Charles Manson gilt als einer der berüchtigtsten Mörder der USA. Seine Anhänger fanden vor genau 50 Jahren ein damals sehr prominentes Opfer: Sharon Tate, Ehefrau von Roman Polanski, angehende Stilikone – und hochschwanger. Mehrere TV-Dokus erinnern an Charles Manson und Tates tragische Geschichte.

Fernsehdokumentationen, erschöpfende Abhandlungen in sämtlichen Medien: Der im November 2017 verstorbene Serienkiller Charles Manson, der schon zu Lebzeiten ikonenhaft der Popkultur zugerechnet wurde, hat gerade wieder Konjunktur. Immerhin steht ein Jahrestag an, der gewürdigt werden muss: Im Sommer 1969 nahm Mansons beispiellose Mordserie ihren Anfang. Daran darf man erinnern, keine Frage. Doch wie bizarr funktionieren Gesellschaften, die fünf Jahrzehnte nach einer bestialischen Bluttat dem Haupttäter den Status der Kultfigur einräumen, den Namen seines prominentesten Opfers, damals immerhin eine bekannte Schauspielerin, aber weitgehend vergessen haben? Höchste Zeit, einmal nicht den Psychopathen Manson zu würdigen, den berühmtesten Serienmörder Amerikas, der angeblich bis vor seinem Tod immer noch 250.000 Dollar pro Jahr verdient haben soll, sondern zu ihrem Todestag an die Frau zu erinnern, die er keine zwei Wochen nach dem ersten nachgewiesenen Manson-Mord niedermetzeln ließ: Sharon Tate. Sie wurde in den 60er-Jahren als schönste Frau Hollywoods gefeiert und war auf bestem Wege zur Ikone.

Sharon Tate war schon ein Star, als sie sich 1967, bei den Dreharbeiten zu "Tanz der Vampire", in den Regisseur Roman Polanski verliebte. Das Paar trat 1968 in London vor den Traualtar. Der traurige Rest ist bekannt und eine der tragischsten Geschichten, die Hollywood je zu erzählen hatte: In der Nacht zum 9. August 1969 – Polanski weilte in Europa, um Drehorte zu inspizieren, sie wollte sich die Reisestrapazen nicht zumuten – lud die im neunten Monat schwangere Sharon Freunde zu einer spontanen Party in ihr neues Traumhaus am Cielo Drive in Beverly Hills ein, wo sie von vier Mitgliedern der berüchtigten "Manson-Family" überfallen und brutal abgeschlachtet wurden. Insgesamt wies Tates Körper 16 Stichwunden auf. Die Schauspielerin wurde nur 26 Jahre alt.

Sie war wunderschön, aber kein geborener Star: Mit kleiner Stimme pries Sharon Tate einst in Spots eine Zigarettenmarke an, versuchte ihre abgebissenen Fingernägel zu verbergen, verschluckte sich beim Inhalieren – und wurde prompt gefeuert. Auf dem Heimweg, so will die lange kolportierte Legende glauben machen, traf sie einen Hollywood-Boss ...

Natürlich war alles dann doch ein bisschen anders – aber nicht minder märchenhaft. Die Tochter eines US-Geheimdienst-Offiziers wächst in Verona auf. Dort wird 1960 der Film "Hemingways Abenteuer eines jungen Mannes" gedreht. Sharon drückt sich so lange in der Nähe des Teams herum, bis der Schauspieler Richard Beymer auf das Mädchen mit den riesigen dunklen Augen und langen rotblonden Haaren aufmerksam wird. Prompt verliebt sie sich in ihn, er begnügt sich mit einer kurzen Affäre. Doch immerhin macht Beymer sie mit einem Hollywood-Produzenten bekannt, der ihr einen Siebenjahresvertrag mit Hollywood verschafft.

Sharon Tate trainierte sich den texanischen Akzent ab

Bevor sie ihren ersten Film, "Das Tal der Puppen", dreht, wird sie in die Mangel genommen: Ein Sprachlehrer soll Sharon ihren breiten texanischen Dialekt abgewöhnen, ein Bodybuilder auf Haltung beim Sitzen und Anmut beim Gehen achten. Zwei Jahre dauerte das Training – Kontakt mit Männern war, wie es hieß, streng verboten. Sharons Fazit der Tortur: "Ich blieb so, wie ich immer war."

Und Roman Polanski? Er war sofort Feuer und Flamme. "Mich hat man ein für alle Mal auf das sanfte Nymphchen programmiert", erklärte er ihre Anziehungskraft. "Sie war die Märchenprinzessin meiner Schulzeit. Die kleinen Hexen, in die ich mich zuerst verliebt habe, mit acht oder zehn Jahren – in aller Unschuld natürlich."

