"Mario, wir beide haben nie richtig Geld gehabt, unsere Träume haben wir längst beerdigt." – Die beiden hartgesottenen Hamburger Kommissare Mario Diller (Nicholas Ofczarek) und Erich Kessel (Fritz Karl) können sich Optimismus nicht leisten. "Reich oder tot" wirft seine Protagonisten in einen Strudel aus Gier, Lügen und moralischen Grauzonen. Das gelingt über weite Strecken sehr gut, offenbart aber auch ein grundlegendes Problem: Regisseur Lars Becker hat zu viel zu erzählen und dafür schlichtweg zu wenig Zeit. ARTE zeigt den nichtsdestoweniger sehenswerten Kriminalfilm jetzt als Vorab-Premiere, bevor der Film auch im Zweiten ausgestrahlt wird.

Ein Banküberfall dreier Gangster ist aus dem Ruder gelaufen. Dank eines Tipps können Diller und Kessel sich an ihre Fersen heften. Einer der Banditen wird von Kessel in Notwehr erschossen, ein anderer kann mit einem Großteil des Geldes fliehen und so bleibt der impulsive Mohammed (stark: Sahin Eryilmaz) zunächst der Sündenbock. Von seiner Frau Dalida (Narges Rashidi) hatten die Polizisten den Tipp überhaupt erst erhalten. Sie will mit Mann und Kind ein anständiges Leben führen, fernab von Kriminalität. Doch so einfach ist das nicht. Weder die Sache mit der Anständigkeit, noch die mit der Familie.

Es ist ganz schön viel los im Krimi-Kosmos: Da wäre zum Beispiel Dillers Affäre mit Claire (Jessica Schwarz), der Ex-Frau seines besten Kumpels Kessel. Oder die finanziellen Probleme der Kessels, die für ihre unter Epilepsie leidende Tochter Ruby (Cya Emma Blaack) einen neuen Hirnschrittmacher benötigen. Der kostet Geld. Geld, das im Banküberfall erbeutet worden ist. Diller und Kessel handeln moralisch nicht immer einwandfrei, man kann sie aber oft verstehen. Die Staatsanwältin Soraya (Melika Foroutan) hingegen nicht. Sie hat Kessel auf dem Kieker. "Ein guter Polizist sitzt nicht so knietief in der Scheiße wie Sie!" Doch, gerade die tun das.

Dramaturgische Mottenkiste

"Reich oder tot" ist bereits Beckers dritter Film über das Cop-Duo, nach "Unter Feinden" und "Zum Sterben zu früh", der ihm den Deutschen Fernsehpreis bescherte. Es gibt also eine Vorgeschichte, aber die ist nicht ständig greifbar. Die Fülle an Figuren und Konflikten führt dazu, dass Becker sich auf Konventionelles verlassen muss, um der Überfrachtung entgegenzuwirken. Man merkt dies an klischeebehafteten Dialogen, plakativen Momenten und an der unfassbar simplen Falle, in die Kessel tappt. Um von A nach B zu kommen, muss auch mal die dramaturgische Mottenkiste herhalten.

Jessica Schwarz und Fritz Karl gehören die emotionalsten und stärksten Szenen des Films. Francis Fulton-Smith hätte mit seinem mafiösen Luka Dragovic auch gut in die Welt der "Goodfellas" gepasst. Unter anderem an ihm zeigt sich Beckers Bewunderung für die Mafia-Epen eines Martin Scorsese. Der Meister hat in seinen Kinofilmen aber auch die nötige Zeit, um seine Geschichten und Figuren auszutarieren. Becker hat die nicht. Dennoch liegt "Reich oder tot" weit über dem Krimi-Durchschnitt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst