Schauspieler Sky du Mont schlüpft in eine ungewohnte Rolle. Im Interview erzählt er, warum er auf der Bühne auch mal den Mittelfinger zeigt.

Ein Image kann hartnäckig sein. Das weiß Sky du Mont nur zu gut. Der ewige Gentleman, der Frauenherzen höherschlagen lässt – das verbinden die meisten mit dem 70-Jährigen. In seinem neuen Job zeigt er eine andere Seite. Er steht bei "Richard O'Brien's Rocky Horror Show" als Erzähler auf der Bühne. Ein Gespräch über Rollenbilder, schlecht gelaunte Zuschauer und Wasserpistolen.

Herr du Mont, wenn ich beim Thema Rocky Horror Show das Stichwort "Mittelfinger" fallen lasse: Was fällt Ihnen dazu ein?

Den habe ich des Öfteren eingesetzt. Ich werde beschimpft, das gehört dazu und ist auch völlig ok, und ich gebe dann witzige Kommentare. Aber es gibt manchmal sehr persönliche Beleidigungen, und dann zeige ich schon mal den Mittelfinger, in dem ich mir damit beispielsweise meine Brille zurechtrücke. Es kommt ja auch vor, dass während gesungen und getanzt wird, ein Zuschauer, der meint er wäre besonders lustig, stört. Auch dann gebe ich meinen Unmut bekannt. Die anderen finden das meistens sehr witzig.

Das heißt, Sie sehen sich nicht nur als Erzähler, sondern vielleicht auch als Aufpasser?

Nein, das steht mir nicht zu. Nur: Ich bin ja nun der einzige Deutsche auf der Bühne und verstehe, was gerufen wird.

Diese Reaktion des Publikums ist ja für die Bühne sehr ungewöhnlich, gehört bei Rocky Horror aber schon traditionell dazu...

Das macht natürlich auch den Charme des Stücks aus. Das fängt damit an, dass Leute Popcorn werfen oder mit der Wasserpistole spritzen, das ist ein Happening! Und das macht natürlich auch den Spaß an der Geschichte aus, das ist einer der Gründe, warum ich das so gerne mag. Für mich als Theaterschauspieler ist die Rampe mit dem Vorhang ja so etwas wie die vierte Wand, wie man sagt – und die gibt es hier nicht. Das reizt mich.

Wobei es doch, wenn es persönlich wird, sicher auch eine Belastung werden kann ...

Ja, aber das ist selten. Normalerweise sind das die üblichen, lustigen Bemerkungen. Und manchmal muss ich auch sehr, sehr lachen. Sehr vieles ist sehr originell. Ich würde sagen: Alle fünf Shows sitzt mal einer im Publikum, der nicht so gut drauf ist.

Aber glauben Sie, das hat etwas mit Ihrer Person zu tun?

Nein, das wäre wahrscheinlich egal, wer da steht. Manche Leute mögen einen, manche nicht.

Sowohl der Film als auch das Bühnenprogramm haben Kultstatus, manche Fans können jede Szene mitsprechen und -singen, es gibt bestimmte Rituale. Wie schwierig war es in Ihren Augen einen solchen Film überhaupt auf die Bühne zu bringen und ihm trotzdem gerecht zu werden? Es scheint ja funktioniert zu haben.

Ja, aber ich glaube, dass der Film gar nicht mehr funktioniert, weil er statisch ist. Das Gute an dem Stück ist ja: Wir haben tolle Musik, auch wenn man die Handlung hinterfragen kann, und wenn man bei guter Musik nicht nur mit dem Fuß mitwippen darf, sondern auch tanzen, aufspringen, mitsingen kann, zieht man das Publikum mit auf die Bühne. Normalerweise klebt man auf seinem Stuhl und versucht nicht zu viel zu husten. Ich weiß noch, wie ich in Oberhausen vor 3000 Zuschauern stand, mich verbeugte und dachte: „Das ist ja unfassbar!“ Deshalb glaube ich, dass die Bühne längst den Film überholt hat. Und wir sehen, dass teilweise immer wieder die selben Leute kommen, immer auf den gleichen Plätzen. Das fasziniert mich schon.

Das heißt, die Bühnenproduktion ist vielleicht sogar so erfolgreich, weil sie dem Film gerade nicht gerecht wird? Oder gar nicht gerecht werden muss?

Genau. Sie hat sich einen Schritt weiterentwickelt.

Das klingt, und da wären wir beim Thema Köln, ein bisschen wie Karneval.

Nicht ganz, es ist ja nur ein Teil der Zuschauer kostümiert, aber Stimmung kann der Kölner ja gut. Er macht gerne mit.

Das heißt, Sie erwarten von dem Publikum hier noch mal etwas mehr als woanders? Oder glauben Sie an diese Mentalitätsunterschiede nicht?

Doch, oh ja, es gibt Mentalitätsunterschiede. Wir waren zum Beispiel alle erstaunt, wie die Leute im Norden mitgegangen sind. Das hätte auch ich nicht erwartet. Sehr begeisterungsfähig, Hamburg, Kiel, Bremen und so waren Riesenerfolge. Der Rheinländer ist natürlich schon jemand, der … (schnalzt mit der Zunge) mitmacht und das gerne mag. Das ist immer ein großes Vergnügen. Das hängt aber natürlich auch immer davon ab, in welchem Theater man ist.

Sie haben ja selbst schon gesagt, die Geschichte von Rocky Horror wird heute durchaus zwiespältig betrachtet. Warum aber funktioniert sie heute noch so gut?

Umso mehr funktioniert sie heute, weil sie so schräg ist. Sie gilt schon als Kultobjekt, als Märchen. Wenn die Realität sehr nahe wäre, dann hätte man wahrscheinlich größere Probleme, das alles zu glauben. So aber ist alles so schräg, dass man sich für ein paar Stunden leicht drauf einlassen kann.

Und gibt es innerhalb einer solchen Produktion noch Möglichkeiten, sie weiterzuentwickeln? Oder erwartet das Publikum, gerade wenn es mehrmals kommt, immer die selbe Show?

Es ist der gleiche Regisseur, aber es sind andere Darsteller, andere Tänzer, aber natürlich gibt es einen Rahmen. Sie können ja auch einen Hamlet nicht wirklich verändern. Vielleicht wird der eine ihn  gegen einen Baum pinkeln lassen, der andere will es so machen wir Shakespeare, diese Möglichkeiten haben wir natürlich nicht.

Nun haben Sie die Rolle des Erzählers, der immer wieder mal einspringt. Was aber machen Sie in der Zwischenzeit? Genießen Sie die Show?

Sie werden das jetzt vielleicht nicht glauben, aber sehr oft bleibe ich hinter der Bühne sitzen, weil ich die Musik so gut finde. Auch weil es Live-Musik ist, die ich sehr mag. Abgesehen davon genieße ich das immer noch, und das Ensemble ist inzwischen wie eine Familie. Ich kenne alle, auch die ganzen Bühnenarbeiter, das mag ich sehr – sonst würde ich es auch nicht machen.

Sie haben es schon angesprochen: Von Haus aus sind Sie Theaterschauspieler. Bleibt Ihnen dafür noch Zeit?

Nein, das mache ich gar nicht mehr. Auf der Bühne bin ich nur noch bei Lesungen oder bei Rocky Horror. Ich spiele aber vor allem deshalb nicht mehr, weil ich nicht mehr bereit bin, drei oder vier Stücke zur selben Zeit zu spielen und jeden Abend auf die Bühne zu gehen, auch wenn mein Sohn vielleicht vom Baum gefallen ist und sich etwas gebrochen hat. Da geht mir mein Privatleben einfach vor.

Klingt aber auch nicht so, als würde es Ihnen fehlen ...

Theater? Nein, das fehlt mir nicht. Ich habe das sehr lange gemacht und bin jetzt an einem Punkt, an dem ich es nicht mehr machen möchte. Wenn ich selbst in einem guten Stück sitze, bekomme ich schon Lust, aber ich kriege auch schon mal Lust eine Marzipan-Torte zu essen und esse sie nicht. Das geht dann ganz schnell wieder vorbei und dann ist es gut.

Sie haben ja durchaus ein gewisses Image – auch in Ihren Rollen. Sie spielen häufig Gentlemen, weltgewandt, höflich. Auf den ersten Blick passt das gar nicht zu Rocky Horror, schaut man sich die Rolle des Erzählers an, aber vielleicht doch?

Ich habe immer versucht Dinge zu machen, die ein bisschen gegen den Strich gehen. Das ist ja der Reiz meines Berufes, dass man sich verwandeln darf. Deshalb gehe ich auch nicht zum Karneval, denn das habe ich ja in meinem Beruf schon die ganze Zeit. Aber ich denke auch, dass sich das Image geändert hat. Früher habe ich die Bösewichte gespielt, und dann fing ich an, mich über mich selbst lustig zu machen. Und das haben die Leute honoriert und sagen mir das auch. Und das tut schon gut.

Weil Sie auch schon mal schlechte Erfahrungen gemacht haben?

Ja, selbstverständlich. Wenn Sie immer nur die bösen Rollen spielen und als der Arrogante im Derrick rumlaufen, glauben die Leute, Sie sind so. Schauspieler werden sehr oft mit ihren Rollen verwechselt. Das geht ganz schnell. Deshalb muss man sich hüten, immer das Gleiche zu spielen. Und natürlich hat mich das verletzt, als ich 25 war und die Leute gedacht haben, ich würge gleich jemanden. Aber das hat sich ja Gott sei Dank total geändert.

Auch, weil Sie bewusst gegengesteuert haben?

Ja, ich habe irgendwann beschlossen, nicht mehr die Bösewichte zu spielen, und dann habe ich bestimmt vier fünf Jahre am Theater andere Sachen gemacht. Und irgendwann hat man gemerkt, dass es keinen Sinn mehr macht, mir solche Rollen anzubieten. Und dann, spätestens mit den lustigen Geschichten, war das vorbei, aber das war keine ganz leichte Zeit, und das habe ich ganz bewusst gemacht.

Irgendwann sind Sie ja auch in die USA gegangen. War auch das ein bewusster Schritt in Richtung Neuanfang?

Nein. Wir Schauspieler haben alle den Traum von Hollywood, und den habe ich ausgeträumt, weil ich gesehen habe, dass in Amerika kein Deutscher Karriere machen wird. Wir können drüben drehen, ich habe den Stauffenberg gedreht und sogar einen Golden Globe gewonnen, aber das hat hier niemanden interessiert. Wäre ich 20 und blond gewesen und hätte große Brüste gehabt, hätte das sicher anders ausgesehen. Nein, aber das mit den USA war eine andere Sache. Mir wurde das angeboten, ich war privat gerade in einer sehr schwierigen Situation und dann habe ich gedacht: "Gut, gehe ich drei Jahre nach Amerika und mache drei Jahre lang 'General Hospital'." Danach bin ich reumütig zurückgekommen und habe gedacht: "Mensch, ist das toll hier! Hier kannst du auf die Straße gehen, ohne dass du erschossen wirst."  Ich übertreibe, aber ich glaube, die meisten Menschen ahnen gar nicht, wie toll wir es hier haben. Auch was die Situation der Schauspieler angeht. Deren Durchschnittseinkommen hier liegt weit höher als in Italien, Frankreich oder den USA. Wir haben so viele Theater, wir haben Synchron, wir haben Komödie, Fernsehen, so viele Kanäle! Das ist ein Paradies für Schauspieler.

Trotzdem können von dem Beruf lange nicht alle leben.

Was aber nicht an den Gagen liegt, sondern daran, dass sich jeder Schauspieler schimpfen darf. In anderen Ländern musst du in die Gewerkschaft, und da kommst du nur rein, wenn du ein ausgebildeter Schauspieler bist. Ich bin einer, aber die meisten werden auf der Straße angesprochen. Deshalb haben wir ja auch keine starke Gewerkschaft.

Das klingt trotzdem lange nicht so pessimistisch wie bei vielen anderen Kollegen.

Weil viele das nicht mit anderen Ländern vergleichen. Ich habe beispielsweise lange in England gelebt, da kriegen Sie ein Theaterengagement, fangen in der Provinz an zu spielen – für nichts, für ganz, ganz wenig –, und dann kommen Sie nach London und wenn dann nach einer Woche die Bude nicht voll ist, dürfen Sie Ihre Garderobe wieder räumen. Wir hier kriegen Verträge über drei Monate. Auch wenn das Stück nicht läuft, kriegen wir Geld. Das ist das Paradies! Da muss ich leider sehr rabiat sagen: Die Leute, die jammern, jammern auf sehr hohem Niveau und haben nicht sehr viel Ahnung. Ich habe beispielsweise für die BBC gedreht. Wenn die Leute wüssten, was da für geringe Gagen bezahlt werden, würden sie das Maul nicht aufreißen.

Nun kommen seit einiger Zeit ja auch noch Streaming-Dienste wie Netflix mit teils hervorragenden Eigenproduktionen dazu. Sehen Sie das als Chance?

Ich bin ehrlich gesagt überrascht, dass viele Menschen in den oberen Etagen der Fernsehsender noch nicht begriffen haben. Ich beispielsweise schaue ganz wenig fern, ich nehme mir mein Tablet und schaue darauf Serien. Im Fernsehen schaue ich noch Reportagen, ich schaue die Nachrichten, aber mein Fernsehprogramm stelle ich mir selbst zusammen. Da fange ich an, wann ich will und mache Pause, wann ich will. Da muss was passieren im deutschen Fernsehen, denn die Situation wird immer härter werden.

Und sind Anbieter wie Netflix auch eine Chance für deutsche Schauspieler? Schließlich gibt es für die kaum noch einzelne Märkte, sondern nur noch einen globalen.

Nein, das glaube ich nicht. Jedes Land hat trotzdem seine eigenen Stars. Hier lächeln uns die Leute auf der Straße an, aber wenn ich mich in den Zug setze und nach Holland fahre, kennt mich keine Sau mehr. Ich erinnere mich mal an eine Besprechung, bei der es um den Plan ging, europäisches Fernsehen zu machen. Und ich sagte: "Ihr habt keine Ahnung. Die Italiener gucken auf die deutschen Filme herab, die Deutschen auf die italienischen, die Engländer auf die Französischen und so weiter." Deshalb glaube ich nicht, dass man alle für gemeinsame Produktionen an einen Tisch bekommt. Und Netflix wird, wenn es etwas für Deutschland macht, sich deutsche Stars einkaufen müssen.