Im Stuttgarter Tatort "Stau" mussten sich die Kommissare Thorsten Lannert und Sebastian Bootz mit dem schon legendären Verkehrschaos in der Schwabenmetropole auseinandersetzen. Klingt viel langweiliger, als es war: Dieser Krimi war ein Ereignis!

Stuttgart erlebte zuletzt den größten Anstieg an Stauzeiten in ganz Europa, die Stadt überholte Köln als verkehrsreichste Stadt Deutschlands. 73 Stunden verbrachten Autofahrer 2015 wartend auf den Straßen der Hauptstadt Baden-Württembergs. Am Sonntagabend standen nun auch Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) im Stau auf der Stuttgarter Weinsteige, hoch über der Stadt, als auf einer Nebenstraße ein totes Mädchen gefunden wurde.

Was war los?

Der Tod könnte durch einen Unfall verursacht, aber auch durch ein Verbrechen herbeigeführt worden sein. Ein dreijähriger Junge, den Kommissar Bootz befragt hat, behauptete jedenfalls, das Mädchen sei aus einem vorbeifahrenden Auto geworfen worden. Doch die Zeugenaussage entpuppte sich bald als komische Unzuverlässigkeit, deutete der Knirps doch bei der Frage nach dem betreffenden Automodell einfach mal auf sein Spielzeugauto, das vor ihm steht. Der Stuttgarter "Tatort: Stau" (Regie: Dietrich Brüggemann) vom SWR hielt bei seinem traurigen Thema – Tod eines Mädchens – auch viel Komik bereit.

Wie gehen Komik und Krimispannung zusammen?

Die Stuttgarter Kommissare wurden in ein Wohngebiet gerufen, dessen Einbahnstraße geradewegs zur Weinsteige, einer Stuttgarter Ausfallstraße, führt. Klar war: Der Täter, wie auch immer motiviert, musste in diese Ausfallstraße eingefahren sein – und steckte nun im Stau, der durch einen Rohrbruch verursacht wurde. Es galt, Hunderte Fahrzeuge zu kontrollieren. Eine ziemlich kraftraubende Recherche bei gleichzeitigem Stillstand des Straßenverkehrs. Das alleine ist ja schon eine recht komische Situation.

Was bedeute diese Ausnahmesituation für die Ermittler?

Es war der pure Stress! Besonders Lammert musste sich mächtig ins Zeug legen. Immer wieder musste er seine markante Nase in fremde Autofenster und -türen stecken, wobei er sich herrlich paragraphensicher erwies, mit seinem mantramäßig heruntergeleierten: "Gegen Sie besteht Anfangsverdacht auf fahrlässige Tötung im Straßenverkehr und unerlaubtes Entfernen vom Unfallort!" Aber dann brachte er eben auch so viel Geduld und Einfühlungsvermögen mit, dass er die Staugeschädigten wohl oder übel zum Sprechen brachte. Bootz machte derweil den Anker im Wohngebiet und verliebte sich fast in die Mutter des kleinen Zeugen. Der hätte durch seine Beobachtung aus diesem "Tatort" unfreiwillig fast einen Päderasten- und Kindermörder-Krimi gemacht, während die Kehrwochen-Verantwortliche vom Fensterbrett aus gar nichts sah.

Was brachte dann Spannung in diesen Fall?

Der Querschnitt durch eine frustrierte Autofahrergesellschaft, in der jeder sein eigenes Kreuz mit sich trug. Für Liebhaber von Ensemble- oder Episodenfilmen war das ein kulinarischer Leckerbissen. Es gab die Vorstandsvorsitzende, die in ihrer Daimler-Limousine ihren Fahrer zur Schnecke macht und ihm auch noch den Stau in die Schuhe schiebt. Es gab den bissigen Rentner, der im Sozialamt abgewiesen wurde und nach einem winzigen Auffahrunfall die "Gegnerin" zusammenfaltete. Ein starker Auftritt für Rüdiger Vogler, eine der Galionsfiguren des Neuen Deutschen Films in den 70er-Jahren. Dazu ein Ehepaar, das sich bis aufs Blut stritt, und eine alleinerziehende Mütter, die von ihrem Kind gegängelt wurde: Sie alle waren auf komische Weise bösartig und frustriert, und sie alle konnten rein theoretisch auch der Mörder oder wenigstens Täter sein.

Was wurde hier unterschwellig miterzählt?

Der "Tatort" bildete einen Querschnitt durch die Gesellschaft und deren heutige Situation ab. Gleich zu Beginn hielt eine Kindergärtnerin eine Art Sonntagspredigt. "Wir stehen im Stau und drücken gleichzeitig aufs Gaspedal", so interpretierte sie den allgemeinen Zustand – eine hübsche Metapher, die während des Films immer wieder zu denken gab. Man traf auf Leute wie dich und mich. "Erkenne dich selbst!" – Das könnte man als Motto über diesen Tatort setzen.

Klingt mal wieder eher nach Gesellschaftskritik als nach einem handfesten Krimi, in dem ein Mörder gesucht und gefunden wird?

Stimmt: Unterhaltsame, geradezu satirische Charakterstudien überwogen. Die Frage, wer der Täter war, geriet zunehmend in Vergessenheit. Sattdessen kochte der Autofahrermob. Und das Ende, die Auflösung mit einer folgenschweren Fahrerflucht, war dann doch ziemlich moralisierend und etwas dünn. Trotzdem hat dieser Weinsteigen-Krimi mit seinem wunderbaren Setting – er wurde in einer Freiburger Fabrikhalle mit Bluescreen-Hintergrund inszeniert – ziemlichen Spaß gemacht. Spätestens beim nächsten Stau wird man sich an diese Short Cuts aus Stuttgart erinnern.

Wie realistisch war das Ganze?

Sehr realistisch! Stuttgart ist, wie eingangs erwähnt, die deutsche Stau-Hauptstadt – und wie sehr einem die lange Wartezeit in der engen Karosse mithin auf die Nerven schlagen kann, weiß jeder Pendler. London führt übrigens die Liste der verkehrsreichsten Städte Europas an. Hier verbrachten Autofahrer durchschnittlich 101 Stunden oder mehr als vier Tage im Verkehrschaos. Die stauträchtigste Straße in Deutschland war indes auch im Jahr 2015 der Mittlere Ring in München. Durchschnittlich 93 Stunden stand man dort im Jahr im Stau.

Wie gut war der "Tatort"?

Ganz ausgzeichnet! Die Schwaben inszenierten ein mutiges Stück mit experimenteller Dramaturgie, das aber keine Sekunde nervte, sondern durchweg faszinierte. Einzig die Krimi-Spannung litt etwas unter dem panaromaartigen Schwenk durch die Gesellschaft. Note zwei ist aber allemal verdient.


Quelle: teleschau – der Mediendienst