Maria Simon ist das, was man eine Vollblutschauspielerin nennt. Ob als Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski im "Polizeiruf 110" oder als Silvia S. in "Blinde Wut", für die sie 2016 die Goldene Kamera in der Kategorie "Beste deutsche Schauspielerin" erhielt, Simon lebt und spielt ihre Charaktere mit Haut und Haaren.

Dabei scheinen ihr Frauen in Grenzensituationen, die in einer tiefen Krise vollends außer Kontrolle geraten, besonders zu liegen. So auch im Psycho-Thriller "Im Tunnel" (ZDF am 24. April um 20.15 Uhr als "Fernsehfilm der Woche"): Das geordnete Leben von Maren Adam (Maria Simon) gerät aus den Fugen, als ihr Bruder erschlagen aufgefunden wird. "Im Tunnel" entpuppt sich nach und nach als ein Drama um den schmalen Grat zwischen Realität und Wahn.

Was hat Sie an diesem Drehbuch gereizt?

Wie wir mit Ängsten und Extremsituationen umgehen, mit denen wir im Alltag zunehmend konfrontiert werden. Das ist ein Thema, was es schon lange gibt aber bislang kaum verfilmt wurde. Was mich reizte, wo fängt Angst, hier ausgelöst durch einen Schock, an und wo hört sie auf, wie schmal ist der Grat zur Krankheit.

Das Drehbuch erzählt die Psychose subjektiv, von innen. Eben so wie sie der Erkrankte erlebt. Alles fängt harmlos und eher unauffällig an, alles scheint realistisch. Doch es eskaliert, es wird immer komplexer, die eigene Wahrnehmung ist eingeschränkt und wird verschoben. Dieser Mensch braucht Hilfe. Aber er kann und will sich nicht helfen lassen. Ein furchterregender und sehr einsamer Zustand.

Wenn Maren aus dem Film Ihre beste Freundin wäre, was würden Sie Ihr raten?

Man kann ihr nichts raten, man kann sie nur auf Schritt und Tritt begleiten und vielleicht versuchen, Maren zu sich selbst zu führen. Die Angst-Erkrankung bleibt ja latent, und damit besteht immer auch eine Möglichkeit des Rückfalls. Von dieser Schwierigkeit wollen wir erzählen. Daher gibt es im Film auch kein Happy-End.

Welche Erkenntnis ziehen Sie daraus für Ihr eigenes Leben?

Ich muss mich in jedem Moment des Lebens neu entscheiden, eine Sache mit Angst oder Sorge zu betrachten – oder eben auch nicht. Ich kann ja nicht alle Computer und Handys aus der Wohnung werfen, das Haus vor allen äußeren Einflüssen abdichten und mit einem Alu-Schirm durch die Gegend laufen. Wichtig ist, immer den eigenen Atem im Blick zu behalten.

Wie viel von Maria Simon steckt in Ihren Film-Figuren?

Ich springe in meine Rollen hinein. Es ist meine Wahrnehmung, es ist meine Berufung, es sind meine Gefühle. Durch genaue Recherchen und der intensiven Suche nach den inneren Motiven meiner Figuren verschmelze ich mit meinen Charakteren. Dabei vergrabe ich mich oft in mich selbst und suche Antworten. Das kann quälend sein, ist aber Teil meiner Arbeit als Schauspielerin. Am Ende entsteht etwas völlig Neues. Ich denke und handele in meinen Figuren zu jeder Zeit vollkommen authentisch. Mein Körper ist mein größter Sensor, dem spüre ich auch in meinen Rollen nach.

Sie spielen immer wieder Frauen in einer tiefen oder aufrüttelnden Krise ihres Lebens. Was reizt Sie an diesen Grenzsituationen?

Es ist die Brisanz dieser Grenzsituationen, die mich fesselt. Es geht in diesen Rollen immer um das Leben und Überleben. Vor allem: Wie geht man mit den Bedrohungen des Lebens um? Und für eine Mutter gibt es viele Bedrohungen. Wichtig ist, dass man sich im Alltag gesunde Kreisläufe schafft. Für mich heißt das "back to nature" und auf die Naturgesetze hören.

Immer mehr Menschen entwickeln diffuse Ängste. Sie wissen – wie Maren Adam im "Tunnel" – nicht mehr, was sie glauben oder wem sie trauen können. Verschwörungstheorien kommen in Mode. Wie ist Ihr Verhältnis dazu?

Ich wünsche mir eine Sprache, die nicht so bewertend ist. Verschwörungstheorie klingt ja für sich genommen schon negativ. Dabei sind ja schon die Eltern, die im Geheimen einen Kindergeburtstag vorbereiten, Teil einer Verschwörung. Und das ist positiv.

Ich kann nicht alle Regeln von außen, die auch für mich gelten, so einfach als gegeben hinnehmen. Wenn bestimmte Sachen für mich keinen Sinn ergeben, werde ich unruhig. Ich empfinde, es ist heute höchste Zeit, ganz viele Dinge zu hinterfragen. Auch die eigenen Überlegungen und Sichtweisen, die ja vielleicht gar nicht unsere ureigenen Sichtweisen sind, sondern unbewusst programmiert wurden ...

Mit ihrem Sohn Simon standen Sie bereits vor der Kamera. Würden Sie Ihren Kindern davon abraten, Musiker oder Schauspieler zu werden?

Ich vertraue meinen Kindern voll. Ich rate ihnen zu allem, wofür sie eine Leidenschaft entwickeln. Wenn sie für Musik oder Schauspielerei brennen, sollen sie es machen.

Schauspielerin, Musikerin, Mutter und Ehefrau – Ihre liebste Rolle?

Als Löwen-Mutter steht die Familie über allem. Wichtig ist, dass unsere Kinder (Anm. d. Red.: mit dem Schauspieler Bernd Michael Lade hat Maria Simon drei gemeinsame Kinder sowie eines aus der Beziehung mit Devid Striesow) gesund sind. Erfüllt bin ich, wenn ich glücklich bei der Arbeit bin, am liebsten als eine musizierende Schauspielerin. In harten Zeiten habe ich schon mal drüber nachgedacht habe, was ich sonst so machen könnte. Aber die Schauspielerei bleibt meine große Leidenschaft.

Die Schauspielerei als Kindheitstraum?

Als Kind wollte ich Kindergärtnerin werden. Aber das bin ich mit vier Kindern ja jetzt irgendwie auch.

Matthias M. Machan führte das Interview.