Für seine neue Serie interpretiert Amazon Prime Tom Clancys berühmteste Schöpfung neu – und setzt dabei auf Grauzonen, statt auf billige Klischees: John Krasinski kämpft als "Jack Ryan" gegen ein Terrornetzwerk.

Mit einer neuen eigenproduzierten Thrillerserie "Tom Clancy's Jack Ryan" wagt sich Prime Video an ein Stück amerikanisches Kulturgut. Schließlich bedient man sich am literarischen Oeuvre des 2013 verstorbenen Bestsellerautors Tom Clancy, der im Laufe seiner Karriere über 100 Millionen Romane verkauft hat. Seine bekannteste Schöpfung ist die Figur des CIA-Agenten Jack Ryan, der bereits von Alec Baldwin ("Jagd auf roter Oktober"), Harrison Ford ("Die Stunde der Patrioten", "Das Kartell") und Chris Pine ("Jack Ryan – Shadow Recruit") verkörpert wurde. Nun bedienen sich die TV-Experten Carlton Cuse ("Lost") und Graham Roland ("Fringe") am reichhaltigen Fundus des konservativen Autorenstars und unterziehen die Heldenfigur einer Frischzellenkur, um sie für die Politik der heutigen Welt fit zu machen. Alle acht Folgen der ersten Staffel sind ab Freitag, 31. August, via Prime Video verfügbar.

Klar, der von John Krasinski ("A Quiet Place") überzeugend dargestellte Titelheld ist immer noch ein Patriot, aber einer mit Herz und Verstand. Die neuen Abenteuer dieses modernen Jack Ryan basieren nicht mehr auf einem konkreten Roman aus der Feder Clancys, viel mehr kann man den hochbudgetierten und actionreichen Agenten-Thriller als geistigen Nachfahren von "Homeland" bezeichnen. Auch wenn sich der neue Actionheld seine TV-Sporen erst mal verdienen muss, ist der Auftakt zu einer mehrere Staffeln umspannenden Weltenrettungs-Mär sehr vielversprechend.

Der Jack Ryan von 2018 arbeitet als CIA-Analyst hinter einem Schreibtisch. Die Kernkompetenz des Kriegsveterans und Ökonomie-Doktors ist die Analyse von Terrorfinanzierung. Dass er mit dem ominösen Suleiman (Ali Suliman) einen potenziellen neuen Bin Laden ausfindig gemacht haben könnte, glaubt ihm sein Chef James Greer (Wendell Pierce, "The Wire") aber zunächst nicht. Schließlich wurde Greer gerade erst degradiert und mit einer neuen Aufgabe betraut: "Wow, ein neuer Bin Laden, gleich an meinem ersten Tag – wer hätte das gedacht?" Doch bald stellt sich heraus: Ryan hatte recht. Plötzlich finden sich der Bürohengst und sein Boss im Außendienst wieder. In einer geheimen Militärbasis kommt es zur ersten spektakulären Konfrontation mit den Terroristen...

Auch wenn es anders klingen mag: "Jack Ryan" verzichtet auf simple Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Die Feinde der freien Welt werden nicht als stumpfe, unkultivierte Barbaren gezeigt. Stattdessen erhalten auch die Islamisten einen glaubhaften Hintergrund – die Gewalt, die sie im Libanonkrieg während ihrer Kindheit erleiden mussten, machte sie zu dem, was sie heute sind. Sogar die Frau des Terrorfürsten ist keine simple Mitläuferin: Die von Newcomerin Dina Shihabi hervorragend gespielte junge Mutter hegt keineswegs Sympathien für Terror, Hass und Gewalt und erscheint als komplexer, starker und eigensinniger Charakter.

Dass "Jack Ryan" prinzipiell unpolitisch sei, wie es die Macher behaupten, mag man ihnen indes nicht vollends abkaufen. Natürlich: die Konflikte und Figuren sind vielschichtig, statt einfacher Lösungen gibt es moralische Grauzonen. Vom inhärenten Clancy-Patriotismus kann sich aber auch die neueste Adaption nicht lösen, zudem fungiert Hollywoods-Ober-Patriot Michael Bay als Produzent. Und trotzdem ist Ryan ein Grübler, kein Haudrauf-Macho, sondern eine glaubwürdige Agentenfigur. Das Ganze ist definitiv politisch und pro-amerikanisch, verschreibt sich aber einem Idealbild Amerikas, das in Zeiten Donald Trumps immer mehr Risse erhält.

Übrigens zeigt sich, dass der 9/11-Alptraum nach wie vor tief im Bewusstsein der US-Bevölkerung verankert ist. Bedenkt man, dass Autor Graham Roland als Marine im jüngsten Irakkrieg kämpfte, verwundert es kaum, dass dieses nationale Trauma an allen Ecken und Enden der Serie anklingt. Was die Amerikaner aber auch beweisen: Die Regeln des Quality TV beherrschen sie in Perfektion. Die Produktionswerte von "Jack Ryan" sind hoch, sowohl dramaturgisch als auch inszenatorisch wird hier Streamingunterhaltung allererster Güte geboten – mit Morten Tyldum ("The Imitation Game") wurde sogar ein oscarnominierter Regisseur für die Pilotfolge verpflichtet.

Am 21. August feierte Amazons Agentenserie ihre Deutschlandpremiere in München. Als Gäste waren unter anderem Amazon-Prime-Chef Dr. Christoph Schneider sowie der deutsche Schauspieler Erdal Yildiz zugegen. Yildiz tritt ab Folge sechs in einer Nebenrolle in Erscheinung. Vom Dreh einer Massenszene mit 600 Statisten bei 50 Grad in Marokko schwärmt der Darsteller noch heute: "Ich habe jeden einzelnen dieser Statisten geliebt. In diesem Moment kommt es einfach auf dich an. Dann darfst du nicht deinen Text vergessen."

Eine zweite Staffel von "Jack Ryan" befindet sich bereits jetzt in Produktion, gedreht wird unter anderem in Kolumbien. Denn: Die Gefahr lauert überall – auch heute noch.


Quelle: teleschau – der Mediendienst