Wie mörderisch ist "Die robuste Roswita"? Im aktuellen Weimar-"Tatort" ermitteln Ulmen und Tschirner zwischen Thüringer Kloß-Milieu und Klo-Geschäft.

Wie realitätsnah ein deutscher Krimi so sein kann, zeigte eine Begebenheit beim Dreh zum aktuellen Weimar-"Tatort": Eine ältere Dame verlangte am eigens für eine Szene aufgebauten Bratwurststand in der Weimarer Innenstadt tatsächlich eine echte Thüringer – und musste enttäuscht von dannen ziehen. Ein großes Lob für die Kulisse, die auch im siebten Fall von Dorn und Lessing sowohl die Klassikerstadt als auch die thüringische Lebensart ebenso überspitzt wie glaubwürdig inszeniert. Hatte man sich beim Ermittler-Debüt von Christian Ulmen und Nora Tschirner vor fünf Jahren bereits der Rostbratwurst ("Die fette Hoppe") angenommen, steht beim neuesten Auftritt des Duos die andere allseits beliebte Spezialität aus dem "grünen Herz Deutschlands" im Mittelpunkt: "Die robuste Roswita" beweist in einem soliden Kulinarik-Krimi, dass Thüringer Klöße nicht nur schmecken, sondern auch tödlich sein können.

"Warum reduziert man unsere Größe auf Würste und Klöße?", fragte schon Rainald Grebe in seiner "Thüringen-Hymne". Und auch der vom MDR produzierte "Tatort" aus Weimar spielt seit 2013 ausgiebig mit den Klischees über das Bundesland in der Mitte Deutschlands. Zu Recht, mag man sagen: Nicht nur, weil die Vorurteile über die wurstessenden, etwas verschrobenen Thüringer einen wahren Kern besitzen. Sondern auch, weil ihre Zuspitzung die Grundlage für den Erfolg des Weimarer Ermittlerduos bildet, das vor fünf Jahren als Endjahresexperiment gestartet war und inzwischen als eines der schlagfertigsten und beliebtesten Ermittlerpaare gilt.

Jenes Erfolgsrezept (kombiniert mit den inzwischen traditionellen Alliterations-Titeln) führen die Kommissare Kira Dorn und Lessing alias Nora Tschirner und Christian Ulmen auch in ihrem siebten Fall "Die robuste Roswita" fort. "Es gibt zwei große Dinge in Thüringen", belehrt entsprechend Dorn ihren Partner am Anfang der Folge. "Ach, gleich zwei?" giftet Lessing zurück, der im Laufe des "Tatorts" von seiner Kollegin sogar noch das ironische Zertifikat verliehen bekommt, bald "ein echter Thüringer" zu sein. Ja, wären die bisweilen wirklich witzigen und selbstreferenziellen Dialoge und Absurditäten nicht, könnte der Weimarer "Tatort" fast als zünftiger Regional-Krimi durchgehen.

So aber wird der Fall des Mordes an einem traditionsreichen Thüringer Kloß-Hersteller wie gewohnt mit allerlei makaberen Albernheiten versehen. Denn selbstverständlich wurde der Chef der "Thüringer Kloß-Welt", Christoph Hassenzahl (Matthias Paul), in seiner eigenen Fabrik im Schockfroster zu Granulat verarbeitet. Verdächtigt wird seine verschwunden geglaubte und titelgebende Ex-Frau Roswita (Milena Dreissig), die wie aus dem Nichts nach sieben Jahren wieder auftaucht und behauptet, an Amnesie gelitten zu haben. Ihr Liebhaber Roland Schnecke (Nicki von Tempelhoff) soll sie einst gedächtnislos im Hainich aufgefunden und als Klofrau an einer Autobahnraststätte unter seine Fittiche genommen haben. Von der Kloß-Königin zur Klo-Königin: Den Wortwitz bespielt der "Tatort" genüsslich von allen Seiten.

Ein weiterer Running-Gag ist der "Soß-Kloß", den Roswita einst erfand. Obwohl dabei die Soße schon im Kloß enthalten ist, traf die "Weltidee" bei der Firma ihres Mannes nicht gerade auf Gegenliebe. "Wir haben zusammengehört wie Soß und Kloß" schwört dennoch die Verdächtige Roswita, deren Figur der Unglaubwürdigen herausragend glaubwürdig gespielt wird. Verdächtig ist neben ihr und ihrem Freund, der als Kloputzer überraschend große Autos fährt, auch Kartoffelbauer Thomas Halupczok, der von Hassenzahl in den Ruin getrieben wurde. Ein starker Jörn Hentschel erschafft aus dem Part die bestgespielte Rolle des "Tatorts", der noch mehr auffährt: Bei Halupczoks Geliebter handelt es sich um Supermarktmanagerin Marion Kretschmar, die Hassenzahls Kloßimperium durch den Umstieg auf Billig-Klöße wirtschaftlich fast zerstörte.

Discounter-Monopole und Autobahntoiletten-Business, Traktor-Verfolgungsjagden und Vergiftungs-Orgien; zudem ein fiebrig erkälteter Kommissariats-Chef (Thorsten Merten), der zu allem Überfluss noch stundenlang ins Kühlhaus eingesperrt wird; außerdem der dauerdümmliche Polizist Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey), der jetzt erst versteht, dass er durchaus noch in der Besoldungsgruppe aufsteigen kann: Im solide geschriebenen und humorvoll umgesetzten "Tatort" Weimar präsentiert sich Thüringen außerhalb der Kulinarik kriminell vielfältig. "Doch warum", um auf Rainald Grebes eingangs erwähnte Frage zurückzukommen, "reduziert man unsere Größe auf Würste und Klöße?" – Der Sänger weiß die Antwort: "Weil die Mamis hier so spitze sind, wenn die einmal Kartoffeln reiben, will man gleich untern Rock und für immer da bleiben. Und die Männer wollen im stillen nur raus in den Garten und Grillen."


Quelle: teleschau – der Mediendienst