatisch. Aber – und darauf möchte ich gerne hinaus – ich kann noch so sehr eine deutsche Schauspielerin sein: Momentan sind im hiesigen TV meine Wurzeln immer noch vordergründig. Es ist für das deutsche Fernsehen relevant, dass ich anders – nicht deutsch – aussehe.

prisma: Aber warum ist das hierzulande immer noch so ein Problem und keine Normalität?

Rahmanian: Im Grunde genommen ist es völlig egal, woher jemand stammt. Aber vielleicht ist das Medium Fernsehen noch nicht so weit – gnädig ausgedrückt. Weil es heute immer noch einer klitzekleinen Erläuterung bedarf. Ich fühle mich sehr glücklich darüber, dass ich gar nicht in das Klischeerollenfach von ausländischen Figuren falle: Die Kopftuchträgerin, die Opferrolle oder derlei Charaktere. Irgendwo sagt man dann über meine Figuren: Das ist die spanische Schwiegertochter oder eben auch die kroatische Kommissarin – irgendetwas, das erklärt, warum der Charakter "anders" aussieht. Das Fernsehen ist da einfach noch nicht mutig genug.

prisma: Immerhin haben wir mit Florence Kasumba jetzt die erste farbige Ermittlerin im "Tatort".

Rahmanian: Ja, das ist auch gut so! Es bewegt sich etwas. Sehr langsam zwar, aber es bewegt sich. Bis wir dann vielleicht irgendwann dort ankommen, dass die "deutsche Mutter" genauso aussieht wie ich: mit dieser Hautfarbe, diesen Augen, dieser Nase, diesen Haaren. Aber das braucht noch Zeit. Gerade befinden wir uns im Umbruch: Was heißt es im Moment, Europäer zu sein? Wie sehen Spanier aus? Wie sehen Italiener aus? Wir sind noch lange nicht an dem Punkt angelangt, dass Schauspielerinnen wie ich völlig frei von ihrer äußerlichen Erscheinung besetzt werden. Nicht nur im Fernsehen, sondern auch im Kino ist das so. Eine Kollegin von mir stand vor Kurzem mal im Zeitschriftenladen vor der Auslage von Magazinen und meinte dann völlig entsetzt: Die sind ja alle blond! Und ich sagte nur: Ja klar sind die alle blond! (lacht) Und das hat sie total verwundert. Bei manchen Aspekten hinken wir noch hinterher. Aber vor zehn Jahren hätte es wahrscheinlich noch nicht mal eine kroatische Kommissarin gegeben, die so aussieht wie ich. Aber abgeschlossen ist dieses Thema noch lange nicht.

prisma: Haben Sie manchmal Sehnsucht nach Ihren iranischen Wurzeln?

Rahmanian: Nein, denn die trage ich ständig in mir! Ich habe meine Heimat bei mir. Ich bin einfach beides: Ich bin so was von Deutsch – und ich bin auch so was von Iranisch. Ich glaube auch das hat etwas mit unserem Zeitalter zu tun. Damit, dass wir jetzt in eine Generation hineinwachsen, in welcher der Begriff Heimat für die Menschen nicht mehr nur ein Wort ist. Es sind Menschen, es sind Erinnerungen, Gerüche und Geschmäcker, die eine Heimat und die eigene Geschichte ausmachen. Insofern: Ich vermisse nichts, ich habe alles bei mir.

prisma: "Bild" hat Sie schon mal mit Götz Georges Kommissar Schimanski verglichen. Wäre auch mal ein "Tatort"-Engagement für Sie vorstellbar?

Rahmanian: Ich würde es sehr begrüßen! Eine "Tatort"-Kommissarin würde ich gerne spielen, wenn sie die Chuzpe wie Branka hätte – daher auch der Vergleich mit Schimanski. Tatsächlich geht es mir immer um den Charakter – wenn der interessant ist, bekomme ich auch Lust darauf, ihn zu spielen.

prisma: Also ein Charakter mit Reibungsfläche?

Rahmanian: Ja, absolut! Und auch mit eigenen Sorgen, Nöten und Brüchen im Leben. Das ist es doch, was Charaktere lebendig macht! Durch ihre Fehler und ihr unkorrektes Verhalten werden fiktionale Figuren doch erst interessant. Welcher Mensch ist denn schon perfekt?


Quelle: teleschau – der Mediendienst