Die 2015 bereits im Kino erschienene Klassenfahrts-Komödie kommt nun auch ins deutsche Fernsehen. Ob man das jedoch sehen will, ist fraglich.

Durch die nächtlichen Straßen Prags rollt ein alter Panzer, geht vor einem Sexclub in Stellung und richtet sein Rohr darauf. Am Steuer sitzen gehemmte Jungs mit Hormonüberschuss. Das könnte wunderbar absurd sein – ist es aber in "Abschussfahrt – Vier ist einer zu voll" nicht. Womöglich, weil Regisseur und Autor Tim Trachte etwas ganz anderes im Sinn hatte. Mit dem Panzer, der gegen eine Armbanduhr getauscht wird, wollte er nach eigenem Bekunden zeigen, man könne in der tschechischen Hauptstadt "für Geld fast alles kaufen". Eine Erfahrung, die er als Filmproduzent machte. Was die in einer Komödie über eine Klassenfahrt zu suchen hat, wird sein Geheimnis bleiben – scheint aber symptomatisch für die Verirrungen des Streifens, der nun als Free-TV-Premiere bei ProSieben läuft.

Die Charakterisierung der Akteure beschreitet noch vertrautes Terrain: Der schüchterne Paul (Tilman Pörzgen) himmelt heimlich die hübsche Juli (Lisa Volz) an, die aber den gutaussehenden Schnösel Jonas (Theo Trebs) vorzieht. Berny (Comedypreis-Träger Chris Tall, bekannt aus "Fack ju Göhte") hat ein freches Mundwerk, ist aber zu beleibt, um beliebt zu sein. Die meist gutmütige Dumpfbacke Max (Max von der Groeben) komplettiert mit Muskelschmalz das Trio der als "Spackos" geschmähten Außenseiter, die auf der Klassenfahrt nach Prag zeigen wollen, was in ihnen steckt.

Und das ist vor allem, was die Kreditkarte von Bernys Vater hergibt. Einmal abends aus dem schäbigen Hotel ausgebüchst, lassen sich die Jungs in der Stretchlimousine mit Maschinenpistolen im Kofferraum herumkutschieren, schütten sich in Striplokalen Alkohol hinter die Binde und machen beim Schlammcatchen mit. Aufgrund eines Missverständnisses werden sie nicht zu der angesagten Disco gefahren, wo Juli und die anderen sich amüsieren, sondern zu einem Bizarr-Sexclub. Dessen Besitzer spannt die pubertierenden Prahlhänse als Drogenkuriere ein, was Berny den Verlust eines Fingers beschert.

Die "Abschussfahrt" entgleist

Grotesk und burlesk soll das sein, wirkt aber bloß albern und peinlich. Vom Gelöbnis der Macher, einen Film über echte Siebzehnjährige zu drehen, bleibt nichts übrig. Die Coming-of-Age-Jugendkomödie liefert bloß einen Vorwand, um Tarantino-, "Hostel"- und "Sin City"- Neurosen abzuarbeiten.

In den Jargon der Generation 2015 hat man sich notdürftig eingehackt. Das Vergnügen daran ist allerdings bescheiden, wenn der Text so apathisch herunterleiert wird wie von der ehemaligen "Germany's Next Top Model"-Kandidatin Lisa Volz als Juli. Wenn Regisseur Trachte im Presseheft sagt: "Sie bringt eine Natürlichkeit und eine gewisse Unsicherheit mit, die perfekt zu Juli passen", kann man das als Lob verstehen oder auch nicht. Aber gar keine Betonungen in der Stimme zu haben, ist fast besser als die vielen falschen, mit denen die Darsteller inhaltliche Höhepunkte ihrer Sprechpartien markieren wollen.

Und Prag? Dort sollte man sich vielleicht in absehbarer Zeit nicht unbedingt sehen lassen. Die Tschechen werden bis zur Verunglimpfung karikiert. Der von der sowjetischen Besetzung im Jahre 1968 traumatisierten Stadt auch nur einen weiteren fremdgesteuerten Panzer in ihren Straßen zuzumuten, zeugt von Instinktlosigkeit sondergleichen. Die "Abschussfahrt" entgleist genretechnisch, dramaturgisch, schauspielerisch und geschichtlich.


Quelle: teleschau – der Mediendienst