Als Moritz Eisner ermittelt Harald Krassnitzer im Tatort, als Sozialdemokrat engagiert er sich politisch, privat lebt er in Wuppertal. Wir haben mit dem 56-Jährigen über öffentlichen Druck, die Politik in Europa und eigene Grenzen gesprochen.

Herr Krassnitzer, warum twittern Sie eigentlich nicht?

Erstens glaube ich, dass man sich sehr schnell inflationiert, wenn man permanent irgendwelche Kurzsätze zu etwas sagt, was sich dann doch als komplexer darstellt. Und zweitens ist diese Kurzkommunikation etwas, was uns in zunehmendem Maße irritiert und dafür sorgt, dass wir viele Dinge nicht mehr hinterfragen. Dafür muss man sich nicht erst das Problem der Fake-News anschauen.

Aber Sie wissen schon, was sonntags auf Twitter los ist, wenn der Tatort läuft?

Das weiß ich, doch. Aber wenn ich mich darum kümmern würde, wäre das etwas, was einen permanent belastet, bei dem man ständig mit Meinungen konfrontiert würde, die ja sehr unterschiedlich ausfallen können. Und am Ende habe ich gar nicht die Zeit, mir das alles anzuschauen.

Sind Sie nicht neugierig, was da passiert?

Nein, nur ich lese auch prinzipiell keine Kritiken, weder die guten noch die schlechten, denn ich könnte das schwer verarbeiten. Da wird man auf der einen Seite hochgelobt, auf der anderen Seite niedergemacht, wie soll ich denn damit umgehen? Ich habe so zehn bis 15 Leute, auf deren Urteil ich mich verlasse, die sind sehr ehrlich und gradlinig, und das ist alles, was ich brauche. Ansonsten halte ich mich da tunlichst raus.

Das klingt, als würde die öffentliche Meinung Sie unter Druck setzen?

Nicht unter Druck, aber sie verändert einen so schnell. Ich kenne genügend Kollegen, die sagen: "Guck mal hier, eine tolle Kritik." Da denkt man viel zu schnell, man habe schon den Olymp erreicht. Je mehr man sich da raushält, desto mehr bleibt man am Boden.

Rollen wie die beim Tatort laufen ja auf Dauer Gefahr, in eine gewisse Starre zu geraten, auf die immer selben Witze oder Muster zu setzen. Sehen Sie das bei Moritz Eisner auch?

Es gibt ja einen Charakter, der bestimmte Grundlagen hat, aber in jeder Folge neue Situationen, auf die er individuell reagieren muss. Das versuchen wir in den Vordergrund zu stellen, uns über die Geschichte zu definieren, und ich hoffe, dass uns das gelingt.

Können Sie darauf Einfluss nehmen?

Wir haben eine sehr intensive Gesprächskultur mit der Redaktion und reden auch über solche Themen, das ist ein sehr offener Prozess. Wir sagen schon, was wir für die Entwicklung eines Charakters für wichtig halten – selbst wenn sich das nicht immer eins zu eins umsetzen lässt.

Schauen Sie selbst Tatort? Andere Fälle?

Ich komme zwar nicht jeden Sonntag dazu, aber wenn ich mal einen verpasse, den ich gerne gesehen hätte, schaue ich den meist am nächsten Tag in der Mediathek. Und sind Sie da manchmal neidisch auf andere Konstellationen oder Drehbücher? Nein, das wäre aber auch eine Verfehlung des Themas. Man schaut schon hin und guckt, wie die das machen, wie die Geschichte aufgebaut ist, aber da habe ich einen anderen Blick drauf. Wir kümmern uns in erster Linie darum, wie wir unsere Geschichte erzählen, darauf, ob sie fesselt, ob sie berührt.

Aber könnte das nicht auch Anregung sein?

Schon. Aber das würde dann vielleicht sehr schnell eine Kopie. Und ich finde, man schöpft lieber aus seinen eigenen Möglichkeiten. Ich will die Dinge in unserem eigenen Stil, in unserer eigenen Verbundenheit erzählen. Zudem spielen wir ja in Österreich und sind damit an einen bestimmten Kulturkreis gebunden.

Apropos Österreich: Sie sind engagierter Sozialdemokrat. Als solcher müssten Sie nach der Bundespräsidentenwahl eigentlich aufatmen können?

Ich glaube, das ganze Land kann aufatmen, und da geht es nicht nur um Sozialdemokratie, sondern um ein ganz generelles Demokratieverständnis, um eine Art der Auseinandersetzung, die ich bei Herrn Hofer und seiner Partei nicht sehe. Mit dieser Art Politik lösen wir nicht die Probleme, die wir in Europa haben.

Ist das also ein Wendepunkt gewesen?

Nein, das war kein Wendepunkt, das ist höchstens eine Verschnaufpause. Wenn man sich das Wahlergebnis ansieht, haben alle bis auf die FPÖ für van der Bellen gestimmt, aber nach wie vor mehr als 40 Prozent für die FPÖ. Und das bedeutet, dass alle zusammen gerade mal etwas stärker waren als deren Lager. Da gibt es also wie überall in Europa eine große Summe an Menschen, die eine tiefe Verunsicherung spüren, eine Abgekoppeltheit vom System. Und wenn man dem nicht nachgeht, braucht man sich über solche Ergebnisse nicht zu wundern.

Und als Wahl-Wuppertaler: Wie blicken Sie auf die Bundestagswahl 2017?

Das wird ein spannendes Rennen. So wie sich das derzeit anlässt, scheint es aber auch eine gröbere Auseinandersetzung zu werden. Ich weiß nicht, ob es der richtige Weg ist, über einen zunehmenden Populismus in der Mitte zu versuchen, die Menschen zu erreichen. Da würde ich mir eine gradlinigere und ehrlichere Politik wünschen, die fehlt mir momentan in Europa. Denn ich glaube nicht, dass wir durch alle möglichen Formen der Verschärfung eine Verbesserung erzielen. Damit bekämpft man vielleicht Symptome, aber keine Ursachen.

Man liest viel darüber, wie wohl Sie sich in Wuppertal fühlen, aber kaum etwas darüber, was Sie dorthin verschlagen hat ...

Das ist relativ simpel: Meine Frau, Ann-Kathrin Kramer, kommt aus dieser Gegend. Und als wir uns entschieden haben zusammenzuziehen, gab es natürlich die Überlegung wohin. Und da wollten wir ihrem Sohn eine Umgebung bieten, in der er nah an Großeltern und Verwandten ist.

Und heute fühlen Sie sich dort zuhause?

Mir tut die Gegend sehr gut, ich fühle mich dort außerordentlich wohl. Wuppertal ist ja nicht gerade bekannt als reiche Stadt oder als Hotspot von Innovationen. Außerdem ist es dort sehr ruhig und es gibt viele Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Das erdet. Und die Menschen hier haben eine große Herzlichkeit.

Das klingt nicht, als seien Sie ein Mensch, dem Luxus sehr viel bedeutet?

Es ist nicht so, dass wir es uns nicht schön machen oder dass es uns nicht gut geht. Luxus ist ja eine Frage der Definition. Aber wir müssen es nicht übertreiben und bei jedem Event dabei sein, über jeden roten Teppich laufen und eine Show abliefern.

Sie sagten einmal, eine Psychoanalyse sei das Wertvollste gewesen, das Sie je gemacht hätten. Was haben Sie darin erfahren?

Ich habe entdeckt, wie man funktioniert, wie man an bestimmten Punkten durch den Druck, den man sich selbst immer wieder aufbaut, an Grenzen kommt, die man nie überwinden kann. Und dass es im Wesentlichen darum geht, eine Ausgeglichenheit zu finden zwischen dem Beruflichen und einer Form von Verbundenheit zu der realen Welt. Da lebt man viel mehr als in dieser Simulation.

Hat Ihnen das auch für den Beruf geholfen? Etliche Ihrer Figuren haben schließlich mit zwischenmenschlichen Konflikten zu tun.

Es hilft insofern, als dass ich ein großes Verständnis – oder sagen wir eher ein Interesse – dafür habe, warum Menschen sind, wie sie sind. Und da interessieren mich brüchige Charaktere stärker. Die Frage, was dahintersteckt, was der Grund dafür ist, wie sie sind, das finde ich spannend. Auf der anderen Seite habe ich natürlich die Möglichkeit, aus diesen Geschichten auszusteigen. Diese Mischung ist sehr gesund, denn ich habe immer wieder die Chance, zu schöpfen, zu beobachten, mich zurückzunehmen. Dieser Beruf neigt ja dazu, einen ständig in den Mittelpunkt zu stellen und von anderen sowie ihrem Lob, ihrer positiven Kritik, abhängig zu werden. Übertreibt man das, hat man ein Problem, weil man ab einem bestimmten Punkt glaubt, etwas Besonderes zu sein. Und da nehme ich mich immer wieder zurück, um dieser Versuchung nicht anheimzufallen.

Florian Blaschke führte das Interview.