Fotos zeigten den Regisseur und die Schauspielerin glücklich die Stufen eines Londoner Standesamtes hinuntertanzend – Roman Polanski ein strahlender Faun neben einer Märchenfee im weißen Minikleid und Blumen im offenen Haar. "Mit ihr zu leben, ist wie eine Bombe mit einem langen Zeitzünder in der Tasche zu haben", verkündete Polanski strahlend. Das Glück währte nur 18 Monate.

Charles Manson, 38 Jahre alt, genannt "der Satan", befiehlt fünf Mitgliedern seiner auch für sexuelle Ausschweifungen berüchtigten Sekte "Manson-Family" ein schreckliches Verbrechen. Im LSD-Rausch dringen die Fanatiker in die Villa der Polanskis ein. Mit sieben Schüssen und 104 Messerstichen wurden an diesem Abend mit Tate, ihrem ungeborenen Kind und vier Freunden sechs Menschenleben ausgelöscht. Sharon Tate war die Letzte, die starb.

Sharon Tate flehte nach Aussagen ihrer Mörder, sie wenigstens bis zur Geburt des Babys leben zu lassen. Der Geburtstermin war für den 12. August vorausberechnet worden. Die Mörderin Susan Atkins schrieb danach unbeeindruckt das Wort "PIG" an die Haustür – mit Sharon Tates Blut.

Polanskis Trauer ist legendär. "Irgendetwas ist in mir abgestorben nach ihrem Tod. Vielleicht meine Verrücktheiten, meine Eseleien. Oder die Jugend, was ja dasselbe ist. Ich bin nicht mehr so pudeljung und pudelnärrisch. Ich bin ein dirty old man, der kleine Mädchen liebt", gab er einst zu Protokoll. Er widmete ihr seinen Film "Tess", dessen Vorspann mit den Worten "to Sharon" endet. Die Hauptrolle besetzte er mit Nastassja Kinski, die am gleichen Tag (dem 24. Januar) wie Tate Geburtstag hat. Sharon Tate und ihr ungeborenes Kind ruhen auf dem Holy Cross Cemetery, dem Friedhof im kalifornischen Culver City.

Dokus über Charles Manson

Am 29. März 1971 wurde Charles Manson zum Tode verurteilt. Weil wenig später die Todesstrafe in Kalifornien abgeschafft wurde, verbüßte Manson bis zu seinem Tod 2017 eine Haftstrafe. Ein Teil der Anhänger hielt auch während seiner Haftzeit die Treue zu Manson, der diverse Künstler (unter anderem Marilyn Manson) inspirierte und nicht nur einmal in TV-Produktionen als Kultfigur stilisiert wurde. Prominentes Beispiel ist wohl die US-Serie "Aquarius" (2015-2016), die hierzulande bei Sky ausgestrahlt wurde. In der Hauptrolle: der Schauspieler Gethin Anthony, der im Interview mit der Agentur teleschau über Manson zu Protokoll gab: "Er ist vor allem ein Mensch, wenn ich ihn spiele."

Sharon Tate ist auch in dieser Produktion nur eine Randfigur. Nicht viel anders ist es nun auch bei den Beiträgen, die zum 50. Jahrestag des Mordes an Sharon Tate gesendet werden. Unter anderem thematisiert Nitro mit einer bemerkenswerten TV-Doku die Manson-Morde und den Sektenführer. Der Film "Charles Manson: Geheime Aufnahmen aus der Killer-Kommune" (Free-TV-Premiere, Samstag, 17. August, 22.05 Uhr) hat jahrzehntelang verschollenes Bild-, Video- und Tonmaterial ausgewertet und zeichnet zum 50. Jahrestag der Bluttaten ein erschütterndes Bild von Manipulation, Gehirnwäsche und Gewalt.

Auch ARTE widmet sich in der Doku "Charles Manson: Der Dämon von Hollywood" (Freitag, 30. August, 22.10 Uhr) dem Serienkiller, ein Fokus liegt dabei auch auf der gescheiterten Musikkarriere Mansons. "Charles Manson – Sektenführer und Massenmörder" (Samstag, 24. August, 18 Uhr, ZDFinfo) rekapituliert die Entwicklung Mansons vom Kleinkriminellen zum Sektenguru. Auch im Kino werden die Verbrechen im neuen Film von Quentin Tarantino, "Once Upon A Time In Hollywood", abgehandelt. Die Produktion mit Brad Pitt und Leonardo DiCaprio in den Hauptrollen startet am 15. August.


Quelle: teleschau – der Mediendienst