Die Nachwehen der sogenannten "Flüchtlingskrise" sind noch stark zu spüren – natürlich insbesondere im medialen und politischen Diskurs. Neu ist, dass die gesellschaftliche Polarisierung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Dinge in Bewegung setzt – und das interessanterweise auch abseits der üblichen Talkshows in fiktionalen Formaten. Insbesondere die ARD wagt sich mit mutigen Filmen in die Offensive: Auf Sidos Migrations-Dramedy "Eine Braut kommt selten allein" und die Flucht-nach-Afrika-Geschichte "Aufbruch ins Ungewisse" folgt mit "Das deutsche Kind" nun ein weitere Perspektive auf das heikle Thema: Der herausragend umgesetzte Film verdichtet die Debatten um Integration und Religion zum eindrücklichen Familiendrama.

Der Titel des Films wirkt in diesen Zeiten auf gewisse Weise martialisch: Wer ist "Das deutsche Kind"? Pia heißt sie, herzzerreißend und talentiert verkörpert von Malina Harbort. Sie wird in Umut Dags fesselndem Drama nach einem Buch von Paul Salisbury zur Projektionsfläche für eine im Kern oft rassistische Gesellschaft und ihre Ängste – ebenso wie für traditionsbewusste gläubige Muslime. Denn "Das deutsche Kind" soll nach dem tragischen Unfalltod seiner Mutter bei einer türkischen Familie aufwachsen. Für alle Beteiligten eine filmisch herausragend umgesetzte Zerreißprobe.

Stereotype auf beiden Seiten

Die Baltas leben als muslimische Familie mit Tochter Hanna (Sue Moosbauer) gut integriert in Hannover. Familienvater Cem (Murathan Muslu) ist angehender Imam, seine Frau Sehra (Neshe Demir) trägt Kopftuch – doch für beide ist auch die deutsche Kultur Teil des Alltags. Sehras beste Freundin Natalie (Petra Schmidt-Schaller) ist Deutsche – und alleinerziehend. Als sie ums Leben kommt, erfahren die Baltas, dass sie von Natalie als Vormund der sechsjährigen Pia festgelegt wurden. Eigentlich ein normaler Vorgang – wären da nicht die Stereotype, die auf beiden Seiten herrschen.

Pias Großeltern, mit denen Natalie den Kontakt abgebrochen hatte, sind strikt dagegen; Katrin Sass gibt eine bedrückend aufbrausende Wutbürgerin, wie sie wohl in Deutschland zuhauf zu finden sind: "Sie soll zu uns zurück, wo sie hingehört", wettert die Oma gegen die Pflegefamilie. Sie beschwert sich, dass man sie wie Fremde behandle – "Dabei sind die doch die Fremden". Dass ein deutsches Kind in eine deutsche Familie gehört – darüber sind sich sogar die Lehrer in der Schule einig.

Auf die Familie prallt allerorts der gesamte Rassismus ein, der sonst unter der dünnen Kruste der Zivilisation notdürftig unterdrückt wird: Bald schon ist die Moschee beschmiert und ein Schweinekopf landet vor der Tür – schnell hat der Fall auch Auswirkungen auf die Ehe der Baltas und auf die Imam-Karriere Cems. Die Angehörigen der Baltas sind mit dem blonden Mädchen in der Familie ebenfalls unzufrieden: Dass Pia einmal ihren Glauben selbst wählen soll, passt dem konservativen Moslem-Großvater nicht in den Kram.

"Soll ich warten, bis sie Kopftuch trägt?"

Pias Oma und Opa wollen juristisch das Sorgerecht erlangen, der Konflikt spitzt sich zu. Die Ängste und die Wut der "besorgten" Großeltern: "Soll ich warten, bis sie Kopftuch trägt", raunzt Sass als AfD-Oma, die nicht will, dass ihre Enkelin "zur Unterwürfigkeit" erzogen werde. "Ich trage das, weil ich es will, nicht aus Unterwürfigkeit", giftet Sehra zurück. "Das deutsche Kind" macht die ganz großen Debatten um Integration, Religion und Werte zum eindrücklichen Familiendrama.

Dass dabei so gut wie jede Migrations-Debatte der vergangenen drei Jahre integriert und zugespitzt wird, mag ein wenig konstruiert wirken. Man sieht es dem vom WDR produzierten Drama nach: Selten wurden schwelende und offene Konflikte zwischen Deutschen und Türken, zwischen Moslems und Nicht-Moslems, zwischen Integrationswilligen und Rassisten so verdichtet in einen Spielfilm gegossen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst