Seit bekannt wurde, dass viele maßgebliche Drehbuchautoren bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2018 offenbar aus Platzmangel nicht eingeladen sind, ebbt der Sturm der Entrüstung nicht ab. Auch wenn sich die Stifter des Preises inzwischen gegenüber dem Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) erklärten und auf ein Missverständnis verwiesen, sorgt die Causa weiterhin für Unmut.

Am Dienstag sprang den Autoren kein Geringerer als Star-Regisseur Leander Haußmann bei: "Der Umgang mit Autoren, die Bezahlung, als auch die Verträge mit ihnen, sind weltweit einzigartig beschissen", wütete der "Sonnenallee"-Macher auf Facebook. In dieser und vielen weiteren Reaktionen kommt zum Ausdruck, worum es bei der Debatte wirklich geht: eben nicht um verletzte Eitelkeiten und ein paar beleidigte kreative Leberwürste, die schmollend aus ihrer Social-Media-Wuthöhle herausmotzen, sondern um grundsätzliche Schieflagen, wie sie in der TV-und Filmbranche und im ganzen Medien-"Geschäft" vorzufinden sind: Ideengeber und Urheber stehen oft unangemessen weit unten in der Nahrungskette. "Wer kreativ arbeitet, wird von dieser Gesellschaft als Depp betrachtet", kommentierte sich ein Buchautor in dieser Angelegenheit auf Facebook den Frust von der Seele. Es ist davon auszugehen, dass nicht sehr viele Autoren, Journalisten oder Fotografen widersprechen würden.

"Das Verhalten der Initiatoren des Fernsehpreises steht für ein generelles respektloses Verhalten von Redakteuren und Produzenten und Regisseuren gegenüber Autoren", klagt Leander Haußmann in seinem Beitrag, der ebenso vielsagend ist wie eine als offener Brief veröffentlichte Stellungnahme des VDD, in der es heißt: "Wir sind nicht bloß Gäste. Wir denken uns das aus, was an diesem Abend gewürdigt wird. Autoren als Schöpfer Ihrer Programme gehören als Nominierte in jede Kategorie."

"Ohne uns Autoren gäbe es keine Filme"

Ein Facebookpost der Autorin Kristin Derfler brachte vor einer Woche den Stein ins Rollen. Zuvor hatte sie sich bei der Agentur des Fernsehpreises, erkundigt, warum ihr Werk, das IS-Drama "Brüder", zwar nominiert, sie selbst aber nicht zur Preisverleihung eingeladen sei. Man habe sie daraufhin wissen lassen, "dass der Deutsche Fernsehpreis dadurch, dass es in diesem Jahr eine Serienkategorie gibt, ein deutliches Platzproblem hat und daher generell bei allen Filmproduktionen in der ersten Einladungsrunde darauf verzichtet hat, Autorinnen und Autoren einzuladen". Das saß.

Offensichtlich wurde da mit Karacho ein wunder Punkt getroffen, aufseiten der Autoren muss es seit langem gegärt haben. In ihrem vielfach von Branchenkollegen auf Facebook geteilten und heftig kommentieren Beitrag zeigte sich Derfler entrüstet: "Drei Jahre Arbeit ... und nun nicht dabei?", schrieb sie in dem Post, aus dem die tiefe Enttäuschung sprach: "Wie oft sollen wir es denn noch sagen: Ohne uns Autoren gäbe es keine Filme, wir sorgen dafür, dass all jene Menschen, die sich demnächst beim Filmpreis feiern lassen, überhaupt Arbeit haben!! Diese Ignoranz uns Urhebern gegenüber ist ein Skandal!! Es ist doch ungeheuer verlogen, wenn in der Branche immer wieder von der 'Wichtigkeit' der Autoren gesprochen wird und dann handstreichartig ein ganzer Berufsstand ausgeschlossen wird!"

Im Lexikon und auf Wikipedia ist nachzulesen, was sowieso jedem klar ist: "Ein Drehbuchautor ist der Autor eines Drehbuchs, das als Grundlage für die Produktion eines Films dient." Die Autoren sind die Schöpfer der fiktiven Werke in Film und Fernsehen, ohne Autor kein Film. So platt, so wahr. Wie kann es dann sein, dass die Würdigung der Werke ohne deren Urheber stattfindet?

Der VDD, der seit 1986, die Interessen der Drehbuchautorinnen und -autoren vertritt, fasste am 12. Januar in einem Schreiben offiziell bei den Stiftern des Fernsehpreises nach, was es mit der fragwürdigen Einladungspolitik auf sich hat. Die Antwort kam noch am selben Tag. In dem von Kaspar Pflüger, SAT.1-Geschäftsführer und diesjähriger Vorsitzender der Stifterrunde, unterzeichneten Schreiben wird unter anderem darauf verwiesen, dass "die überaus wichtige Arbeit der Autorinnen und Autoren" beim Deutschen Fernsehpreis in einer eigenen Kategorie ("Bestes Buch") gewürdigt werde. Es sei überdies gängige Praxis, dass in den Kategorien "Bester Fernsehfilm" und "Bester Mehrteiler" die "Produzenten, Regisseure und Redakteure stellvertretend für das Team nominiert" werden. Weitere Autoren würden dann als Gäste eingeladen, wobei der Einladungsprozess noch nicht in Gänze abgeschlossen sei.

"Eine Einladung zweiter Klasse"

Eine Antwort, die kaum zur Besänftigung der Gegenseite beitragen konnte. Auf Twitter und Facebook geht es weiter rund, und auch die Verantwortlichen des VDD bleiben in einer am 16. Januar verbreiteten Stellungnahme deutlich: "Die Autoren der ausgezeichneten Filme und Serien, zentrale Urheber und erfolgreiche Kreative, die mit ihren Visionen ein Millionenpublikum erreicht haben, werden gnädig in einer zweiten Welle als 'Gäste' geladen, was nichts weiter ist als eine Einladung zweiter Klasse – auf eigene Kosten und weiterhin unvollständig. Sich hierbei auf eine Tradition zu berufen, heißt, dass Sie die Zeichen der Zeit nicht erkannt haben. Jedem Fernsehverantwortlichen muss angesichts der Erfolge der amerikanischen, britischen, skandinavischen Anbieter klar sein: Die Zukunft des Erzählens sind die Erzähler! Nur in Deutschland mit seiner großen TV-Industrie leistet man sich weiterhin den Luxus, Programm vielfach mehr zu verwalten als neu zu gestalten. – Die Einladungspolitik des Fernsehpreises verweist damit über den Skandal in den sozialen Netzwerken auf eine große, selbst eingebrockte Gefahr für unsere Branche."

Am Ende schlägt der von den Vorständen des VDD unterzeichnete Beitrag, der auf der Homepage "drehbuchautoren.de" nachzulesen ist, die Brücke zur Politik, "die ja in Ihren Programmen – und vermutlich auf den Einladungslisten – weiterhin üppig repräsentiert" sei: "Die Bewahrung des Bestehenden kann das Erreichte gefährden", schreibt die VDD-Spitze und geht mit wohlüberlegten Sätzen in die Tiefe: "Weder die Zustimmung zu Parteien noch zum Fernsehprogramm ist garantiert. Beide brauchen neue, innovative Lösungen, müssen ideenreich und flexibel auf eine sich rasend wandelnde Welt reagieren. Dafür brauchen Sie uns. Denn unsere – stets gefährdete – Profession ist es, diesem Wandel nachzuspüren und ihn in Geschichten abzubilden, die auch morgen und übermorgen noch Zuschauer faszinieren."

"Boykottiert den Fernsehpreis!"

Wie aufgeheizt die Diskussion ist, lässt sich auch daran ablesen, dass das Wort vom "Autorenstreik" bereits die Runde macht. Auch Leander Haußmann plädiert dafür, jetzt zu handeln, denn die Autoren "nicht einzuladen, ist nicht nur eine Freudsche Fehlleistung. Es ist Ausdruck einer Branche, die ihre wichtigsten Mitarbeiter nicht schätzt, nicht pflegt." Haußmann: "Boykottiert den Fernsehpreis! Geht nicht hin. Kämpft für bessere Arbeitsbedingungen, für mehr Kohle, für Beteiligung am Erfolg. Tut euch zusammen, damit unsere Produktionen besser werden." Respekt gäbe es nur, "wenn man ihn einklagt", so der Schauspieler und Regisseur. Der Fernsehpreis sei ein gutes Forum dafür. "Erhebt euch."

Auf Facebook solidarisierte sich unter anderem Beate Wedekind mit Haußmanns Haltung. Die bekannte Journalistin und TV-Produzentin wurde in ihrem Post sogar noch expliziter: "Die Autoren der nominierten Filme und Sendungen NICHT zum Deutschen Fernsehpreis einzuladen (sehr wohl aber die Regisseure, die Produzenten, die Redakteure der übertragenden Sender und die Stars sowieso), ist eine SAUEREI. Ignorant und hochnäsig und unsagbar DUMM. Welche Person, welche Institution hat das entschieden? Denen müssen wir einen SHITSTORM schicken."

Die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises findet am Freitag, 26. Januar, im Palladium in Köln statt. Die turnusgemäße Federführung liegt 2018 bei SAT.1. Barbara Schöneberger moderiert. Zu den großen Stars des Abends wird unter anderem Thomas Gottschalk gehören, der für sein Lebenswerk mit dem "Ehrenpreis der Stifter" geehrt wird.

Es ist davon auszugehen, dass es bis dahin spannend bleibt – es geht ja um viel: Die deutsche Fernsehbranche wird den Herausforderungen des Marktes und dem zunehmenden Druck der erfolgreichen Streaminganbieter nur mit Solidarität begegnen können. Alle sitzen im selben Boot! – War nicht genau dieser Aspekt der wesentliche Hintergedanke, als der Deutsche Fernsehpreis einst aus der Taufe gehoben wurde? Er wird seit 1999 von ARD, RTL, SAT.1 und ZDF "zur Würdigung hervorragender Leistungen für das Fernsehen verliehen", doch es gab nicht nur einmal Querelen um die Verteilung der Kategorien und das allgemeine Procedere. Dass die "Fernsehpreis"-Gala dem Fernsehen heute nicht einmal mehr eine Übertragung wert ist, spricht Bände.

Am Rande: "Die deutschen Drehbuchautoren" gibt es in dieser pauschalen Form gar nicht. Während US-amerikanische Drehbuchautoren zur Mitgliedschaft in der Writers Guild of America (WGA) verpflichtet sind, haben sich hierzulande längst nicht alle dem DVV angeschlossen. In den Staaten hat die WGA ihre Macht in der Film- und Fernsehindustrie schon durch mehrere Drehbuchstreiks bewiesen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst