Doku bei ARTE

"Wirecard – Die Milliarden-Lüge": Die Whistleblower kommen zu Wort

von Eric Leimann

Die für den Deutschen Fernsehpreis nominierte Doku "Wirecard – Die Milliarden-Lüge" ist nach ihrer TV-Premiere bei SKY nun auch bei ARTE zu sehen. Darin kommen vor allem jene zu Wort, die den Betrug enthüllten. Noch bis 30. April 2022 kostenlos in der ARTE-Mediathek.

ARTE
Wirecard – Die Milliarden-Lüge
Dokumentarfilm • 02.11.2021 • 20:15 Uhr

Das Wort Bananenrepublik, heute politisch vielleicht nicht mehr ganz so korrekt, fällt in "Wirecard – Die Milliarden-Lüge" nicht. Dennoch ließe sich nach Ansicht des Films der beiden jungen österreichischen Filmemacher Benji und Jono Bergmann, hinter denen die erfahrene Produzentin Gabriela Sperl ("Tannbach", "Opertion Zucker") steht, Deutschland als Bananenrepublik in Sachen Finanzaufsicht und politischem Wirtschafts-Lobbyismus bezeichnen. Das Abwiegeln und Nichtverfolgen klarster Hinweise auf einen aberwitzigen Milliardenbetrug beim bayerischen Fintech-Börsenstar Wirecard war so drastisch, dass man einem Drehbuchautoren, der sich das Ganze ausgedacht haben könnte, das Script wohl mit den Worten "völlig übertrieben" um die Ohren gehauen hätte. Doch leider ist all das, was man sich nicht vorstellen konnte, wahr.

Der knapp 100 Minuten lange Film "Wirecard – Die Milliarden-Lüge", der im Mai 2021 beim Pay TV-Anbieter Sky gezeigt wurde, war nach dem TVNOW/RTL-Projekt "Der große Fake – Die Wirecard Story" bereits der zweite Film über einen der weltweit größten Finanzskandale made in Germany. Nur knapp 1,5 Millionen Zuschauer wollten am 22. April 2021 das Dokudrama mit "Stromberg"-Star Christoph Maria Herbst als Wirecard-CEO Markus Braus sehen. Offensichtlich zog die Geschichte nicht so richtig. In Zeiten von Corona und der allgemeinen Überzeugung, eine von der Realität entkoppelte Wirtschafts- und Finanzwelt sei ohnehin außer Kontrolle geraten, vielleicht verständlich.

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Dabei ist "Wirecard – Die Milliarden-Lüge" eigentlich ein Mutmacher, weil im Film vor allem jene Helden auftreten, die den Skandal aufdeckten. Nun hat die starke Dokumentation ihre Premiere im Free-TV. Zudem plant Produzentin Gabriela Sperl eine Fiction-Serie zum Thema, über deren Details im Augenblick aber noch nichts verraten wird.

"Wirecard – Die Milliarden-Lüge" macht auf mit jenem Mann, der den Skandal endgültig ins Rollen brachte: Pav Gill, Mitte 30, ein Jurist und ehemaliger Wirecard-Mitarbeiter aus Singapur, der gemeinsam mit seiner Mutter nicht glauben konnte, dass ein deutsches Groß-Unternehmen einfach Geldflüsse in Milliardenhöhe erfindet, die nicht existieren. Dass dieses Unternehmen – protegiert von Politik und Aufsichtsbehörden – Schläger und andere Angst einflößende Halbwelt-Gestalten losschickt, um Journalisten, Whistleblower und Unternehmens-interne Kritiker zum Schweigen zu bringen. "Pav ist so deutsch, dass er das nicht glauben konnte", sagt Pavs Mutter im Film gänzlich ironiefrei.

Weil ihr Sohn es doch so toll fand, für ein großes "seriöses" Unternehmen in Deutschland zu arbeiten, das zeitweise von seinem Börsenwert höher als die Deutsche Bank eingestuft wurde. Jene Deutsche Bank, die der nunmehr in Haft sitzende Wirecard-Gründer Markus Braun eigentlich kaufen wollte. Was durchaus hätte klappen können, wie der ein oder andere Insider im Film berichtet.

Mutige Wirecard-Mitarbeiter halfen bei der Aufklärung

Tatsächlich ist es so, dass wenn die im Film gezeigten Helden noch später Gehör gefunden hätten, Wirecard wohl auf Basis ihres Betrugs-Unternehmensdaten weiter "gewirtschaftet" und Anlegergeld vernichtet hätte. Bandenmäßiger Betrug in Milliardenhöhe, Bilanzfälschung, Manipulation des Börsenkurses, Veruntreuung von Konzernvermögen und Geldwäsche lauten die Vorwürfe gegen Wirecard momentan. Gerade einmal vier Personen befinden sich aktuell in Haft, der schillernde "zweite Mann" bei Wirecard, Jan Marsalek, ist bekanntlich immer noch auf der Flucht.

Während das TVNOW/RTL-Dokudrama von Grimmepreisträger Raymond Ley vor allem versuchte, die bizarre Wirecard-Welt von innen, also vonseiten der Betrüger, Handlanger und Aufsichts-Versager zu verstehen, porträtieren die Regisseure neben Pav Gill Journalistinnen wie Melanie Bergermann ("Wirtschaftswoche") oder Clare Rewcastle Brown, den bayerischen Blogger jigajig – einen der ganz frühen Helden in Sachen Wirecard-Recherche – oder den britischen Shortseller Matt Earl. Der wurde zu Hause von Wirecard-Schergen überwacht und bedroht, weil er auf einen möglichen Betrug hingewiesen hatte.

Doch auch Mitarbeiter von Wirecard, die Ungereimtheiten entdeckt hatten, wurden entlassen oder bedroht wie Pav Gill, der auf eine Geschäftsreise nach Jakarta geschickt werden sollte, von der er wohl nie zurückgekehrt wäre – wie es im Film heißt. Auch andere mutige Ex-Mitarbeiter wie Dashiell Lipscomp oder Finanzwelt-Beobachter wie Tobias Bosler kommen zu Wort und erzählen ihre Geschichte der Zweifel und Recherchen gegen das Unternehmen, das "too big to fail" erschien. Schließlich sollte es Deutschlands Antwort auf Amazon oder Google werden. Der Beweis, dass auch im Herzen des alten Europas digitale Erfolgsgeschichten wie aus dem Silicon Valley geschrieben werden können. Weil dieser Traum so groß war, drückten Politik und Aufsichtsbehörden viel zu viele Augen zu.

Gemein haben die Wirecard-Investigativ-Helden, dass sie alle persönlich viel riskierten. Und das ohne viel Aussicht auf Ruhm oder persönlichen Gewinn, um einen der größten Betrugsfälle im globalen Finanzwesen aufzudecken. Ein Wirtschaftsverbrechen, das die Existenzen tausender Kleinanleger vernichtet hat. Weil man am Ende dieses – fotografisch und erzählerisch sehr eleganten und ästhetischen – Films jedoch das Gefühl hat, dass die Welt zwar am Rande des Abgrunds wandelt, aber immerhin einzelne Menschen akribisch an ihrer Rettung arbeiten, macht die Ansicht neben der großen aufklärerischen Klasse von "Wirecard – Die Milliarden-Lüge" zu einem Must-See des Jahres.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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