Was der Tatort nicht kann, hat Netflix geschafft. Die deutsche Mystery-Serie "Dark" wird von Menschen auf der gesamten Welt geschaut – und bekommt gute Kritiken. Schon seit Längerem erreicht der US-amerikanische Streaming-Dienst Netflix mit Serien aus Ländern wie Frankreich, Spanien und Brasilien ein internationales Publikum. Im Interview erklärt die Netflix-Produzentin Kelly Luegenbiehl, was eine deutsche Serie braucht, um auch im Ausland Erfolg zu haben.

Warum ist ausgerechnet "Dark" die erste deutsche Netflix-Serie geworden?

Luegenbiehl: So etwas wie "Dark" habe ich zuvor in Deutschland und auch anderswo in der Welt noch nicht gesehen – und genau solche Serien wollen wir bei Netflix produzieren. Außerdem fühlt es sich an, als sei es der perfekte Zeitpunkt, eine fesselnde deutsche Geschichte herauszubringen. Ursprünglich hatten die beiden Showrunner Baran bo Odar und Jantje Friese ja geplant, einen Film zu drehen. Aber dann stellte sich heraus, dass es zu viele Charaktere und zu viel zu erzählen gab, um es in nur zwei Stunden zu packen. Als wir die Möglichkeiten, die Netflix bietet, mit ihrer großartigen Geschichte verknüpft haben, erschien es uns als die perfekte erste deutsche Netflix-Serie.

Netflix gibt es in Deutschland ja auch noch nicht so lange...

Luegenbiehl: Seit 2014. Und als ich selbst im November 2015 bei Netflix als Produzentin für die internationalen Eigenproduktionen anfing, war "Dark" eines der ersten Projekte, die besprochen wurden.

Europäische Serien wie "Las chicas del cable" aus Spanien oder "Marseille" aus Frankreich und "Dark" haben einen starken lokalen Anstrich. Wie schafft man es, dass diese Serien trotzdem bei einem internationalen Publikum funktionieren?

Luegenbiehl: "Dark" hat tolle universelle Themen, die Menschen berühren, egal wo sie leben: Es geht um Familie, Liebe und Verrat. Wir haben die Serie für Deutschland produziert, aber teilen sie mit der Welt – das ist spannend. Generell wollen wir Serien produzieren, die sich unterscheiden und einzigartig sind, egal, woher die Geschichten kommen. Und unsere Nutzer zeigen, dass Storytelling keine Ländergrenzen kennt, denn sie schauen sich immer mehr Content an, der außerhalb ihres Heimatlandes und nicht in ihrer Muttersprache produziert wurde.

Viele schauen sich die Serien sogar in der Originalsprache an. Die Science-Fiction-Serie "3%" aus Brasilien konnte man in Deutschland zum Beispiel nur auf Portugiesisch mit deutschen Untertiteln schauen.

Luegenbiehl: Oder "Narcos", das hauptsächlich auf Spanisch gedreht wurde. Gute Geschichten funktionieren auch über Ländergrenzen hinweg. Unsere Kultur mag sich unterscheiden, aber wir alle mögen eine gute Geschichte.

Gedreht wurde "Dark" in Deutschland. Inwiefern war Netflix da überhaupt beteiligt?

Luegenbiehl: Wir sind überzeugt, dass es das Beste ist, den Showrunnern unserer Serien die kreativen Freiheiten zu geben, die sie brauchen. Als eine der ausführenden Produzenten von "Dark" war ich von Anfang bis Ende in den gesamten Prozess involviert, und habe Hand in Hand mit den Showrunnern und der Produktionsfirma "Wiedemann & Berg" gearbeitet, um ihrer Idee Leben einzuhauchen. Aber wir haben auch auf das Talent der Showrunner vertraut und an ihre Vision geglaubt.

Was sind ihre nächsten Projekte in Europa?

Luegenbiehl: Wir sind immer auf der ganzen Welt auf der Suche nach talentierten Autoren mit tollen Ideen, auch in Deutschland. Im Moment führen wir Gespräche über einige sehr spannende neue Projekte. Wir können da hoffentlich bald mehr verraten. Und wir drehen zur Zeit "Dogs of Berlin" (Start 2018, Anm. d. Red.) und freuen uns darauf, was dabei herauskommen wird.

Lena Völkening führte das Interview.