Den Louvre, Notre Dame, sämtliche Brücken ... – Ganz Paris sollte General Dietrich von Choltitz (Niels Arestrup) im Auftrag Hitlers am 25. August 1944 dem Erdboden gleichmachen. Alles war vorbereitet, Sprengsätze gelegt für ein weiteres unfassbares Kriegsverbrechen der Nazis. Unzählige Unschuldige wären gestorben. Es fehlte nur noch der Befehl des Generals – doch den erteilte er letztendlich nicht. Oscarpreisträger Volker Schlöndorff ("Die Blechtrommel") gibt in seinem Drama "Diplomatie" (2014), das im Spätabendprogramm im Ersten als Free-TV-Premiere zu sehen ist, eine fiktionale Antwort auf die Frage, warum die Tragödie ausblieb.

Paris, August 1944: Die Lage in der französischen Hauptstadt spitzt sich für die deutschen Truppen und ihren Kommandanten Choltitz zu, die Alliierten ziehen die Schlinge immer enger und rücken gleichzeitig gen Deutschland vor. "Paris darf nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen", lautet der Befehl des Führers klar und unmissverständlich – genau wie bestialisch und verrückt. Daran erinnert Raoul Nordling (André Dussollier), der schwedische Generalkonsul von Paris, Choltitz bei einem Überraschungsbesuch. Der Diplomat sucht den Deutschen, der im Begriff ist, die Katastrophe in Kauf zu nehmen, nur auf, weil er Paris und die Pariser liebt.

Ein psychologisches Kammerspiel

Zwischen dem Diplomaten und dem General entspinnt sich – so die Idee von Cyril Gély, dem Autor des erfolgreichen Bühnenstücks, das Schlöndorffs Drama zugrunde liegt – ein psychologisches Kammerspiel, bei dem die Stimme der Vernunft auf die Exekutive des Wahnsinns trifft. Mit Engelszungen spricht der Schwede auf den deutschen Widersacher ein, um ihn vom grausamen Plan seines Führers abzubringen. Die beiden fechten ein Duell ohne Waffen aus, aber das auf unterschiedlichsten Ebenen.

Schlöndorffs "Diplomatie" gelingt, weil seine beiden Protagonisten hervorragend funktionieren – jeder für sich und im Widerspiel. Der mehrfach mit dem französischen Filmpreis César bedachte Niels Arestrup brilliert in der Rolle des Nazi-Generals Choltitz, der sich aber seiner Berufung verpflichtet fühlt und doch Zweifel am Sinn des Unterfangens zulässt. Sein Gegenüber, André Dussollier, steht ihm in nichts nach: Er interpretiert seinen Raoul Nordling als eleganten, aber ebenso kühl wie klug kalkulierenden Diplomaten, der nicht auf der Suche nach einer, sondern nach seiner präferierten Lösung ist.

Mit diesen beiden Glanzleistungen arbeitet sich Regie-Altmeister Schlöndorff mit "Diplomatie" an gleich zwei der großen Themen seines Schaffens ab: dem Zweiten Weltkrieg, wie zuletzt in "Das Meer am Morgen" oder einst in "Die Blechtrommel", und der Frage nach Gerechtigkeit. 2017 kam sein neuster Film, das auf Max Frischs Werk basierende Drama "Rückkehr nach Montauk" in die Kinos. Eine Pause gibt es bei dem Star-Regisseur nicht: Er arbeitet bereits an der ZDF-Produktion "Der namenlose Tag".


Quelle: teleschau – der Mediendienst