Becker (Peter Kurth) war jahrelang in Haft und spricht nicht gerne über seine Vergangenheit. Doch seine Tat von damals hat eine Familie zerstört und der Ehemann und Vater ist nicht gewillt, dem Mörder seiner Frau und Tochter den Neustart zu gönnen.

Es mag um Schuld und Sühne gehen im intensiven deutschen Drama "Zwischen den Jahren". Das ist nicht falsch, aber es ist doch zu allgemeingültig. Denn Lars Henning präsentiert das oft besprochene Thema mit intensiven Dialogen, außergewöhnlichen Akteuren und melancholischen Großstadtbildern. Vor den ein wenig aus der Mode gekommenen Fotos nächtlicher Szenerien entsteht eine tiefgehende Version über Moral und Vergeltung. Das Erste zeigt das Filmerlebnis, das in diesem Jahr für den Grimme-Preis nominiert war, zu später Stunde nun erstmals im Free-TV.

Becker (Peter Kurth) arbeitet beim Wachschutz und mag es nicht, in die Leben anderer gezogen zu werden. Mit dem neuen Kollegen Barat (Leonardo Nigro) ist das etwas schwierig. Denn der gesprächige, aber auch Schwierigkeiten anziehende Thekenfreund macht es wortkargen Einzelgängern recht schwer, für sich zu bleiben. Becker erzählt nicht gerne von sich, wovon sollte er auch sprechen? Von seiner jahrelangen Haft, der unguten Vergangenheit? Er will leben, hier und jetzt, einfach neu anfangen. Der Job gibt ihm Stabilität, und die Putzfrau des Hauses (Catrin Striebeck) ist auch ganz nett.

Dieser knurrende Typ, den alle nur beim Nachnamen nennen, hat ein gutes Herz, so zumindest der Eindruck des Zuschauers. Er kümmert sich um Hunde und Frauen, trägt aber viel Verbitterung mit sich. Es ist in jedem Blick zu sehen, wie sehr Becker seine Tat bereut und sich schämt. Es war wohl Mord, ein Doppelmord, der – und das ist ein wichtiger Aspekt – nicht gezeigt wird. Seine Tat hat eine Familie zerstört.

Übrig blieb Dahlmann, der Ehemann und Vater (Karl Markovics). Er ist 20 Jahre später ein Wrack und wüsste keinen Grund, weswegen er dem Mörder seiner Frau und Tochter den Neustart gönnen sollte. An dieser Stelle setzt der Film ein. Die Vergangenheit mischt sich in Beckers Leben in Form des Mannes, dem er das alles antat. Denn Dahlmann nutzt sein tristes Dasein, um Becker zu beobachten und ihn hier und da zu belästigen.

Regisseur Lars Henning backt in seiner ersten Arbeit fürs Kino kleine Brötchen, was heißt, dass dieser Film auch gut im TV anzusehen ist. Die melancholischen Bilder, die scharf konturierten Schatten sind ein schöner Schauplatz, treten aber zurück hinter die angespannte Atmosphäre, die Peter Kurth und Karl Markovics aufbauen. Die Ausweglosigkeit ist greifbar. Kurth zeigt die Angst, wenn man etwas zu verlieren hat, Markovics die Verzweiflung und Härte, wenn dem nicht so ist.

"Warum bekomme ich eigentlich kein neues Leben", fragt der Witwer bei einem Treffen der beiden Männer weniger sein Gegenüber. Lars Henning schenkt seinen Hauptdarstellern großartige Szenen und sie zahlen es ihm zurück mit fantastischem Spiel. In Sachen Intensität kommt Peter Kurth in der Rolle des entlassenen Häftlings seiner darstellerischen Leistung als Boxer "Herbert" nahe, für die er 2016 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Zusammen mit dem Österreicher Karl Markovics ("Grand Budapest Hotel") hebt er dieses Thriller-Drama auf ein tolles Niveau.

Hauptdarsteller Peter Kurth ist ab Herbst in der Netlflix-Serie "Criminal" zu sehen. Die Anthologie-Serie und erste länderübergreifende europäische Netflixproduktion erzählt in jeweils drei Folgen von Kriminalfällen in Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Spanien. Das Besondere daran: Wie in einem Kammerspiel spielen die Episoden ausschließlich in einem Verhörraum.


Quelle: teleschau – der Mediendienst