Das ARTE-Drama "Ich werde nicht schweigen" handelt von einer traumatisierten Frau, die der deutschen Nachkriegs-Verdrängung entgegen hält. Schade allerdings, dass das hölzerne Historienspiel der wichtigen Thematik nur in Ansätzen gerecht wird.

Das große Schweigen der Deutschen in der Nachkriegszeit und der frühen BRD wird erst seit einigen Jahren in Kino und TV ausführlich aufgearbeitet. Insbesondere das Historiendrama "Im Labyrinth des Schweigens" und weitere Filme über den Naziankläger Fritz Bauer thematisierten die Verdrängung der deutschen Verbrechen in einem zerstörten Land, das von Tätern bevölkert war. Löblich, dass diese Welle filmischer Aufklärung auch dazu führte, dass sich die sonst von Hitler- und Holocaust-Dokus geprägte TV-Landschaft nun ebenfalls dem großen Nicht-Erinnern widmet: "Ich werde nicht schweigen" nimmt sich entsprechend die Heldin des gleichnamigen Dramas vor, das ARTE nun zur Freitags-Primetime in Erstausstrahlung zeigt.

Mit dem bemerkenswerten Debüt "alaska.de" gelang Esther Gronenborn 2000 ein wahres filmisches Kleinod, das mit der Lola für die beste Regie ausgezeichnet wurde. Nun, 17 Jahre später, widmet sich die Regisseurin einem noch vor kurzer Zeit blinden Fleck in der bundesdeutschen Erinnerungskultur: Die ungeheuerliche Verdrängungsleistung, mit der die Deutschen unabhängig von Stand und Klasse jene Taten ungeschehen machen wollten, die sie noch wenige Jahre zuvor verübt hatten: Massenmord, Genozid, Konzentrationslager, Euthanasie.

Diagnose Schizophrenie

Angesiedelt ist das ARTE-Drama im Jahr 1948 – zu einer Zeit, da die ostdeutsche DEFA mit ihrem ersten Film "Die Mörder sind unter uns" die Situation bereits richtig einzuschätzen wusste, während das heimatfilmverliebte Westfernsehen dafür noch Jahrzehnte brauchte. Regisseurin Groneborn erzählt die wahre Geschichte ihrer Großmutter, die in der Nachkriegszeit in die Mühlen der noch immer autoritären Institutionen geriet. Nadja Uhl verkörpert in der Hauptrolle die arme Modellschneiderin Margarete, die mit der Kriegswitwenrente sich und ihre beiden Söhne durchbringen will. Allein: Sie erhält die Rente nicht, weil ihr eine Bestätigung über die Arbeit ihres Mannes im Gesundheitsamt nicht gewährt wird.

Als Margarete auf dem Fürsorgeamt deshalb ausrastet, nimmt das reale Drama seinen Lauf: Sie wird mit der Diagnose Schizophrenie in die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen eingewiesen, die Kinder kommen bei ihrer Schwester unter. Ein Jahr lang behandelt man sie als Insassin mit menschenverachtenden Methoden – was der Zuschauer erst Schritt für Schritt in laienhaft auf Psychose gemachten Rückblenden nach ihrer Entlassung erfährt. Von aller Welt für verrückt erklärt, kämpft die geschundene Frau um das Sorgerecht für ihre Söhne. Dafür benötigt die traumatisierte Margarete jedoch eine Bestätigung des zuständigen Dr. Ahrens (Rudolf Kowalski), in welcher der zwielichtige Arzt seine Fehldiagnose gesteht. Gemeinsam mit der jungen Antje (Janina Fautz), deren Mutter in Wehnen umkam, begibt sie sich in einen noch immer tiefbraunen Sumpf.

Liebloses und klischeehaftes Drehbuch

Die alten schweigenden Nazis, die sich zunächst als sorgende unbescholtene Bürger präsentieren, sind mit Katja FlintMartin Wuttke und Barbara Philips prominent besetzt. Doch wie so oft schützt die Qualität der Darsteller und die enorme Relevanz des Themas nicht, wenn ein ebenso liebloses wie klischeehaftes Drehbuch mit hölzernen Dialogen umgesetzt wird.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint – eine Weisheit, die für "Ich werde nicht schweigen" mal wieder volle Gültigkeit beanspruchen kann: Da muss jede Offensichtlichkeit ausgesprochen werden, jeder Dialog eine explizite historische Anspielung enthalten und jedes Aufeinandertreffen eine moralische Funktion. Vielleicht jedoch, so kann man dem aus historischen Gründen sehr aufschlussreichen Drama zugutehalten, bedarf es auch drei Generationen nach dem Schweigen über die Nazi-Täter noch eines derartigen schablonenhaften Lehrspiels.


Quelle: teleschau – der Mediendienst