Erst mit Geduld, dann mit überwältigender Kraft zeigt "Wir sind jung. Wir sind stark." die Entstehung neonazistischen Verhaltens in einer Gruppe Jugendlicher im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen.

Selten hat ein Film so in die Zeit gepasst wie dieser. Noch vor Pegida und der neuen Ausländerfeindlichkeit entstanden, gibt "Wir sind jung. Wir sind stark." (2013) den Hass und die Ängste wieder, die im August 1992 in Rostock-Lichtenhagen grassierten und heute in vergleichbarer Weise wieder aufleben. Damals, wenige Jahre nach der Wende, kam es zu beschämenden Übergriffen der Einheimischen auf ein Wohnheim für ehemalige vietnamesische Vertragsarbeiter sowie die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber. Regisseur Burhan Qurbani zeigt in eindrucksvollen Schwarz-Weiß-Bildern beide Seiten: junge Arbeitslose, die dem Nichtstun und der daraus resultierenden Gewalt verfallen sind, und – auf der anderen Seite – eine junge Vietnamesin, die sich mit Erfolg in die Gesellschaft integriert. Das ZDF wiederholt den hervorragenden Film nun im Abendprogramm.

Die Polizei zog sich zurück

Mehrere 100 meist rechtsextreme Randalierer waren 1992 an den Ausschreitungen beteiligt, bis zu 3000 applaudierende Zuschauer behinderten den Einsatz von Feuerwehr und Polizei, als es in den oberen Stockwerken brannte. Molotowcocktails hatten das Wohnheim, in dem sich über 100 Vietnamesen, aber auch ein mutiges Fernsehteam des ZDF aufhielten, in Brand gesteckt. Der Skandal: Ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Ausschreitungen zog sich die Polizei zurück und überließ die Eingeschlossenen dem Mob.

Diese Szenen sieht man im zweiten Teil des lange Zeit schwarz-weißen Films, der sich hier explosionsartig und in plötzlicher Farbgebung in einem erstaunlich realistischen Show-down zur beeindruckenden Dokufiction steigert. Zuvor widmet sich "Wir sind jung. Wir sind stark." sehr lange und mit sehenswerter Sorgfalt einer Gruppe Jugendlicher (hervorragend: Jonas Nay und Joel Basman), die versucht, mit Muskelspielen und neonazistischem Gehabe ihre Langeweile und ihre Unmündigkeit zu vertreiben.

Ihnen gegenüber steht die Geschichte der Vietnamesin Lien (Trang Le Hong): Sie lebt mit Bruder und Schwägerin im Asylbewerberheim, hat sich ins Berufsleben integriert und will in Deutschland bleiben. Ihr Bruder dagegen will zurück nach Vietnam, angesichts der drohenden Gefahr. Als Parallelhandlung laufen die Schicksale der Migranten und der Einheimischen aufeinander zu – bis zum finalen Pogrom.

Viel mehr als eine Reproduktion

Regisseur Burhan Qurbani zeigt die allmählich anwachsende Gewalt, die Führerstrukturen, die sich innerhalb der jugendlichen Gruppe entwickeln, weil man einfach irgendwo dazugehören will. Aber auch den Hoffnungsschimmer der Liebe am Horizont. Als Sohn afghanischer Einwanderer entwickelte der Filmemacher offensichtlich eine besondere Sensibilität für die Situation der Asylbewerber. Sein Film, dessen Drehbuch er gemeinsam mit Martin Behnke schrieb, ist jedenfalls viel mehr als eine Reproduktion der schrecklichen Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen. Er zeigt meisterlich, wie leicht Gewalt aus Frustration heraus entstehen kann.


Quelle: teleschau – der Mediendienst