"Fünf Dekaden an der Frontlinie": Die Biografie, die derzeit über Deutschlands profiliertesten Kriegsreporter, Ashwin Raman, geschrieben wird, hat einen markigen Arbeitstitel. Doch was nach Hollywood der 80er klingt, ist nur die Wahrheit: Der TV-Journalist drehte seit den 70er-Jahren Dokumentarfilme in den gefährlichsten Ländern der Erde – nicht selten geriet er in lebensbedrohliche Situationen.

Die Arbeit in den Krisenherden ist Ramans Business, könnte man sagen. Allerdings bekennt sich der Filmemacher weder zu einem ausgeprägten Geschäftssinn noch will er als lebensmüder Abenteurer missverstanden werden. Was ihn wirklich über all die Jahre antrieb, erklärt der unter anderem mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis dekorierte Vollblutjournalist nun im Interview, in dem er auch mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen abrechnet und einen Rücktritt verkündet: Der 72-Jährige dankt ab – als Kriegsreporter wohlgemerkt. Er sei "kriegsmüde", sagt Raman nach all den Einsätzen auch an der Quotenfront. "Aber ein kritischer Journalist werde ich immer bleiben."

prisma: Sie berichten seit den 70er-Jahren aus den Krisengebieten dieser Welt und haben unendlich viel Leid gesehen. Glauben Sie noch an das Gute?

Ashwin Raman: Ja. Natürlich sah ich all das Elend, aber ich habe immer die Hoffnung, dass der Wille, zu überleben und einander zu helfen, nicht stirbt. Mit Glauben allein kann man sehr wenig tun, aber ohne ihn gar nichts. Ich bin in all den Jahren bei meinen Dreharbeiten auf sehr viel Gastfreundschaft, Großzügigkeit gestoßen und bin immer wie ein Freund empfangen worden. Das hat mich sehr bewegt und motiviert, die Schicksale der Menschen in Kriegsgebieten zu erzählen.

prisma: Wie kamen Sie auf diesen Weg – man wird ja nicht einfach Kriegsreporter?

Raman: Mich hat schon immer sehr geärgert, wie in den Medien überwiegend über Kriege berichtet wird – plakativ, reduziert auf Mord und Totschlag. Man sieht Bilder von Militäreinsätzen, vernimmt Zahlen über Tote. Aber das Leben vor Ort, der Alltag im Krieg, spielte im TV kaum eine Rolle. Wir haben nicht erfahren, wie es der Bevölkerung beispielsweise in Afghanistan geht. Das war schon Ende der 70er-Jahre so, und nach 9/11 war es nicht anders. Afghanistan wurde reduziert auf eine Art Hofberichterstattung. Es wurde über die Bundeswehr berichtet, ein wenig über Kabul, und das war es. Mein Antrieb war, die Wahrheit zu suchen und zu zeigen. Kriegsreporter zu werden, war aber eigentlich nie mein Berufsziel.

prisma: Sondern?

Raman: Meine Dokus sind in erster Linie Anti-Kriegsfilme, in denen ich die Geschichten der einfachen Menschen, auch der Soldaten, erzähle. In meinen Filmen sehen Sie selten Politiker und noch seltener ranghohe Offiziere.

prisma: Wie gingen Sie vor?

Raman: Mit einem eigenen Ansatz: Ich wollte zum Beispiel nie mit einem Team, insbesondere nicht mit Europäern, in die Gebiete gehen, denn dabei kommt selten etwas Authentisches heraus. Die Menschen sind gehemmt, verunsichert und reden dann nicht offen. Sicherlich hat mir in all den Jahren auch meine Hautfarbe einen gewissen Vorteil verschafft. Im Gespräch wird jedoch sofort klar, dass ich keiner von ihnen und ein Fremder bin.

prisma: Ihr Vater war auch Journalist.

Raman: Ja, er war Auslandskorrespondent der größten indischen Zeitung, der "Times of India". Zeitweise war er während des Vietnamkrieges in Saigon tätig. In dieser Zeit begann auch ich als junger Mann, über den Krieg zu schreiben. Ende der 70er-Jahre war ich dann erstmals in Afghanistan, wo ich unter anderem für den "Spiegel" als Rechercheur und Autor arbeitete. Schon hatte ich den Stempel als Kriegsreporter auf der Stirn. Ausschlaggebend für meinen eigentlichen Erfolg als Dokumentarfilmer war im Grunde meine Frau, die mir in den 90er-Jahren eine Digicam schenkte. Ich mache zwar seit den späten 70er-Jahren Filme, doch tatsächlich war dies meine Wiedergeburt als Dokumentarfilmer. Das Gerät eröffnete mir völlig neue Möglichkeiten. Nun war ich frei, Filme zu machen nach meinen Vorstellungen.

prisma: Und von da an waren Sie immer alleine unterwegs?

Raman: Ja, in der Regel mit meinem Rucksack und einer kleinen Videokamera. Wenn es wirklich gefährlich war, wie in Somalia, hatte ich Leibwächter dabei. Bei allen meinen Einsätzen wohnte ich selten in Hotels, sondern unter den Menschen, in den Familien. Und die Leute erzählten mir ihre Geschichten: Wahrheiten, die fernab von dem waren, was in Washington, Berlin, London oder Paris besprochen und entschieden wurde. Darauf bin ich wirklich stolz: dass ich Geschichten erzählen durfte, die sonst nicht erzählt worden wären.

prisma: Was machen Ihre Kollegen anders?

Raman: Eigentlich alles. Ich erinnere mich an den Irak-Krieg beispielsweise. Da waren 2003 Hunderte von westlichen Korrespondenten vor Ort – und es herrschte eine sonderbare Stimmung: Die meisten Reporter wollten etwas, verzeihen Sie das Wort, Geiles erleben. In der Luft lag ein Flirren aus Abenteuer- und Sensationslust. Ich denke, ich weiß auch warum: Viele dieser Journalisten jagten den Geschichten hinterher, weil sie hofften, sich damit ein Fundament für eine große Reporterkarriere zu schaffen.

prisma: Ist das nicht legitim?

Raman: Weiß ich nicht. Diese Gedanken habe ich mir nie gemacht, solche Eitelkeiten kenne ich auch nicht. Weil der Krieg sowieso immer größer ist als deine Geschichte, die, auch wenn sie noch so spektakulär erscheint, bald wieder vergessen sein wird.

prisma: Wie nahmen Sie Ihre Rolle wahr?

Raman: Ich war immer der Außenseiter. Seinerzeit war ich zwar auch mal als Embedded Journalist unterwegs, unter anderem bei den US-Truppen, doch mit den Korrespondenten hatte ich eigentlich nie wirklich Kontakt. Mich befremdete deren Arbeitsweise: Sie saßen zumeist in den großen Hotels und wurden von ihren einheimischen "Stringers", den Freelancern, die die Geschichten für sie einsammelten, beliefert. Doch diese wichtigen Leute wurden so gut wie nie erwähnt. Die Lorbeeren hat immer der Korrespondent eingefahren, der vor der Kamera steht.

prisma: Waren Sie neidisch auf die Stars der Korrespondentenszene?

Raman: Nein, nicht auf ihren Ruhm – weil ich nie bekannt werden wollte. Ich war einfach anders – schon äußerlich, machte keinen Wind um mich, hatte immer nur meinen Rucksack und meine kleine Kamera dabei – so konnte ich in aller Ruhe arbeiten. Ich bin auch noch nie irgendwo hingereist mit einer fertigen Storyidee im Kopf. Ich will die Geschichten auf mich zukommen lassen und offen sein, für das, was die Menschen mir anvertrauen. Andere Filmemacher arbeiten genau andersherum: Die wissen, welche Geschichten in den Redaktionen gefragt sind, reichen ein entsprechendes Exposé ein.

prisma: Aber eine Redaktion braucht gewisse Garantien ...

Raman: Ja, natürlich. Später habe ich auch dazugelernt und um an Aufträge zu kommen angefangen, Exposés zu verfassen. Was man dann dreht, ist ja eine andere Frage (lacht). Aber zunächst war meine Wiedergeburt als Dokumentarfilmer nicht so leicht, was das Geschäftliche angeht. Ich hatte ja keine Ahnung, was für Honorare man verlangen kann. Über so etwas machte ich mir lange keine Gedanken und habe oft unter Preis gearbeitet.

prisma: Hat man Sie über den Tisch gezogen?

Raman: Anders ausgedrückt könnte man sagen, es wurde im Interesse der Sender verhandelt. Als freier Autor ist man oft gezwungen, nervige Verhandlungen zu führen. Aber ich will nicht verallgemeinern; weit problematischer ist, dass die Sender sich kein vollständiges Bild über die Arbeit vor Ort machen können. Woher auch?

prisma: Also, wie ist es vor Ort?

Raman: Als ein One-Man-Team bin ich manchmal über zwei Monate unterwegs. Vor allem ist die psychische Belastung groß, ich habe niemanden, mit dem ich mich austauschen kann. Hinzukommt das Organisatorische. Alles muss bar bezahlt werden, was bedeutet, große Mengen Bargeld am Leib zu tragen. Tag und Nacht.

prisma: Wie finden Sie die heutige Auslandsberichterstattung im TV?

Raman: Die Auslandsberichterstattung ist im öffentlich-rechtlichen Fernsehen immer noch ein Stiefkind. Sehen Sie sich mal eine Woche lang die "Tagesschau" oder die "heute"-Nachrichten an, dann werden Sie feststellen, dass an die 90 Prozent der Beiträge von der Innenpolitik oder der europäischen Politik geprägt sind. Das Ausland wird zum großen Teil von Trump, Erdogan und Brexit geprägt. Auch am Korrespondentennetz sieht man, welche Stellung die Auslandsberichterstattung hat. Ein Korrespondent, der in Nairobi sitzt, deckt 38 Länder ab. Nicht besser ist es in Asien, im Mittleren und Nahen Osten. Es wird an der falschen Stelle gespart. Dass in Rom oder Genf jeweils mehrere Vertreter der Sender sitzen, zeigt die Gewichtung. Wir verlieren unseren Bezug zum Ausland. Wohin das politisch und gesellschaftlich führt, erleben wir bereits.

prisma: Sie kämpften stets gegen diese Entwicklung an ...

Raman: Na ja, dazu bin ich zu unwichtig. Als Einzelner ist es schwer, die Verhältnisse zu ändern. Ich kämpfe in erster Linie für Themen und Geschichten. Also für Storys, die in unseren Medien nicht stattfinden. Beim Kampf um bessere Sendeplätze bleibt man hingegen auf verlorenem Posten.

prisma: Womit wir beim Thema Quoten wären ...

Raman: In den Sendern wird behauptet, sie spielten nur eine geringfügige Rolle. Dennoch wird am Morgen nach der Ausstrahlung die erste Frage immer nach den Quoten gestellt. In der Nacht der Ausstrahlung meiner Filme schlafe ich daher grundsätzlich schlecht. Für eine Informationssendung ist zum Beispiel eine Quote von neun bis zwölf Prozent vertretbar. Hat man diesen Wert erreicht, wartet man auf die Auswertung der internen Schaltkonferenzen der Sender. Über die Quoten und Auswertungen hinaus hatte ich immer das Glück, dass meine Filme in den Printmedien hoch gelobt wurden. Vor allem konnte ich mit Redakteuren zusammenarbeiten, die zu mir standen.

prisma: Macht man also einen Film zwangsläufig für die Quote?

Raman: In gewisser Hinsicht ja. Doch die Zuschauer bei Laune zu halten, ist nicht einfach. Man versucht den Film daher so zu gestalten, dass sie nicht wegschalten. Um alle Beteiligten zufriedenzustellen, halte ich mich immer an das Rezept meiner Filmdramaturgie: In eine 45-minütige Dokumentation streue ich mindestens drei Action-Szenen zwischen die eigentliche Message des Films. Die Qualität und Brisanz des gedrehten Rohmaterials ist selbstverständlich Voraussetzung dafür, den Beitrag spannend und vor allem informativ zu gestalten. Nicht zuletzt um einen der rar gewordenen Sendeplätze zu bekommen.

prisma: Die Senderverantwortlichen verweisen aber wohl nicht zu Unrecht darauf, dass der Anteil an Informationssendungen nach wie vor hoch ist.

Raman: Was man eben alles so Information nennt ... Fakt ist, dass es für Dokumentarfilme fast keine Sendeplätze zur Primetime oder in der Late-Prime gibt, weil die Sender lieber zahlreiche banale Verbraucher-Checks und Talkshows zeigen. Der Zuschauer nimmt aus dem Stakkato an Talkshows jedoch wenig mit. Er kann sich vermutlich schon am nächsten Morgen nicht mehr an die Kernaussagen erinnern. Wir stellen fest, dass das Volk immer empfänglicher für Polemik wird, aber wie können die Leute zu einer fundierten Meinungsbildung kommen, wenn die politische Aufklärung über Talkshows passiert, die sich zu 90 Prozent im Wahlkampfmodus mit Innenpolitik auseinandersetzen? So viele Menschen schimpfen über die Flüchtlingspolitik, aber sie wissen nicht wirklich, was es mit diesen Flüchtlingen auf sich hat, woher sie kommen, warum und unter welchen Umständen sie fliehen müssen. Niemand erklärt die Realität.

prisma: Ihr letzter Film aus Afghanistan lief um 0.45 Uhr im ZDF.

Raman: Ja, und das nachdem ich wochenlang unter heftigsten Umständen gedreht habe. Und als Trost hört man dann: "Ach, die Leute gucken das doch in der Mediathek." Stimmt vielleicht, aber das ist nicht Sinn der Sache. Ich produziere ja nicht für die Mediathek oder für meine Freunde und Verwandten. Es wird immer wieder erklärt, dass das Publikum am Abend eben etwas anderes sehen möchte. Doch das ist leicht gesagt, wenn man den Leuten die Alternativen vorenthält. Ich halte dagegen: Zeigt gute Dokumentarfilme um 20.15 Uhr, nicht nur einmal, sondern immer wieder, dann stimmen auch die Quoten! Die Zuschauer sind nicht so uninteressiert, wie die Fernsehmacher glauben.

prisma: Sie wurden mit dem Grimme-Preis und dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. Hat Ihnen das Renommee zu mehr Aufträgen und besseren Sendeplätzen verholfen?

Raman: Nun ja, bei den Preis-Galas bist du König für einen Tag. Keine Frage, ich bin dadurch bekannter geworden. Ob ich dadurch mehr Aufträge bekommen habe, ist eine andere Frage. Ich gelte als unbequem ... Aber das macht nichts. Zum Grundprinzip journalistischer Arbeit gehört es, unbequem und geradlinig zu sein. Es kommt nicht auf schöne Worte an, sondern auf die Wahrheit. Sie ist alles, was für uns zählen darf.

prisma: Wollen Sie nun ganz aussteigen?

Raman: Nein. Ich bin 72 Jahre alt, gesundheitlich angeschlagen und habe nicht vor, noch einmal in Kriegsgebiete zu fahren. Doch selbstverständlich werde ich weiterhin Filme machen.

prisma: Was können Sie verraten?

Raman: Gerade bereite ich einen Dokumentarfilm über die WM 2022 in Katar vor. Da sind so viele Menschen aus Indien, Nepal und anderen Ländern beim Bau der Infrastruktur umgekommen. Auf ihre Schicksale möchte ich aufmerksam machen. Außerdem interessieren mich die ausländischen IS-Kämpfer, die jetzt aus dem Krieg, aus Afghanistan, Syrien, Irak, zurück nach Europa gekommen sind. Wenn man ihnen zuhört, gibt es einen gemeinsamen, erstaunlichen Nenner: Die Männer sind nicht aus politischen oder religiösen Gründen im Krieg gewesen, sondern aus persönlichen. Der eine flüchtete vor der Justiz, der andere hatte Beziehungsprobleme und so weiter. Ein drittes Thema: Viele deutsche Frauen sind als Statisten in Bollywoodfilmen zu sehen. Einige haben Karriere gemacht und wurden zu Stars. Welche Biografien verbergen sich dahinter? Zu guter Letzt plane ich einen Film über Bauern in Indien – sie leiden unter einer unfassbar hohen Sterblichkeit. Ich möchte erzählen, was wir damit zu tun haben. Oft werden diese Menschen wegen hoher Schulden in den Selbstmord getrieben. In einigen Teilen Indiens werden ältere Familienmitglieder sogar eingeschläfert, weil das Essen nicht ausreicht.

prisma: Also sind Sie noch nicht müde?

Raman: Kriegsmüde, ja. Aber ein kritischer Journalist werde ich immer bleiben. Unter anderem plane ich den Aufbau einer eigenen Plattform, auf die ich alles stelle, was ich senden und nicht senden durfte. Dieses Material mache ich zugänglich. Vielleicht könnte ich dort auch Beiträge anderer Filmemacher streamen. Eine Art alternatives Netflix – so etwas wäre keine schlechte Sache.

prisma: Gerade schreibt ein Journalist Ihre Biografie!

Raman: Richtig. Arbeitstitel: "Fünf Dekaden an der Frontlinie." Da werde ich meine Erlebnisse und Erfahrungen erzählen. Ich halte auch immer noch Vorträge. Erfreulicherweise werde ich auch von der Bundeswehr gebucht, obwohl ich mich mit deren Einsätzen kritisch auseinandergesetzt habe. Die vertragen offenbar Kritik und wissen meine Afghanistan-Expertise zu schätzen.

prisma: Wer wird künftig die Geschichten aus den Kriegsgebieten erzählen?

Raman: Es sieht nicht gut aus. So wie der Beruf der Uhrmacher langsam ausstirbt, wird es auch die Vollblut-Kriegsreporter bald nicht mehr geben. Woher auch? Die desolate Lage bezüglich Krieg und Auslandsberichterstattung habe ich ja ausführlich beschrieben.


Quelle: teleschau – der Mediendienst