1192 wird der englische König Richard Löwenherz vor Wien als Geisel genommen und verschleppt. Erst im Februar 1194 wird er freigelassen. Die ARTE-Doku zeichnet einen der größten Skandale des Mittelalters nach.

Muss man jetzt sein Bild vom edlen Richard Löwenherz, dem englischen Helden aus den Hollywoodfilmen, ändern? Schon eine Ausstellung in Speyer hatte ja 2017 am Idealbild des Ritters genagt und ihn als Verlierer und Versager dargestellt. Löwenherz – nichts als eine Legende, ein Mythos. Die ARTE / ORF-Doku, die etwas zu euphorisch im "ARTE-Festtagsprogramm" läuft, ist da schon merklich zurückhaltender. Den Schmutz bekommen eher Löwenherz' Feinde ab.

Dass er davon nicht wenige hatte, musste er spätestens bei seiner unverhofften Geiselnahme im Flecken Erdberg vor Wien 1192 merken. Der österreichische Herzog Leopold kastelte den auf dem Rückzug aus dem Heiligen Land als Kaufmann Verkleideten mir nichts, dir nichts ein – obwohl er damit seine Exkommunikation durch den Papst heraufbeschwor. Doch Leopold hatte Verbündete hinter sich – seinen Bruder Johann Ohneland, dem er gleich nach seiner Krönung 1189 die Amtsgeschäfte übertragen hatte, da er lieber nach Jerusalem zog, um die Wiege des Christentums zurückzuerobern; den König Philipp von Frankreich schließlich, weit ärmer und weniger mächtig als er, und auch noch den deutschen Kaiser Heinrich VI., der auf den beim Kreuzzug ertrunkenen Friedrich I. Barbarossa folgte.

Bei der Eroberung der Festung Akkon im heutigen Israel hatte Löwenherz Leopolds Banner aus nicht mehr erfindlichen Gründen in den Sand gestampft. Das hätte er besser nicht getan, denn der Österreicher merkte sich das und ließ ihn die Schmach mit der Geiselnahme teuer bezahlen. Wie Historiker und Biografen, teils beim Durchbättern von Pergament-Folianten, teils in freier Interpretation im Film belegen, wurden von der Mutter des Königs nach viel Feilscherei und entwürdigender Inszenierung der eigenen Dominanz letztlich 150.000 Mark herausgerückt, 23 Tonnen Silber, was so viel wie die zweifache englische Jahressteuer war. Am 4. Februar 1194 kam Richard endlich aus der Haft.

Der deutsche Kaiser eroberte mit seinem Anteil des geldes Sizilien, Löwenherz aber wurde 1199 von einer Armbrust bei der Belagerung einer französischen Burg getroffen. "In seinem Tod vernichtete die Ameise den Löwen", dichtete Roger von Hoveden, Löwenherz' wichtigster Chronist. Andere setzen den legendären Ritter gleich in König Artus' mythische Tafelrunde oder erweckten ihn in Gestalt des vorbildlichen Robin Hood später wieder zum Leben. Als deutsche Bomber seine Statue neben dem Parlament in London zerstörten, blieb das Schwert des Ritters unbeschadet.

Ohne jemand enttäuschen zu wollen: Die Schauspielerei fällt ausgerechnet im Löwenherz-Film recht ärmlich aus. Der Held selbst wirkt wie aus der zweiten britischen Division genommen. Alle Experten mühen sich in dieser ORF / ZDF-Produktion mit ARTE redlich darin, uns Richards "Sturz vom Gipfel der Macht in die Finsternis" unter die Haut fahren zu lassen. Allen voran legt sich der Richard-Experte John Gillingham mit einem wunderbar britischen Latein-Akzent ins Zeug, wenn er in alten Pergamenten blättert. Aber es reißt einen nicht wirklich vom Stuhl, wahrscheinlich ist man doch zu sehr von den Ritterspektakeln der Cinema Scope-Filme verseucht. Dort hätte der Ivanhoe wohl den Löwenherz aus dem Verlies gehauen.

Richard Löwenherz – Ein König in der Falle – Sa. 04.01. – ARTE: 20.15 Uhr


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH