Ein Kraftakt, dem sich die Regisseurin Nadine Labaki nicht entziehen wollte: Ihr Film "Capernaum" zeigt das Leben in Beirut mit Kinderaugen. Hart, emotional und zutiefst menschlich.

Das Leben schreibt die besten Drehbücher. Das sagt man nur so leicht, bis man einen Film sieht, der so emotional bewegt, dass man dafür erst Worte erfinden muss. Weil "Capernaum – Stadt der Hoffnung" (Start: 17.1.) so nah dran ist am Leben im Armenviertel von Beirut und weil man diese Echtheit spürt, ist der Film so gut. Trotzdem, und das ist die gute Nachricht, muss man keine Angst haben vor dem gewaltigen Werk von Nadine Labaki (44). Diese zarte und natürlich schöne Frau gehört zu nicht mal einer Handvoll Regisseurinnen aus dem Libanon. Sie stellte für "Capernaum" die Kamera ins Leben, ihre Darsteller weisen erschreckende Parallelen zu den Rollen auf. 500 Stunden Filmmaterial waren das größte und das geringste Problem bei diesen Dreharbeiten, die eine einmalige Erfahrung für Labaki und ihren Mann, den Filmkomponisten Khaled Mouzanar, war. Die erste Belohnung war der Preis der Jury in Cannes, eine Nominierung für einen Golden Globe folgte und auch in der Vorauswahl für den Oscar findet sich "Capernaum" wieder. Im Interview spricht Nadine Labaki über die Arbeit in einem Land, in dem es keine Filmindustrie gibt. Und sie erklärt, warum Krieg zu ihrer Persönlichkeit gehört und was in ihrem Land für eine Frau Freiheit bedeutet.

prisma: Frau Labaki, Sie haben für "Capernaum – Stadt der Hoffnung" nicht nur mit einem kleinen Jungen gearbeitet, sondern auch mit einem Baby. Eine doppelte Herausforderung.

Nadine Labaki: Schon als ich das Script geschrieben habe, dachte ich mir manchmal: Was tust du da? Bist du verrückt? Wie kann ich davon ausgehen, dass ein Kind die Flasche nicht nimmt, wenn ich das möchte, oder ein Zwölfjähriger sich glaubhaft um ein Baby kümmert – doch dann passierten Dinge, die zauberhaft waren.

prisma: Wie gestaltete sich die Arbeit mit Treasure, dem Mädchen, das im Film ein Junge ist?

Labaki: Treasure war nicht mal ein Jahr alt, als wir drehten. Sie stand auf, ging zu einer Tür und drehte sich. Als wir die Szene noch einmal drehten, tat sie genau das Gleiche. Ich kann es nicht erklären, aber es ist eine sehr lebendige Erinnerung. Vielleicht liegt es daran, dass ich Kinder im gleichen Alter habe, eine Tochter wie Treasure und einen Sohn wie Zain. Da arbeitet man intuitiv – ich hatte oft das Gefühl, dass ich gar nicht wirklich eingreife.

prisma: Manches hat vermutlich etwas länger gedauert ...

Labaki: Ja, wenn du möchtest, dass die Kleine schläfrig ist, musst du warten. Normalerweise liefert der Schauspieler, aber hier war das ein Beobachten, auch ein Unsichtbarsein, wir ließen das Leben arbeiten. Mit der normalen Struktur eines Films hat das nichts zu tun. Nach sechs Monaten, in denen wir chronologisch drehten, hatten wir über 500 Stunden Material. Daraus erwuchsen zwölf Stunden Film im ersten Schnitt. Das zu kürzen bricht dir das Herz, denn da sind unfassbare Schätze an Menschlichkeit dabei.

prisma: Ihre Tochter wurde geboren, als Sie mit diesem aufwühlenden Projekt anfingen. Wieso haben Sie sich diesen Kraftakt angetan?

Labaki: Es war nicht an mir, diese Arbeit zu wählen oder zu lassen, sie war eine Gelegenheit. Meine Tochter kam zur Welt, als ich anfing zu schreiben. Und dann fügte sich so vieles: Nach ihrer Geburt wurde bei uns im Haus die Wohnung im ersten Stock frei, so konnte ich in der Vorbereitungszeit dort arbeiten und dann wieder zu ihr gehen. Auch wenn dieser Film emotional tief ging, war ich in dieser Zeit glücklich wie nie.

prisma: Ist der Eindruck richtig, dass es ein wahrer Akt der Liebe war, dass Ihr Mann diesen Film produziert hat?

Labaki: Er wäre sehr glücklich, wenn er das hören würde. Es stimmt. Er ist eigentlich Komponist, dann übernahm er Verantwortung für eine Crew, für Equipment, machte sich an Aufgaben, die er erst lernen musste. Das hat er Schritt für Schritt getan, obwohl wir in prekäre finanzielle Situationen kamen.

prisma: Auch, weil die Suche nach Investoren im Libanon schwierig gewesen sein dürfte.

Labaki: Ja, es gibt nicht wirklich eine Filmindustrie in unserem Land. Es passierte im Kleinen, dafür ist die Liste derer, die etwas gaben, sehr lang. Es waren Leute, die an uns glaubten und daran, dass dieses Projekt größer ist als wir beide.

prisma: Sie leben und arbeiten im Libanon. Bezeichnen Sie sich selbst als freie Frau?

Labaki (denkt länger nach): Ich darf denken, was ich will und mich kreativ ausdrücken. Also habe ich die Freiheit, zu tun, was ich möchte. Da ich aber eine Verantwortung gegenüber meiner Familie habe, würde ich sagen, ich bin nicht ganz frei.

prisma: Lassen Sie Ihren Kindern viele Freiräume?

Labaki: Mein Mann sagt, dass ich manchmal mit den Kindern übervorsichtig bin. Wenn mein Sohn in der Schule einen Streit hatte, kann ich nicht schlafen, versuche eine Lösung zu finden und frage mich, ob ich vielleicht die Mutter des anderen Jungen anrufen soll. Tja, wie machen wir es am besten mit unseren Kindern? Aber sie brauchen ja auch Dinge, gegen die sie rebellieren können, um sich zu entwickeln.

prisma: Sie selbst haben den Bürgerkrieg erlebt, kennen also Krieg ...

Labaki: Er ist meine zweite Natur, gehört zu meiner Persönlichkeit. Im Krieg bist du so eingeschränkt, kommst manchmal tagelang nicht an die Luft. Wenn wir nicht in die Schule durften, schlichen meine Schwester und ich in einen Videoshop, um Filme wieder und wieder anzusehen, bis das Band so dünn war, dass es gerissen ist. Ich habe schon früh beschlossen, dass ich Filmemacherin werden will. Ich wollte Geschichten erzählen. Filme haben mich auftanken lassen in einem Land, in dem eigentlich alles schiefging. Wir sind ein winziger Punkt auf der Landkarte, und wenn du dort lebst, ist dir ziemlich schnell klar, dass du unsichtbar bist. Dann rebellierst du, ballst die Faust und willst etwas ändern an deiner Realität.

prisma: Abschließend noch eine Frage zum Film. Warum treten Sie selbst als Anwältin auf?

Labaki: Als ich in der Vorbereitungsphase war, habe ich viel bei Anwälten oder in Gefängnissen recherchiert, wurde wütend, hatte meine eigenen Theorien und Plädoyers – da fühlte ich mich ein wenig für diese Rolle geeignet. Eigentlich gibt es im Film die Geschichte des Kampfes, den die Anwältin führt, die aber im Gegensatz zu den anderen abends wieder in ihr warmes Bett darf. Das habe ich dann alles weggelassen. Beim Schnitt fühlte es sich an, als sei ich die einzige Lüge im Film. Ich glaube, es war eine falsche Entscheidung.

prisma: Andererseits treten Sie immer in Ihren Filmen auf. Wie stark überlappten sich Film und Realität?

Labaki: Während ich nach dem Dreh in mein Leben zurückgehen konnte, mussten die anderen bleiben, ohne Strom, ohne Wasser. Auch wenn ich nicht weiß, ob dieser Film etwas ändert, war es gut, ihn zu machen. Es geht mir darum, sich verantwortlich zu fühlen. Während des Drehs ergaben sich Schwierigkeiten, wie wir sie im Film zeigen, weil Schauspieler beispielsweise keine Papiere hatten. Das Baby war ohne seine Mutter, wir haben die Realität gefilmt. Das Leben stellte die Bedingungen, wir haben gedreht. Im Film träumte Zain von Schweden, nun ist er mit seiner Familie in Norwegen. Er ist jetzt 14 und vor einem Monat ging er dort das erste Mal zur Schule. Vor zwei Wochen habe ich seinen Ausweis gesehen und er sah auf dem Foto aus wie in unserer Szene.


Quelle: teleschau – der Mediendienst