Mit 68 Jahren macht sich der 1945 im Flüchtlingslager Bergen-Belsen geborene Izak Szewelewicz auf die Suche nach seinem leiblichen Vater – und findet einen unbekannten Bruder. Ein Dokument über die Identitätssuche der Nach-Auschwitz-Generation.

Ein Sohn, Izak, sucht seinen leiblichen Vater. 1945 wurde er aus dem von den Briten errichteten Flüchtlingslager in Bergen-Belsen heraus zur Adoption nach Israel freigegeben. Dort wusste er lange nicht, dass seine Adoptiveltern nicht die leiblichen Eltern waren. Doch die Umgebung ließ es ihn wissen, als er zehn war. Mit 13 fand er die Mutter in Kanada. Doch sie erzählt nichts über Izaks Vater, nichts über die Beweggründe der Freigabe zur Adoption. Trotzdem bewundert er sie als die "schönste Frau der Welt" – alte Filmaufnahmen und Fotografien machen das durchaus verständlich. Izak, jetzt 68, sucht weiter, stößt auf ungeahnte Familiengeheimnisse und findet einen Bruder. Eine komplizierte, geradezu aberwitzige Geschichte, voller Traurigkeit, aber auch Trost. Die Dokumentation "Aidas Geheimnisse" ist ein Film, der Zeitgeschichte aus nächster Nähe erzählt.

Alon Schwarz, der Regisseur und Produzent des Films, ist der Neffe Izaks, des inzwischen betagten Mannes, der seinen Vater sucht. Der gehört zur Generation der Auschwitz-Überlebenden, deren Angehörige über die Schrecken der Vergangenheit nach dem Krieg nicht gerne redeten. Ein technisch begabter Mensch soll er gewesen sein, aus einem Stück Holz habe er ein Haus bauen können, sagt die Schwester einmal im Film. Auschwitz hatte er als Stahlarbeiter überlebt.

Kein Film über das Leben im KZ

Doch "Aidas Geheimnisse" ist kein Film über das Leben im Konzentrationslager, sondern über das Überleben in der Nachkriegszeit. Selten hatte der Begriff "Displaced Persons" einen tieferen Sinn als hier: Es geht um entwurzelte Menschen. Menschen, die nicht wirklich wissen, woher sie kommen und wohin sie gehören. Der leibliche Vater, die Mutter sind unbekannt, doch der Wille, sie zu finden, ist so stark, dass sie nichts unversucht lassen, sie zu finden.

Izak hat seine leibliche Mutter schon mit 13 gefunden, sie hat ihn, eine wunderschöne Frau, auch zu seiner Bar Mitzwa besucht. Es gibt im Film Super8-Bilder, die das belegen. Schwerer hat es Izaks blinder Bruder, der schwer an der Ungewissheit trägt, wer seine Mutter ist, und warum sie sich in all den Jahren nicht auf die Suche nach ihm begeben hat. Schweren Herzens besucht er sie, betagt und verschlossen, im Pflegeheim. Sie umarmen sich, er verzeiht ihr, ist glücklich, wie es scheint. Die Mutter singt: "Your are my sunshine, my only sunshine" ... Ohne alle Sentimentalität – es scheint, als habe sie einst "ihre Seele verloren", wie ein Filmkommentar nahelegt.

Ein aberwitzig komischer Moment

Ein Bruder findet seinen Bruder, ein anderer eine neue Mutter. Izaks leiblicher Vater ist schon gestorben, als er ihn "gefunden" hat. Er war ein guter Mensch, sagt die Mutter, und er glaubt es ihr. Aber am bewegendsten ist doch die Umarmung der Brüder, eine Wiederholung ohne Wenn und Aber. Zu kurz kommt, wenn man so will, die Begründung der Verschwiegenheit, die Tabuisierung, mit der die wissenden Verwandten den Brüdern die leiblichen Eltern verschwiegen. Aber vielleicht gibt es dafür auch keine wohlfeile Erklärung. Aida hatte dann noch ein drittes Kind, und auch das zur Adoption freigegeben, so stellt sich heraus. "Ich glaube, wenn ich sie das nächste Mal besuche, muss ich sie etwas härter angehen", sagt der blinde Bruder. Ein aberwitzig komischer Moment. Izak aber stellt fest, dass sie "ein 15-jähriges polnisches Mädchen" gewesen sei, "das eine furchtbare Zeit erlebt hat und dieser Welt ganz besondere Kinder schenkte." Dem ist nur wenig hinzuzufügen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst