In "Enkel für Anfänger" spielt Barbara Sukowa eine Aushilfs-Oma. Es wurde Zeit, dass die Fassbinder-Muse endlich auch als Komödiantin entdeckt wird. Im Interview erzählt sie, warum ihr viele Eltern leid tun und verrät, was sie von älteren Menschen hält, die auf jung und cool machen.

"Bleiben Sie optimistisch, es wird immer besser", sagt Barbara Sukowa zum Abschied mit herzlicher Stimme noch, und dann ist das Interview auch schon vorbei. Schade. Denn die in Bremen geborene Wahl-New-Yorkerin ist so unerschütterlich lebensfroh, dass einem – auch wenn das pathetisch klingt – gar nichts anderes übrig bleibt, als die Welt zu umarmen, wenn man mit ihr gesprochen hat. In der Rentnerkomödie "Enkel für Anfänger" (Kinostart: 6. Februar) teilt sie diese Lebensfreude mit einem überbraven Öko-Elternkind: Als Leih-Oma Philippa wird die Schauspielerin, die in Fassbinder- und Margarethe-von-Trotta-Filmen meist sehr ernsthafte Frauen spielte, als Komödiantin entdeckt. Und das war längst überfällig.

prisma: Frau Sukowa, was für eine Oma sind Sie selbst?

Barbara Sukowa: Nicht ganz so wie Philippa (lacht). Es macht mir Spaß, mit meinem Enkelkind zusammen zu sein, ich erfreue mich selber am Spielen und am Beobachten. Ich lasse sie sehr viel machen und greife wenig ein. Das habe ich schon bei meinen eigenen Kindern so gehalten.

prisma: Das hat früher ziemlich gut funktioniert. Warum wollen Eltern heute alles kontrollieren?

Sukowa: Den Eltern wird so viel Angst gemacht: Allein, was wir alles nicht essen dürfen! Es muss verwirrend sein, ständig zu lesen, was alles schlecht für die Kinder ist. Das muss verwirrend für sie sein, weil es so viele verschiedene Meinungen gibt. Mir tun eigentlich die Eltern leid. Sie greifen ja nicht ein, weil sie ihre Kinder ärgern wollen, sondern weil sie das Beste für sie wollen. Sie wollen sie auf die Welt vorbereiten, in die sie später einmal gehen – und die Eltern wissen, dass diese Welt nicht gerade einfach ist.

prisma: Das war sie früher doch auch nicht.

Sukowa: Es gab aber nicht so viele Plattformen, wo man mit Informationen überladen wird. Als meine Kinder klein waren, gab es kein Internet. Heute googeln die Leute, wenn das Kind einen Pickel hat – und finden 17 verschiedene Möglichkeiten, wie sie den Pickel behandeln können. Ein junger Bekannter hat neulich ein Kinderbett gekauft. Sie können sich nicht vorstellen, wie viele potenzielle Todesarten es im Kinderbett gibt. Da sind so viele Warnschilder draufgeklebt, dass Eltern gar nichts anderes übrig bleibt, als verunsichert zu sein.

prisma: Was raten Sie, wie man dieser Verunsicherung Herr wird?

Sukowa: Das kann ich Ihnen nicht sagen, das muss jede Generation selber herausfinden. Ich selbst mag da etwas lockerer sein, aber jeder muss selbst seinen Weg finden. Eltern sind diejenigen, die sagen, wo es lang geht. Man kann und sollte ihnen diese Aufgabe nicht abnehmen. Sie sind berechtigt, ihr Kind so zu erziehen, wie sie es für richtig halten.

prisma: Den "Großeltern-Verleih" aus dem Film gibt es in Essen wirklich: Was halten Sie von diesem Konzept?

Sukowa: Das finde ich klasse, weil Kinder dadurch eine andere Sicht auf die Welt bekommen. Die Eltern sind heute in ihren Berufen oft so eingespannt, dass es gut ist, wenn jemand nur für das Kind da ist und nicht ständig noch ans Telefon gehen muss. Es ist doch etwas Schönes, wenn die Kinder spüren, dass es einen Menschen gibt, der nur für sie da ist.

prisma: Was können Großeltern Kindern mitgeben, was Eltern nicht können?

Sukowa: Was man als Großeltern tun kann: den Kindern zuhören. Man muss sie ja nicht erziehen, das ist die Aufgabe der Eltern. Aber man kann ihnen Zeit schenken, für sie da sein und sie bestärken in dem, was sie sind.

prisma: In "Enkel für Anfänger" fehlt den Eltern dafür manchmal schlichtweg die Zeit ...

Sukowa: Es ist heute so, und es wird immer ein Problem sein: Man möchte einerseits den Kindern viel Zeit geben. Anderseits gibt es auch berufliche Verpflichtungen.

prisma: Sie haben selbst drei Söhne großgezogen: Wie haben Sie denn Karriere und Familie unter einen Hut gebracht?

Sukowa: Ich hatte das Glück, einen gut bezahlten Beruf zu haben, und musste nicht so furchtbar viel arbeiten. Ich habe auch gar nicht so viele Filme gemacht, vielleicht einen pro Jahr. Das ließ mir mehr Zeit für meine Familie. Ich hatte dieses Problem gar nicht, das viele Menschen heutzutage haben, wenn sie ihren Alltag mit Kind organisieren müssen. Mein Problem war, dass ich immer richtig weit weg musste, wenn ich dann mal gearbeitet habe, und nicht abends um fünf Uhr nach Hause kam. Trotzdem: Ich war privilegiert.

prisma: Es heißt, sie hätten für "Enkel für Anfänger" umgehend per SMS zugesagt?

Sukowa: Das ist richtig.

prisma: Warum hatten Sie denn keine Zweifel, die Rolle spielen zu wollen?

Sukowa: Als ich das Drehbuch las, habe ich in meinem Zimmer immer wieder laut aufgelacht. Es ist erstens nicht so üblich, dass ich das tue, und zweitens bekomme ich überhaupt nicht so viele lustige Drehbücher zugeschickt. Das sind dann doch immer eher ernste Sachen.

prisma: Das haben Sie vor ein paar Jahren schon einmal beklagt. Wissen Sie, warum Sie kaum für komische Rollen in Betracht gezogen werden?

Sukowa: Die Leute wollen immer auf Nummer sicher gehen. Wenn ein Film gut läuft, wird gleich ein Sequel gemacht. Wenn jemand eine bestimmte Art von Rolle gut gespielt hat, dann kann er das auch ein zweites Mal tun. Wobei ich zugeben muss, dass ich bei "Enkel für Anfänger" auch lieber die Rolle von Maren Kroyman spielen wollte, diese etwas spießige Frau. Aber der Regisseur hat mich von Philippa überzeugt.

prisma: Bedauern Sie, dass Sie erst jetzt als Komödiantin entdeckt werden?

Sukowa: Eigentlich nicht. Ich habe viele wunderbare Figuren gespielt und mit großartigen Regisseuren zusammengearbeitet. Da gibt es nun wirklich nichts zu bedauern. Im Gegenteil: Ich hatte großes Glück mit meinen Rollen und meinen Filmen.

prisma: "Enkel für Anfänger" kümmert sich explizit um Probleme und Träume von älteren Menschen, dabei hat man das Gefühl, sie würden von der Gesellschaft etwas vernachlässigt.

Sukowa: Im Gegenteil: Ich habe das Gefühl, dass junge Menschen wieder mehr Interesse an der älteren Generation haben. Das sehe ich auch bei meiner Arbeit. Ich habe zuletzt in einem französischen Film mitgespielt über zwei ältere Frauen in meinem Alter, also um die 70. Der kam beim jungen Publikum extrem gut an und hat bei einem Filmfestival den Preis der Studentenjury gewonnen.

prisma: Weil Sie es gerade selbst ansprechen: Sie sind am 2. Februar 70 Jahre alt geworden. Wie hat sich das für Sie angefühlt?

Sukowa: Ich finde es toll und verleugne mein Alter nicht. Früher stellte ich mir vor, mit 70 schon viel älter zu sein, vielleicht im Schaukelstuhl zu sitzen oder am Stock zu gehen. Heute hat man so viele Möglichkeiten, etwas zu machen als älterer Mensch. Manchmal komme ich mir heute jünger vor als früher – nicht im Aussehen natürlich. Aber ich fühle mich freier als in jüngeren Jahren.

prisma: Verraten Sie Ihr Geheimnis, wie man freier wird?

Sukowa: Man muss an sich arbeiten und bewusster werden – und natürlich neugierig bleiben. Wichtig ist, Dinge immer wieder infrage zu stellen und nicht auf alles gleich ein Etikett zu kleben im Glauben, man wisse doch schon alles. Ich finde es wichtig, zu versuchen, die Dinge immer wieder aus neuen Blickwinkeln zu betrachten.

prisma: Das könnte man der jüngeren Generation durchaus als Ratschlag mit auf den Weg geben ...

Sukowa: Ach was: Dass man als junger Mensch glaubt, alles zu wissen, ist ganz normal. Das gehört zur Jugend dazu. Man muss sich ja gegenüber anderen ab- und durchsetzen, um seinen Platz zu finden. Da ist man halt etwas rechthaberischer. Im Alter kommt dann die Erkenntnis, dass man gar nicht so festgefahren im Leben sein muss.

prisma: Alles hat also seine Zeit?

Sukowa: Ja, auch wenn das abgedroschen klingen mag. Deswegen finde ich es manchmal schade, wenn ältere Menschen versuchen, partout jung zu sein. Die Jugend war eine Zeit, dann kommen andere. Und jede hat etwas, das man genießen kann. Man muss nur innehalten und sie sich etwas genauer ansehen. Dann kann man auch das Alter genießen: Bleiben Sie optimistisch, es wird immer besser!


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH